Pakistanisches Verwirrspiel um Christin Asia Bibi

Eine Woche nach der Aufhebung ihres Todesurteils kam Asia Bibi in Pakistan aus dem Gefängnis frei. Wo sich die Christin befindet, ist unbekannt.

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Nur eines scheint sicher im Chaos um die verfolgte Christin Aisa Bibi in Pakistan: Alle Seiten spielen mit verdeckten Karten, und jeder wartet nervös ab, welchen Zug die Gegenseite nun wählt. Einigermassen gesichert scheint die Aussage des geflohenen Anwalts zu sein, dass die Mutter von fünf Kindern Mittwochnacht ihre Zelle im Gefängnis von Multan verlassen hat und an einen anderen Ort gebracht wurde, unter dem Schutz des Staates. Entscheidend ist, wie sich die Machtprobe zwischen Regierung und den radikalen Islamisten weiter entwickelt. Alle taktieren, was die quälende Ungewissheit für Bibi und ihre Familie nur verlängert.

Völlig unklar war am Donnerstagvormittag, ob Bibi nun mit ihrer Familie auch das Land verlassen darf (oder womöglich schon ausfliegen konnte). In dem von radikalen Islamisten vergifteten Klima wird sie erst dann nicht mehr um ihr Leben fürchten, wenn sie Asyl in einem anderen Staat bekommt und die Regierung sie auch tatsächlich dorthin ausreisen lässt.

Das Aussenministerium bezeichnete Berichte, Bibi und ihre Familie seien schon in die Niederlande aufgebrochen, sehr vehement als «Fake News». Der Staat beharrte darauf, dass Bibi am Donnerstagmorgen immer noch in Pakistan weilte.

Video: Christin in Haft

Ein Hin und Her im Fall der Christin Asia Bibi in Pakistan. (Video: Stroyful/Tamedia)

Die Regierung des Premiers Imran Khan hat in den vergangenen Tagen ein beispielloses Verwirrspiel um das weitere Schicksal der Christin betrieben, die 2010 in die Todeszelle kam. Nach einem Nachbarschaftsstreit war ihr damals vorgeworfen worden, sie habe den Propheten beleidigt, man machte ihr den Prozess. Dass ihr zuvor von einem Mob unter Todesdrohungen ein Geständnis abgepresst worden war, änderte daran nichts.

Nach dem drakonischen Blasphemiegesetz in Pakistan droht jedem, der in einem solchen Fall schuldig gesprochen wird, die Todesstrafe. Doch vor einer Woche entschieden drei Verfassungsrichter, dass Bibi nicht gehängt werden dürfe, weil die Beweislage ein Todesurteil nicht zulasse.

Die Hardliner wollen, dass Bibi hängt

Es wurde ihre sofortige Freilassung angeordnet, zu der es dann zunächst nicht kam, weil religiöse Hardliner Strassenproteste organisierten, Highways blockierten, zur Rebellion gegen den Armeechef aufriefen und forderten, dass nicht nur Bibi, sondern auch die drei Richter sterben müssten. Daraufhin handelte die Regierung mit den Hetzern einen Deal aus, der dazu führte, dass Bibi erst einmal im Gefängnis blieb und keine Aussicht auf eine Ausreise hatte.

Ein Sprecher der Hardliner erklärte nun, dass die Regierung mit der Freilassung aus dem Gefängnis bereits die Übereinkunft vom Freitag gebrochen habe. Ausserdem hatte die Regierung zugesagt, sie werde eine Petition an das oberste Gericht nicht blockieren, die eine Art Berufung des Verfahrens vorsieht. Das Ziel der Islamisten ist klar: Sie wollen, dass das vom Gericht gekippte Todesurteil wieder Gültigkeit bekommt, sie wollen, dass Bibi hängt.

Beide Seiten, Regierung und Hardliner, haben mit den Verhandlungen die Fundamente der Justiz stark beschädigt. Es ist der Eindruck entstanden, dass nicht das oberste Gericht über Recht im Staat entscheidet, das Schicksal der Frau schien verhandelbar, abhängig von geschürten Emotionen und dem Kalkül islamistischer Politiker, die religiöse Gefühle nutzen wollen, um Gefolgschaft zu scharen.

Pakistan wirbt um internationale Gunst

Immerhin hat die Regierung hunderte Festnahmen verfügt gegen angebliche Aufrührer im Fall Bibi. Ob das alles nur Nebelkerzen sind, wird sich noch zeigen. Einerseits steht die Regierung unter grossen Druck der Hardliner, die der Staat einst selbst nährte und nun nur noch schwer in den Griff bekommt. Andererseits hat der Fall Bibi starke internationale Kritik ausgelöst in einer Zeit, da der Regierung das Wasser finanziell bis zum Hals steht.

Islamabad braucht dringend und sehr schnell ein Rettungspaket des Internationalen Währungsfonds, weil es hoch verschuldet ist und kaum noch über Devisenreserven verfügt. Der Verbündete China will Pakistan nicht alleine aus der Misere heben.

Die mörderische Hetze im Fall Bibi und der schwach wirkende Staat ist nicht hilfreich, um die Gunst der internationalen Gemeinschaft zu erwerben. Ohne sie wird es aber kaum breite Unterstützung fürs Budget geben. Könnte Bibi ausreisen, wäre das ein Zeichen, das die Welt begrüssen würde. Doch droht in diesem Falle auch, dass die Wortführer der Islamisten neuen Zorn auf den Strassen schüren.

Nebel verbreiten

Vieles spricht dafür, dass die Regierung jetzt gezielt möglichst viel Nebel verbreitet, so dass niemand mehr mit Sicherheit sagen kann, wo sie eigentlich steht im Fall Bibi. Für Islamabad hat das einerseits den Vorteil, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, andererseits aber den Nachteil, schwach und prinzipienlos zu wirken.

Die Armee, die über Pakistans Atomwaffen wacht, hält sich äusserst bedeckt in diesem Streit. Auf der sichtbaren Bühne belauern sich weiterhin Regierung und die selbst ernannten Wächter des Propheten. Es dürfte stürmisch weitergehen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.11.2018, 23:28 Uhr

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