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Figuren in einem politischen Spiel

Trumps Friedensplan würde Orte, in denen arabische Israelis wohnen, einem künftigen Palästinenserstaat zuschlagen. Bewohner sind empört.

Alexandra Föderl-Schmid, Kafr Qasim

Der Muezzin ruft, und Esawi Freige bittet ins Innere seines Heims in Kafr Qasim. Dabei ­hätte der Wirtschaftsprüfer und ehemalige Abgeordnete mit ­seiner donnernden Stimme auch draussen die Rufe übertönt. Denn Freige schreit fast vor ­Empörung, wenn er über Donald Trumps Nahostplan spricht: «Welcher Plan? Das ist nur ein politischer Spin, ein Trick, eine Wahlkampfhilfe für Benjamin Netanyahu. Und wir, die arabische Bevölkerung, werden als ­Figuren in einem politischen Spiel missbraucht.»

Auch Freige hat einige Tage gebraucht, ehe er auf jenen Aspekt in der auf 181 Seiten niedergeschriebenen amerikanischen «Vision zur Verbesserung des ­Lebens der Palästinenser und Israelis» stiess, der seine Empörung auslöst: Etwa 350'000 arabische Israelis – mehr als ein Drittel der im Land lebenden ­Palästinenser – sollen in einen palästinensischen Staat trans­feriert werden.

Die Grenzen neu zeichnen

Sie leben in zehn Städten in der Nähe des nördlichen Teils des Westjordanlandes im sogenannten Triangle, dem Dreieck: Nach dem Krieg und der Staatsgründung bestanden die Israelis 1949 bei der Unterzeichnung des Waffenstillstands mit den arabischen Staaten darauf, dass diese Orte aus Sicherheitsgründen in ihr Staatsgebiet fallen. Nun sollen laut dem US-Plan «die Grenzen Israels neu gezeichnet werden, sodass die Triangle-Gemeinden Teil des palästinensischen Staates werden» könnten. Die Rechte der Bürger würden sich dann nach den Vorschriften des neuen Staates richten.

Gleichzeitig sollen die von den rund 450 000 Siedlern im Westjordanland besetzten Ge­biete Teil des israelischen Staats werden. Die Annexion kann laut ­US-Regierung sofort nach den israelischen Wahlen Anfang März vorgenommen werden, ein palästinensischer Staat wird erst nach der Erfüllung einer Reihe von Bedingungen in Aussicht ­gestellt. «Die Siedler rein, die arabischen Israelis raus», nennt Freige diese Formel und be­zeichnet die Vorgehensweise als ­«ethnische Säuberung».

Ein Staat, «kein Gefängnis»

Freige, der an der Hebrew University in Jerusalem Jura studiert hat und bis September sechs ­Jahre lang als einziger arabischer Abgeordneter für die linke Meretz-Partei in der Knesset sass, empört sich weiter: «Seit 56 Jahren lebe ich in diesem Staat, ich bin hier geboren. Man gibt uns nicht einmal die Wahl, zu entscheiden.» Erst wenn es einen souveränen palästinensischen Staat gebe «und kein Gefängnis», so Freige, könnte man den in ­Israel lebenden Palästinensern die Frage stellen, wo sie leben möchten. Er sei sicher, die meisten würden sich für den palästinensischen Staat entscheiden.

Esawi Freige war bis September Knesset-Abgeordneter. Foto: PD
Esawi Freige war bis September Knesset-Abgeordneter. Foto: PD

Auf die Frage, welche Entscheidung er treffen würde, antwortet Freige: «Es ist nicht fair, diese Frage jetzt zu stellen. Zuerst muss die Staatsfrage entschieden werden.» Er glaube ohnehin nicht mehr an eine Zweistaatenlösung, weil das wegen der Siedlungen nicht mehr möglich sei. «Es wird auf eine Einstaatenlösung hinauslaufen.»

Sein Grossvater sei unter der türkischen Herrschaft geboren worden, sein noch lebender 80-jähriger Vater während der britischen Mandatszeit, er selbst in Israel. «Mein Sohn ist elf ­Jahre alt. Ich weiss nicht, in welchem Staat er einmal sein Leben ­beenden wird.» Man könne sich das kaum vorstellen, «wenn ­einfach mit einem Federstrich 350'000 Menschen von ihrem Staat entfernt werden, in dem sie aufgewachsen sind».

Wahlhilfe für Netanyahu

Erstaunt habe ihn der Vorschlag nicht, denn Ex-Verteidigungsminister Avigdor Lieberman von der nationalistischen Partei Unser Haus Israel hat den Plan häufiger zur Diskussion gestellt. «Für mich war überraschend, dass Trump das übernommen hat.» Er habe wohl seinen Freund Netanyahu gefragt: «Was willst du, wie kann ich dir im Wahlkampf helfen? Schreib es auf, ich übernehme es.» Durch dieses Angebot solle Lieberman die Tür ­geöffnet werden, damit dieser wieder in die Koalition einsteige und Netanyahu nach der Par­lamentswahl am 2. März erneut Ministerpräsident werden könne, meint Freige.

Jüdische Freunde schweigen

Er selbst wurde von der Partei, die mit der Arbeitspartei gemeinsam in einem Bündnis antritt, nur auf dem aussichtslosen elften Listenplatz gesetzt. Darüber sei er enttäuscht, gibt Freige zu. Aber «richtig Sorgen» mache ihm etwas anderes: «Das Schweigen meiner jüdischen Freunde. Ich hätte erwartet, dass sie sagen, hier ist eine rote Linie überschritten worden.»

David Goldman, der in Kafr Qasim und Petah Tikva eine Marmorfabrik betreibt, findet es «schlicht verrückt», dass hier der Grenzverlauf verschoben werden soll. Denn er frage sich, wie man das praktisch umsetzen wolle. Er selbst beschäftigt fast nur arabische Israelis als Arbeiter, und ­seine Produktionsstätte wäre dann womöglich auf palästinensischem Gebiet. «Vielleicht hat man sich zu wenig Gedanken gemacht, wie die Realität vor Ort aussieht», sagt der 55-Jährige, ehe er in seinen Pick-up springt. «Über andere Teile kann man aber reden», ruft er aus dem offenen Fenster und fährt los.

Unter den rund 25'000 Bewohnern in Kafr Qasim leben nur etwa 40 Juden, die meisten von ihnen sind mit Palästinensern verheiratet. Eine ist Golda, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. «Aus Angst vor Drohungen. Denn ­dieser Plan sät Zwietracht, das ist das Schlimme daran. Auch wenn er nie umgesetzt wird.»

Sechzig Kilometer von Kafr Qasim entfernt liegt die Stadt Umm al-Fahm, die etwa 56'000 Einwohner zählt. Hier ­befindet sich die einzige Kunstgalerie der arabischen Orte. Gründer Sayid Abu Shaqra hat sich zum Ziel gesetzt, nicht nur Kunst von Palästinensern und ­Israelis auszustellen, sondern auch eine Begegnungszone zu schaffen. Und so wie sich ein ­rotes Band des Künstlers Doron Gazit um das Haus windet, in dem sich die Galerie befindet, sieht der Palästinenser auch die Orte des Dreiecks und Israel eng verbunden. «Ich versuche seit Jahren hier eine neue Art von Dialog zustande zu bringen. Und all diese Bemühungen werden jetzt zerstört durch diese Vorschläge.»

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