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Das Regime hustet

Teheran zufolge gibt es im Iran bisher 79 mit dem Coronavirus Infizierte und 16 Todesfälle. Auch Vertreter der Führung haben sich offenbar angesteckt.

Gemeldet werden 79 Fälle, realistisch wäre aber eine Zahl von bis zu 18'000 Infizierten: In Teheran wird am Dienstag ein U-Bahn-Waggon desinfiziert. Fotos: Keystone
Gemeldet werden 79 Fälle, realistisch wäre aber eine Zahl von bis zu 18'000 Infizierten: In Teheran wird am Dienstag ein U-Bahn-Waggon desinfiziert. Fotos: Keystone

Mit ernster Miene hat der iranische Präsident Hassan Rohani persönlich eine Sitzung des Krisenstabs zur Bekämpfung des Coronavirus geleitet. Dienstagabend dann wandte er sich per Fernseh­ansprache an seine besorgten Landsleute. Die Islamische Republik ist mit nunmehr 16 offiziell registrierten Opfern das Land mit den meisten Todesfällen nach China. Dabei hatte die Regierung erst vor einer Woche überhaupt die Infektionen und zwei Todesfälle eingestanden, zwei Tage vor der Parlamentswahl am vergangenen Freitag.

Von einer Verschwörung der Feinde des Iran sprach der Präsident, deren Ziel sei es, Panik zu verbreiten und das Land zum Stillstand zu bringen. Doch die Arbeit müsse weitergehen. Die Menschen sollten vorsichtig sein und öffentliche Versammlungen meiden. Allerdings gebe es keinen Grund, auf ausländische ­Medien oder die sozialen Netzwerke zu hören, die irrelevante Informationen verbreiteten.

Die Beschwichtigungsrhetorik war nötig geworden, nachdem ein Video von einem Mann in einem gelben T-Shirt und einer randlosen Brille im Gesicht bei vielen Iranern die Zweifel noch vertieft hatte, ob ihre Regierung sie nicht einmal mehr belügt. Der Mann, der sich da ­selber filmte, heisst Iraj Harirchi und ist stellvertretender Gesundheitsminister. Bis am Montagabend hatte er den Krisenstab geleitet. Im Video gab er nun bekannt, dass er selbst sich mit dem Coronavirus angesteckt hat.

Es gehe ihm gut, er habe nur ein bisschen Fieber, sagte Harirchi. Das Virus sei demokratisch, fügte er hinzu, es mache keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen Regierung und Volk. Neben ihm haben sich auch ein Parlamentsabgeordneter und mehrere Funktionäre in Teheran angesteckt, was die Iraner ebenfalls nicht als beruhigendes Zeichen werten. Er selbst habe sich jetzt isoliert, sagte der Vizeminister weiter – während die Regierung es weiter ablehnt, Quarantänen oder Reisebeschränkungen zu erlassen.

«Doktor, Sie husten doch selber»

Tags zuvor hatte Harirchi noch zusammen mit Regierungssprecher Ali Rabiei eine Pressekonferenz gegeben, bei der er Anschuldigungen eines Parlamentsabgeordneten aus der im Zentrum der Epidemie stehenden heiligen Stadt Qom bestritten hatte, die Regierung vertusche das wahre Ausmass der Krise. Man habe alles im Griff, versicherte Harirchi, dem es sichtlich nicht gut ging. Er hustete, musste sich den Schweiss von der Stirn wischen, war aber am Abend in einer Sendung des Staatsfernsehens zu Gast. «Doktor, Sie husten doch selber», sagte die Moderatorin, aber Harirchi wiegelte ab. Er sei nur an einem kalten Ort gewesen und habe sich räuspern müssen.

Alles im Griff? Harirchi (links) ging es sichtlich nicht gut.
Alles im Griff? Harirchi (links) ging es sichtlich nicht gut.

Am Dienstag wurde auch noch Innenminister Abdolreza Rahmani Fazli vorgeschickt. Die Zahlen aus der Statistik des Gesundheitsministeriums zeigten, dass «die Zuwachsrate der Corona-Epidemie unter Kontrolle gebracht worden ist», verkündete er. Man hoffe, dass die Zuwächse jetzt stagnierten und die Zahl der Infektionen wieder abnehme. Präsident Rohani versicherte gar, bis zum Samstag werde sich die Situation im Iran wieder normalisieren. Die Zahlen allerdings, die offiziellen zumindest, sind das Problem. Sie sprechen dafür, dass vom Iran eine Infektionswelle ausgeht, die den ganzen Nahen Osten und Südasien erfassen könnte.

Statistisch wären im Iran Hunderte Infektionsfälle zu erwarten.

Der Iran hat 16 Tote gemeldet und 79 weitere Infektionen. Schon das geht nicht auf, sofern die Mortalität im Iran nicht um ein Vielfaches höher liegt als in anderen betroffenen Gebieten, etwa in China. Dort sterben 2 bis 3 von 100 Infizierten. Statistisch wären im Iran also Hunderte Infektionsfälle zu erwarten. Dazu kommt, dass ausserhalb des Iran in sechs arabischen Ländern sowie in Afghanistan mindestens 140 Menschen positiv auf das Virus getestet worden sind – sie waren aber ausnahmslos kurz zuvor im Iran gewesen, die meisten von ihnen in Qom. Es ist ­wenig plausibel, dass die Zahl der Infektionen im Iran selbst niedriger sein soll.

In einer neuen Studie kommen kanadische Wissenschaftler auf Grundlage statistischer Rechenmodelle zu der Schätzung, dass es im Iran mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent mehr als 18'000 Infektionen geben müsse. Selbst im besten denkbaren Szenario müssten die Zahlen mit etwa 1800 Fällen deutlich höher sein als die offiziell gemeldeten.

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Eine mit der Arbeit der Krisenstäbe in der EU und bei der Weltgesundheitsorganisation WHO vertraute Person sagte, der Ausbruch im Iran erwecke besondere Besorgnis, weil das Land «eine Blackbox» sei. Nicht einmal die WHO habe einen Überblick über das tatsächliche Ausmass der Epidemie. Problematisch sei weiter, dass der Ausgangspunkt auch nach iranischen Angaben in Qom liege, einem wichtigen Wallfahrtsort für Schiiten auch aus vielen umliegenden Ländern.

Die Grenzen geschlossen

Qom ist Sitz vieler wichtiger Kleriker und mit seinen Seminaren das geistliche Zentrum des Iran. Mehr als 20 Millionen Menschen, darunter etwa 10 Prozent Ausländer, besuchen nach Regierungsangaben jedes Jahr die heilige Stadt, in der auch das zweitwichtigste Heiligtum der Schiiten im Iran liegt, der Schrein der Fatima Masumeh. Der Abgeordnete ­Ahmad Amirabadi-Farahani aus Qom sagte am Montag in einer Rede vor dem Parlament, es habe schon Mitte Februar die ersten Todesfälle gegeben. Er forderte, die Stadt unter Quarantäne zu stellen, was die Regierung aber ebenso ablehnt wie eine Schliessung des Schreins.

Auch aus der Reaktion der Nachbarstaaten spricht tiefes Misstrauen. Nach dem Irak und Kuwait haben auch die Türkei und die Emirate den Flugverkehr mit dem Iran eingestellt. Alle sieben Nachbarstaaten haben ihre Landgrenzen zum Iran geschlossen oder lassen nur noch eigene Staatsbürger durch.

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