Gefahr lauert unter der Apfelplantage

Israel zerstört Tunnel, durch die die Hizbollah Waffen ins Land schmuggeln wollte.

Israels Armee sprengte letzte Woche den ersten Tunnel der Hizbollah-Miliz an der Grenze zum Libanon. Foto: Ronen Zvulun (Reuters)

Der Lärm der Baumaschinen wird zeitweise von den Rufen des Muezzins übertönt, die auch diesseits der drei Meter hohen Mauer zwischen Israel und dem Libanon zu hören sind. Nur wenige Schritte von dem Betonwall entfernt beugen sich auf der israelischen Seite Kameraleute und Fotografen über ein mit einem Deckel gesichertes Loch in der schlammigen Erde, das in 18 Meter Tiefe führt. Es ist gerade gross genug, dass sich ein Mensch hineinzwängen kann. Hier, am Rande des Ortes Metula, ist in einer Apfelplantage der Eingang zu einem Tunnel, den die israelische Armee vor drei Wochen entdeckt hat. Er reicht laut Angaben des Militärs 36 Meter auf israelisches Gebiet. Bisher hat die israelische Armee mehrere grenzüberschreitende Verbindungen entdeckt.

Zum ersten Mal haben Journalisten Zugang zu dieser Stelle. Ein gepanzerter Bus mit blickdichten Milchglasscheiben, in dem normalerweise Soldaten transportiert werden, ist das Gefährt für das letzte Stück bis zur Grenze. Die Soldaten, die zusammen mit Ingenieuren und Bauarbeitern ihren Einsatz verrichten, sind vermummt und sichern die Stelle ab. Kameras sind erlaubt, aber Smartphones nicht. Warum, wird nicht erklärt: Sicherheitsgründe, heisst es.

134 Kilometer lange Grenze

Über der Einstiegsstelle ist ein riesiges weisses Zelt zur Abschirmung aufgebaut. Denn die Häuser auf der libanesischen Seite sind nur wenige Meter entfernt und ziehen sich einen Hügel hoch. Von dieser erhöhten Position aus lässt sich das Geschehen auf der tiefer liegenden israelischen Seite gut überblicken.

Von einem dieser Häuser im Ort Kafr Kila aus sei der Tunnel gegraben worden, sagt ein ranghoher Militärvertreter. Es soll sich um eine Fabrik in unmittelbarer Nähe der Grenze handeln. Weitere Freilegungen seien zu erwarten. Wie viele, das will er nicht sagen – auch nicht, wie lange die Operation «Nördlicher Schutzschild» noch dauern wird.

Mit Dutzenden Baumaschinen, die einen beträchtlichen Lärm erzeugen, wird die Erde durchlöchert, sie rammen Metallstäbe in den Boden. Ob sie mit Sensoren ausgestattet sind, will die Armee nicht mitteilen. Auch in den Nachtstunden, als die Rufe des Muezzins im Libanon wieder verklungen sind, wird weitergearbeitet – bei Flutlicht. Vom strömenden Regen lässt man sich nicht abhalten. Das ganze Gelände ist nicht nur wie ein Schweizer Käse durchlöchert, sondern ein einziges Schlammfeld. Schutt und Geröll werden in riesigen Mengen abtransportiert.

Wenn nötig, werde man dies entlang der ganzen Grenze machen, erklärt ein Militärvertreter. 134 Kilometer ist die gemeinsame Grenze zwischen dem Libanon und Syrien lang. Ob die Arbeit Meter für Meter in einem breiten Streifen durchgeführt werde? «Wenn nötig, ja», lautet die Antwort. Ein anderer Soldat sagt, das könne Monate dauern. Ein Armeesprecher ergänzt, dass die israelischen Streitkräfte an mehreren Stellen arbeiteten.

Keiner der Tunnel wurde nach Einschätzung der israelischen Experten bereits für Operationen genutzt. Der Plan der schiitischen Hizbollah-Miliz soll laut der israelischen Armee gewesen sein, «Galiläa zu erobern», also auf israelisches Gebiet vorzudringen, Waffen ins Nachbarland zu bringen und Israelis im Grenzgebiet zu entführen. Deshalb wird von Militärvertretern und israelischen Politikern der Begriff «Angriffstunnel» verwendet.

Eskalation verhindert

Dass zumindest zwei der Tunnel über die Grenze führen und einen Verstoss gegen UNO-Resolutionen darstellen, räumte die Beobachtermission Unifil ein. 10'500 Soldaten sollen Konfrontationen verhindern. Den letzten Krieg, in dem 1200 Menschen starben, gab es 2006, offiziell haben Israel und der Libanon lediglich einen Waffenstillstand geschlossen. Wie schnell die Situation gefährlich werden kann, zeigte sich kürzlich an einer anderen Stelle an der Grenze. In der Nähe der Stadt Meiss al-Jabal kam es zu Auseinandersetzungen zwischen libanesischen und israelischen Soldaten, als diese Stacheldraht an der Grenze zu verlegen begannen. Blauhelme gingen dazwischen und verhinderten eine Eskalation.

Die Militärvertreter betonen, sie seien nur auf israelischer Seite aktiv und verletzten nicht die Grenze. Israels Premierminister Benjamin Netanyahu, der seit kurzem auch als Verteidigungsminister agiert, erklärte letzte Woche jedoch, dass es sich bei den Tunneln «um einen Kriegsakt» handle. Allerdings hat selbst nach Netanyahus Einschätzung die libanesische Armee nichts von den Aktivitäten der schiitischen Miliz Hizbollah gewusst, die Bevölkerung im Grenzgebiet indes sehr wohl. «Jedes dritte Haus im Südlibanon wird auf die eine oder andere Weise von der Hizbollah benutzt», sagte Netanyahu.

Kurz nach der Besichtigung fing die israelische Armee damit an, die Tunnel zu zerstören. Sie hatte bereits davor damit begonnen, Sprengstoff im Erdreich zu platzieren. Tunnel in diesem steinigen Untergrund zu bauen, ist jedenfalls schwieriger als in der Wüstengegend rund um den Gazastreifen.

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