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Die nächste Stunde null im Südsudan

Ein neues Abkommen soll den Menschen im jüngsten Land der Welt endlich Frieden bescheren. Bisher ist die Abhängigkeit von Hilfsorganisationen immens.

Unterwegs im Südsudan. Der Bürgerkrieg hat nach der Unabhängigkeit einen Staat geschaffen, in dem ohne Hilfswerke nichts funktioniert. Foto: Marco Di Lauro (Getty Images)
Unterwegs im Südsudan. Der Bürgerkrieg hat nach der Unabhängigkeit einen Staat geschaffen, in dem ohne Hilfswerke nichts funktioniert. Foto: Marco Di Lauro (Getty Images)

Thuch Aguot sagt, diese neue Erfindung sei wirklich eine Sensation, die alles ­verändere. Aguot steht auf einem ­kargen Stück Erde im Südsudan und schnallt seine beiden Ochsen vor einen Pflug, mit dem die beiden Tiere nun den trockenen und harten Boden aufreissen sollen. Die Tiere rennen nach rechts und links, es staubt ein wenig, und als der Staub sich verzogen hat, sind ein paar Furchen zu sehen.

«Früher musste ich mit einem Pickel auf dem Boden knien und die Erde ­aufhacken, das war schrecklich», sagt Aguot, als ob er gerade Zeuge einer weltweiten Revolution geworden sei. In ­weiten Teilen des Südsudan ist der ­uralte Ochsenpflug derzeit unbekannt. Und in jenen Regionen des Landes, in dem er schon einmal benutzt wurde, scheint er vergessen. Aus dem historischen Gedächtnis gestrichen, durch Krieg und Vertreibung.

Der neue Friedensplan

Der Südsudan ist das jüngste Land der Welt, 2011 wurde es vom Rest des Sudan unabhängig und versank zwei Jahre ­später schon wieder im Bürgerkrieg, in dem es einfach darum geht, wer das grösste Stück vom Kuchen abbekommt. Verschiedene Volksgruppen kämpfen um die Vorherrschaft, um die Millioneneinnahmen aus dem Öl und die Posten in Regierung und Armee. Hunderttausende Menschen starben, 4 Millionen sind auf der Flucht, gerade verhandeln die Führer mal wieder darüber, ob es einen nachhaltigen Frieden geben kann.

Am Dienstag sagten die Rivalen, es habe eine Einigung gegeben, bis Mitte Februar wollen sie eine Einheits­regierung bilden. Es ist nicht der erste Friedens­plan. Aber vielleicht die letzte Chance für ein Land, das ohnehin bei null anfangen muss. In dem der Ochsen­pflug ein technologischer Quantensprung ist.

«Wenn endlich Frieden kommt, will ich meine Farm vergrössern, damit meine Familie nicht mehr hungern muss», sagt Aguot. Er hat sieben Kinder und eine Frau, was eher die Ausnahme ist in einem Land, in dem die Polygamie zu einem rasanten Bevölkerungswachstum führt und das Elend noch vergrössert. Fünf Kühe hatte Aguot, zwei musste er verkaufen, damit seine Kinder zu essen haben. Etwa 5 der 13 Millionen Süd­sudanesen gelten als Menschen, deren Ernährung nicht gesichert ist. Hier oben in der Region Northern Bahr al-Ghazal bekommt die Hälfte der Bevölkerung Lebensmittelhilfe, die fast nie vom Staat kommt und fast immer von internationalen Organisationen.

Die Menschen im Südsudan wissen nicht mehr, wie man ein Feld bestellt, wie man fischt oder Eisen schmiedet.

Eine üble Piste führt gerade wie eine Schnur von der Provinzstadt Aweil in Richtung Norden, trotzdem fahren die Autos in Schlangenlinien, so tief sind die Schlaglöcher. Es sind fast ausschliesslich weisse Toyota Land Cruiser der Hilfsorganisationen. Sie zeigen den Menschen, was ein Ochsenpflug ist, wie man Getreide in Säcken aufbewahrt und eine Strasse baut. Der Südsudan wirkt manchmal wie ein kleines Kind.

Ahok Pioth Deng ist mit der Sonne ­aufgestanden, hat ein paar Schlucke Wasser getrunken und steht nun seit drei Stunden mit einer Spitzhacke in der glühenden Sonne. Sie lockert den ­Boden, holt immer wieder aus und lässt das Gerät zu Boden sausen. «Vor zwei Wochen haben wir mit dem Bau dieses Weges angefangen, in einem Monat wollen wir fertig sein», sagt sie. Jeden Tag kommt sie hierher, um diese kleine Strasse zu bauen, auf der sie und die anderen ­einmal mit dem Fahrrad in ihr Dorf ­fahren sollen. Dazu fehlen neben der Fertigstellung des Weges aber auch noch die Fahrräder.

«Wir hoffen, einmal unsere Waren aus dem Dorf zum Markt bringen und dort verkaufen zu können», sagt Ahok Pioth. Bisher gibt es auf den Märkten so gut wie nichts zu kaufen, weil die Bauern der Region das Gemüse und Getreide nicht in die Zentren bringen können. Obst und Gemüse stammt oft aus den Nachbarländern. Dabei könnte der ­Südsudan genug Essen für alle produzieren, das Land ist fruchtbar, oft gibt es eher zu viel Wasser als zu wenig.

Gross war die Begeisterung, als der Südsudan 2011 unabhängig wurde. ­Jahrzehnte hatten die mehrheitlich christlichen Menschen im Süden für die Loslösung vom muslimisch-arabischen Norden gekämpft. Es schien ein gerechter Kampf zu sein gegen ein Regime, das Reitermilizen schickte, die Männer und Frauen als Sklaven einfingen. Oder gleich vergewaltigten und töteten. Nach dem Frieden mit dem Norden zogen die nun unabhängigen Südsudanesen gegeneinander in den Krieg. Vor allem die Völker der Nuer und Dinka kämpfen um die Macht.

George Awad ist der Gouverneur des Bundesstaates Aweil und sitzt in einem Büro der Provinzhauptstadt. Er ist ein Mann, der nicht viele Worte verliert, der aber eine Klingel hat auf seinem Schreibtisch, mit der er seine Angestellte hereinruft, um ein paar Flaschen Wasser zu bringen oder das Mittagessen. Heute wünscht sich der Gouverneur mehr ­Hilfe aus dem Ausland. Einer seiner Mitarbeiter trägt vor, woran es dem neuen Staat noch fehlt. Dann steigt er in seinen Dienstwagen, der ebenfalls von der internationalen Gemeinschaft gespendet wurde.

«Die internationale Gemeinschaft stellt die Nahrung bereit, die ­Medizin, letztlich alle grundlegenden Dinge des Lebens, für die eine ­Regierung verantwortlich ist. Die aber lehnt sich einfach zurück», so hat es Tibor Nagy kürzlich formuliert, der für Afrika zuständige stellvertretende US-Aussen­minister. Für ihn und andere hält die internationale Hilfe ein Regime am ­Leben, das den Menschen das Leben zur Hölle macht. Hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden, hat die kleine und ­korrupte Elite ausser Landes gebracht.

«Einfach niemand mehr da»

«Wenn die internationalen Organisationen gehen, ist einfach niemand mehr da», sagt Bucay Deng, die stellvertretende Landesdirektorin der Welthunger­hilfe im Südsudan. Sie ist selbst einst vor dem Krieg geflohen und dann ­voller Hoffnung zurückgekommen. In ein Land, das wieder bei null anfangen muss. «Der Krieg und die Vertreibungen haben so viele Menschen von ihren Traditionen abgeschnitten. Sie wissen nicht mehr, wie man ein Feld bestellt, wie man fischt oder Eisen schmiedet.» Die Regierung macht keine grossen Anstalten, es ihnen beizubringen. Also erfüllen Hilfsorganisationen die Aufgaben, die der Staat übernehmen sollte.

Mit dem neuen Friedensabkommen soll es nun wieder eine Zukunft geben für die geschundenen Menschen im Südsudan. Der Bauer Thuch Aguot möchte so schnell wie möglich seine ­Felder erweitern und mit dem Ochsenpflug pflügen, der für ihn eine grossartige Erfindung ist.

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