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Auf der anderen Seite

Seit vier Wochen stehen sich Israelis und Palästinenser am Grenzzaun gegenüber. Das Protestcamp und der Kibbuz Nahal Oz liegen nur 800 Meter auseinander. Doch dazwischen liegen Welten.

Bitterer Ernst: Ein maskierter Palästinenser protestiert nahe der Grenze von Gaza. Foto: Mohammed Saber (Keystone)
Bitterer Ernst: Ein maskierter Palästinenser protestiert nahe der Grenze von Gaza. Foto: Mohammed Saber (Keystone)

Dort die israelischen Soldaten, hier die Palästinenser: Jede Bewegung wird genau beobachtet, dies- und jenseits des 3 Meter hohen Grenzzauns. Für die Erwachsenen ist es ernst, für die Kinder eine Art Spiel. Drei Buben im Primarschulalter ziehen an einem Draht, es löst sich ein Geflecht. Wie eine Trophäe schleppen sie das 2 Meter lange Stacheldrahtgewirr zu einem Eselskarren, hängen es an und machen sich damit aus dem Staub Richtung Gaza-Stadt.

Die meisten Menschen bleiben lieber im Camp, einige Hundert Meter vom Grenzzaun entfernt. Es sind vor allem junge Männer, die mit zumeist vermummten Gesichtern mit Steinen und Molotowcocktails auf die Soldaten jenseits des Zauns zielen. Die schiessen zurück: zuerst in die Luft, dann mit Gummigeschossen, später mit scharfer Munition. Bisher wurden laut palästinensischen Angaben 39 Menschen getötet.

Gandhi-Porträt im Camp

Wie viele Tote, wie viele Verletzte es in diesem Camp gegeben hat, weiss Hei­tham Abu al-Ata nicht genau. «Zu viele.» Der bullige Mann managt normalerweise ein Medienzentrum, seit einem Monat nun eines der fünf Protestcamps. Es wurde neben einer Baufirma im Wüstensand errichtet. Ata sitzt in einem Container. Auf einem Megaplakat mitten im Camp prangen die Porträts von Nelson Mandela, Martin Luther King und Mahatma Gandhi. Daneben wurde ein Café aufgebaut: ein Dutzend Stühle im Sand, drei Sonnenschirme, der Strom für den Kühlschrank kommt aus dem Generator. Wären nicht immer wieder Schüsse zu hören, könnte man es für ein Volksfest halten.

«Wir demonstrieren friedlich», beteuert Mahmoud Othman. Der 31-Jährige ist mit seinen Freunden Raafat, Mohammed und Mahmoud seit vier Wochen fast jeden Tag hier. Sein Ziel: «Ich will raus hier, zurück nach Jaffa, wo meine Familie herkommt.» Auch Essam Hammad versichert: «Das ist ein Protest normaler Bürger.» Der Mittvierziger trägt einen grauen Anzug, ein weisses Hemd und eine purpurfarbene Krawatte, um den Hals hat er ein Palästinensertuch. Er leitet die Niederlassung einer ausländischen Firma für Medizintechnik. Seit Januar ist er mit 13 anderen Palästinensern wie dem Menschenrechtsaktivisten Salah Abd al-Ati, der fast ununterbrochen telefoniert, mit der Organisation des «Marschs für die Rückkehr» beschäftigt. «Wir Palästinenser warten seit 70 Jahren darauf, dass unser Anliegen gelöst wird. Vor 25 Jahren gab es die Möglichkeit, einen palästinensischen Staat zu errichten. Das ist nicht geschehen. Deshalb müssen wir handeln.»

Der Auslöser, sich jetzt zu engagieren, war für ihn die Ankündigung der USA, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die Botschaft dorthin zu verlegen. Aus Diskussionen im Freundeskreis sei nach 45 Tagen eine Organisation entstanden – bis 15. Mai sollen die Demonstrationen fortgesetzt werden. Dieser Tag markiert für die Palästinenser die Nakba, die Katastrophe. Im Zuge der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 mussten etwa 700'000 Palästinenser ihre Bleibe verlassen. Von den 2 Millionen Menschen im Gazastreifen sind 1,3 Millionen von der UNO als Flüchtlinge anerkannt.

Hammad verweist auf die Misere in dem von Israel abgeriegelten Küstenstreifen und auf die demografische Entwicklung, die den Gazastreifen zu einem der am dichtesten besiedelten Gebiete weltweit macht. «Die einzige Lösung ist die Rückkehr.» Hammad beteuert, auch er wolle zurück ins Dorf seiner Vorfahren nach Sarafand, das in der Nähe von Haifa liegt. «Ich verdiene fast so viel wie ein Minister. Was glauben Sie, was die wollen, die in Armut leben?»

Dass die im Gazastreifen regierende Hamas den Eindruck erwecke, das sei ihr Marsch, stört ihn nicht. Für ihn sind die Hamas-Aktivisten «Freiheitskämpfer». Wenn es keine Besatzung mehr gebe, dann gebe es sie nicht mehr, das habe man auch bei der IRA in Irland gesehen, meint Hammad, der in diesem Land studiert hat. «Als Freiheitskämpfer und Bürger haben sie das Recht, an diesem Marsch teilzunehmen.» Auch Camp-Manager Ata versichert: «Die politischen Parteien, ob Hamas oder Islamischer Jihad, haben keinen Einfluss auf das, was hier passiert. Sie dürfen auch keine Waffen mit ins Camp nehmen. Wenn sie demonstrieren, dann für Palästina, nicht für ihre Partei.»

Auch jetzt steigen wieder Drachen in die Höhe. Nach Angaben des israelischen Militärs sind einige mit Sprengstoff versehen, es werde auch versucht, Sprengstoff an den Grenzanlagen anzubringen. Kürzlich wurde ein Tunnel entdeckt, der aus dem Gazastreifen auf israelisches Gebiet bei Nahal Oz führte.

Blühende Oase

Der Kibbuz ist nur 800 Meter vom Gazastreifen entfernt. Der Ort ist eine Oase mit üppigen Pflanzen zwischen den Bungalowhäusern, 400 Menschen leben hier. Das Tor bei der Einfahrt öffnet sich automatisch, wenn man sich nähert. Die meisten Menschen auf der Strasse haben ein Werkzeug in der Hand, sie sind auf dem Weg zu den Feldern. Der Kibbuz und seine Bewohner leben von der Landwirtschaft, es gibt Rinder und Hühner. Demnächst will man Avocados und Bananen anbauen.

Natürlich sei man besorgt über die Lage im Gazastreifen, sagt Sefi Magen, der die Finanzen des Kibbuz managt. «Aber wir leben nicht in ständiger Angst und denken uns: Was wird passieren? Was ist, wenn Terroristen in einem Tunnel zu uns kommen?» Er sucht nach einem Vergleich: «Wenn man Auto fährt, dann denkt man auch nicht die ganze Zeit daran, was passieren könnte.»

Seine Frau ist hier aufgewachsen, ihre Eltern gehörten zu den Pionieren des 1951 gegründeten Kibbuz, seine Schwägerin ist die Sprecherin der Gemeinschaft. Viele Freunde hätten ihn für verrückt erklärt, als er und seine Frau mit den vier Kindern, aus dem israelischen Zentralraum kommend, 2015 hierherzog. «Aber wir sind keine verrückten Leute. Es war auch keine politische Entscheidung wie eine, die die Siedler treffen. Ich wollte einfach für meine Familie den besten Platz zum Leben.» An der Grenze könne es immer wieder Vorfälle geben. «Aber normalerweise ist es ein ruhiger Platz und ein sehr schöner.»

Die Schutzmassnahmen wurden nicht verstärkt. Nahal Oz gehört zu den drei Kibbuzim, in denen wegen der Grenznähe einige Soldaten stationiert sind. Im Ortszentrum neben der Bushaltestelle gibt es zwei Schutzbunker. Seit seiner Ankunft habe es sechsmal Alarm gegeben. «Nur einmal in den vergangenen drei Jahren ist eine Rakete auf einem Haus gelandet. Nichts ist passiert. Das wars.» Aber eigentlich möchte er gar nicht darüber reden, lieber davon, dass der Kibbuz ein blühender Ort sei, mehr Menschen sollen hierherziehen: «Und deshalb schadet negative Publicity.» Die meisten hier sähen das Leid der Menschen im Gazastreifen. «Wir hoffen, dass es einmal eine Lösung gibt. Für alle.»

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