Frei, aber nicht in Sicherheit

Die christliche Bäuerin Asia Bibi wurde 2010 in Pakistan wegen Blasphemie zum Tode verurteilt. Nun ist sie freigesprochen worden.

Nun kam völlig überraschend der Freispruch: Asia Bibi. (Archivbild)

Nun kam völlig überraschend der Freispruch: Asia Bibi. (Archivbild)

Hans Brandt@tagesanzeiger

Seit 2009 war sie im Gefängnis, zum Tode verurteilt wegen Beleidigung des Propheten Mohammed. Immer in Einzelhaft – zu ihrem eigenen Schutz. Sogar ihr Essen musste Asia Bibi sich selbst zubereiten, um einer möglichen Vergiftung vorzubeugen. Radikal-islamische Gruppen haben in Pakistan grossen Einfluss. Lynchmorde wegen angeblicher Blasphemie kommen immer wieder vor.

Gestern dann kam völlig überraschend der Freispruch. Bibi durfte das oberste Gericht in der Hauptstadt Islamabad verlassen – einfach so. «Ich kann das kaum glauben», sagte die 47-Jährige der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. «Ich kann gehen? Lassen Sie mich wirklich raus?» Es habe, befanden die Richter, keine stichhaltigen Beweise für Blasphemie gegeben. Das 2010 verhängte Todesurteil, das 2014 noch einmal bestätigt worden war, wurde für ungültig erklärt. Ein spektakulärer, weltweit bekannter Fall nahm eine neue, spektakuläre Wende.

Bollwerk gegen die Säkularisierung

«Asia Bibi», schrieb der US-amerikanische Journalist John Allen, «ist die wohl berühmteste einfache Bäuerin aus dem Punjab – und sie kann weder lesen noch schreiben.» Der Fall der Christin, die von ihren muslimischen Nachbarinnen angeschwärzt worden war, wurde von christlichen Organisationen genau verfolgt. Papst Franziskus betete immer wieder für die Katholikin aus Pakistan. In der Schweiz begrüsste gestern die Organisation Christian Solidarity International die Freilassung.

Bibi erntete am 14. Juni 2009 mit anderen Bäuerinnen Früchte auf einem Feld. In einer Pause trank sie aus einem Metallbecher Wasser. Das erzürnte die Nachbarinnen. Sie habe als Christin den Becher verunreinigt, keine Muslimin habe so noch daraus trinken können. Es folgte ein Streit, während dem Bibi sich abfällig über den Propheten Mohammed geäussert haben soll. Sie, ihr Mann und die fünf Kinder wurden zu Hause überfallen und verprügelt. Dann wurde sie verhaftet.

Die Blasphemiegesetze gelten erz­konservativen Islamgelehrten als Bollwerk gegen die Säkularisierung. Auch Politiker bekennen sich zu den Gesetzen, um radikale Gruppen für sich zu gewinnen. Sogar der im August gewählte Premierminister Imran Khan, als Cricketspieler berühmt geworden, versprach im Wahlkampf, die Blasphemiegesetze zu verteidigen.

«Wer in Pakistan einmal der Blasphemie beschuldigt wurde, kann hier nicht mehr leben.»Anwalt von Asia Bibi

Der damalige Gouverneur der Provinz Punjab, Salmaan Taseer, besuchte Asia Bibi im Gefängnis und kritisierte die Blasphemiegesetze. Daraufhin wurde Taseer 2011 von seinem Leibwächter erschossen. Der Leibwächter wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet – aber für radikale Islamisten ist er ein Märtyrer, den sie bis heute verehren. Auch der Minister für Minderheiten, Shahbaz Bhatti, wurde 2011 ermordet, weil er sich gegen die Blasphemie­gesetze gestellt hatte.

Wie hitzig die Debatte ist, zeigte sich nach dem Freispruch: Es gab heftige Demonstrationen in mehreren Städten. Das Gebiet um den obersten Gerichtshof wurde abgeriegelt. Experten sagten, es gebe nur eine Möglichkeit, Asia Bibi und ihre Familie zu schützen: Sie müssten sofort ausser Landes geflogen werden. «Wer in Pakistan einmal der Blasphemie beschuldigt wurde», sagte ihr Anwalt, «kann hier nicht mehr leben.»

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