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Ghadhafis Spitzel kannten keine Gnade

Mit wüsten Drohungen hatte Libyens Machthaber Muammar al-Ghadhafi seinen Gegnern gedroht: «Strasse für Strasse, Haus für Haus» werde er sie jagen. Wie sich jetzt zeigt, waren das keine leeren Worte.

Hielt sich dank eines ausgeklügelten Spitzelsystems jahrelang an der Macht: Muammar Ghadhafi.
Hielt sich dank eines ausgeklügelten Spitzelsystems jahrelang an der Macht: Muammar Ghadhafi.
Reuters

Seitdem die Rebellen die Hauptstadt Tripolis eingenommen und Muammar Ghadhafi in die Flucht getrieben haben, tritt schrittweise das gesamte Ausmass der 42 Jahre währenden eisernen Herrschaft Ghadhafis zutage. Sichtbar wird auch: Ghadhafi hatte ein umfassendes Netz von Agenten und Spitzeln in Tripolis gespannt, das in jeden Stadtteil und tatsächlich beinahe in jeden Haushalt reichte.

Ein unauffälliges Bürogebäude in der Baladija-Strasse, nicht weit entfernt vom inzwischen in Platz der Märtyrer umbenannten früheren Grünen Platz, war einer der Knotenpunkte dieses Überwachungsapparates. «Das hier war der Kontrollraum für ganz Tripolis», sagt Abdelkarim Gadder, der für die Jagd auf Ghadhafis Geheimagenten zuständig ist.

Sondereingänge für Sicherheitskräfte

Er zeigt auf drei riesige Satellitenkarten, auf denen auch die kleinste Strasse der Hauptstadt zu erkennen ist. Grüne Reissnägel zeigen unzählige Tore, durch die Sicherheitsbeamte bei der Jagd nach Ghadhafi-Gegnern schnell in die Stadtteile vorrücken konnten.

«Nach dem Beginn des Widerstandes hat sich die Zahl der Kontrollpunkte und der Kommunikationskanäle verdoppelt», sagt Gadder. Bilder von Strassenkameras liefen auf grossen Fernsehbildschirmen - Agenten und Informanten konnten so genau sehen, wer sich an den Mitte Februar begonnenen Protesten gegen Ghadhafi beteiligte.

«Es ging um Autos und medizinische Behandlungen»

Auf Grundlage der so gewonnenen Informationen drangen die Sicherheitskräfte in ein Haus nach dem anderen ein, um Regierungsgegner festzunehmen. «Es gab für fast jeden Haushalt einen Spitzel», sagt Gadder. «Ghadhafis Regime wusste, wer in jeder Wohnung lebte, wer zu ihm stand und wer gegen ihn war.»

Als Beispiel nennt Gadder den Stadtteil Suk al-Dschumaa im Südosten der Hauptstadt, eines der frühen Widerstandsnester gegen Ghadhafi nach Beginn der Proteste. «Allein in diesem kleinen Stadtteil gab es fünf feste Kontrollpunkte, 14 mobile Kontrollstellen, 170 bewaffnete Männer und 90 Mann Verstärkung.»

In dicken Aktenordnern sind die Namen der grossteils bewaffneten Agenten festgehalten, die sich aus mehr als 15 verschiedenen Diensten zusammensetzten - etwa aus der Armee, dem Innenministerium, den Geheimdiensten, der Militärpolizei oder den Revolutionsräten.

Während Gaddafis Herrschaft gab es in Tripolis mindestens 500 rangniedrige Geheimagenten, unter ihnen auch Taxifahrer. Nicht mehr als 400 Dinar verdienten sie, umgerechnet 330 Dollar. Die tausenden höherrangigen Offiziere bekamen bis zu 1200 Dinar. «Wichtig war nicht das Gehalt», sagt Gadder. «Es ging um Autos, Wohnungen, Geld für medizinische Behandlungen.»

Viele Beweise sind verschwunden

Die meisten der Agenten sind nun auf der Flucht. Wer kein Blut an den Händen habe, könne für die neuen Geheimdienste weiterarbeiten, beteuert Gadder. Wer Verbrechen begangen habe, solle aber vor Gericht gestellt werden.

Im Einzelfall aber dürfte sich diese Unterscheidung schwierig gestalten. Viele Beweise sind verschwunden, Gaddafis Männer haben bei ihrer Flucht nach dem Einmarsch der Rebellen in Tripolis am 20. August alle Computer zerstört. Es gebe nur Papierdokumente, sagt Gadder.

Weitere Beweise seien bei den Nato-Luftangriffen auf das Hauptquartier von Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi vernichtet worden. Das ganze Ausmass von Gaddafis Spitzelnetz wird daher wohl nie ans Licht kommen. «Wir werden niemals wissen, was verloren gegangen ist», sagt Gadder. «Es fehlen viele Sachen.»

SDA/pbe

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