Zu Gast im Haus Windsor

Als hätten die Briten nicht schon genug Chaos, kommt sie nun auch noch Donald Trump besuchen.

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Von Montag bis Mittwoch dieser Woche hält sich US-Präsident Donald Trump als Gast von Elizabeth II. im Vereinigten Königreich auf. Den dreitägigen Staatsbesuch in die Wege geleitet hatte Premierministerin Theresa May, als sie Trump gleich nach dessen Einzug ins Weisse Haus überstürzt diese Ehre antrug – in der Hoffnung, sich damit Brexit-Rückhalt beim «grossen Verbündeten» zu verschaffen.

In der Folge war der Besuch aber wegen Trumps zunehmend umstrittener Politik auf die lange Bank geschoben worden. Nun kommt er just zustande, da May am Ende ist und die britische Regierungspartei buchstäblich kopflos dasteht – ohne ihr Brexit-Problem in irgendeiner Weise gelöst zu haben.

Für Trump könnte der Zeitpunkt perfekter nicht sein. Er ist gern bereit, den Briten den Weg in die Zukunft zu weisen. Schon vor seiner Ankunft hat er sie wissen lassen, welchen Kandidaten er als Nachfolger Mays in Downing Street sehen will und welchen nicht, und warum Boris Johnson Nigel ­Farage als Emissär nach Brüssel senden soll. Zugleich hat er nach einem «No Deal»-Brexit, nach der radikalsten Trennung Grossbritanniens von der EU, gerufen. Er hat die Briten aufgefordert, Gelder, die sie dem Rest Europas schulden, einfach nicht zu bezahlen.

Abkehr von alten Gemeinsamkeiten

Diese neue, schamlose Einmischung in britische Angelegenheiten hat am Wochenende bei konservativen Politikern nur wieder betretenes Schweigen ausgelöst. Oppositionsführer Jeremy Corbyn hat immerhin die diplomatische Ungehörigkeit verurteilt und wird am Staatsbankett für den Gast aus Übersee heute Abend nicht teilnehmen. Desgleichen der Speaker des Unterhauses, John Bercow, der eine Ansprache Trumps vor dem Parlament verhindert hat. Proteste auf den Strassen erwarten Trump überall bei dieser Visite.

 Dass sich May, ihre Minister und die britische Monarchie für eine solche Trump-Show zur Verfügung stellen, weist auf wesentlich tiefere Konflikte hin.

Das dürfte den Amerikaner, der sich von den Briten «geliebt» glaubt, freilich nicht schrecken. Was für ihn im Vorlauf zur erhofften Wiederwahl 2020 zählt, sind Bilder aus Schlössern und Palästen, von Militärparaden und Kanonenböllern, von der königlichen Kriegsmarine in Portsmouth, von Festmählern und Teestunden mit den Royals. Ausser einem tausendköpfigen Tross an Mitarbeitern und Presse­leuten hat der Präsident praktisch die ganze Familie, all seine Trumplinge, mit an die Themse gebracht auf dieser Reise. Das Haus Trump soll im Glanze des Hauses Windsors erstrahlen.

Die Queen, stöhnte gestern schon der Londoner «Observer», müsse bei diesem «Ego-Trip» Trumps offenbar als Fremdenführerin, das Königshaus als Kulisse für US-Wahlkampf-Videos herhalten. Dass sich May, ihre Minister und die britische Monarchie für eine solche Trump-Show zur Verfügung stellen, weist aber auf wesentlich tiefere Konflikte hin.

Denn wenn auch diesmal wieder in London die «special relationship», die «besondere Beziehung» zwischen Grossbritannien und den USA, feierlich beschworen wird, so ist doch klar, wie der US-Präsident diese Besonderheit versteht – nämlich als wortlose Gefolgschaft der Briten in die America-First-Ära hinein, als Schweigen zu seiner Abkehr von alten Gemeinsamkeiten.

Einseitiger Deal der USA

Ob in Sachen Klimaschutz, Atomwaffen, Iran oder Israel: Trump ist ja von zahllosen, früher vereinbarten Positionen abgedriftet, ohne seine «besonderen» Verbündeten je gefragt zu haben. Sein willkürliches Operieren mit Handelszöllen, seine Unterstützung rechtsextremer Populisten in Europa, seine beharrliche Untergrabung internationaler Institutionen wie der UNO, der Nato oder der EU werden natürlich auch in London so nicht gebilligt.

Neuerdings droht Trump London sogar im Zusammenhang mit Huawei offen mit der Aufkündigung alter Geheimdienstbande, was für London ein diplomatisches Fiasko wäre. Zur Belohnung für Folgsamkeit andererseits sollen die Briten, sobald sie aus der EU ausgetreten und «frei» sind, einen speziellen Deal mit der «Handelsmacht Nummer eins in der Welt» (Trump) abschliessen dürfen.

Dass dieser Deal zum ein­seitigen Nutzen der USA wäre und bestenfalls ein Zwanzigstel der britischen Verluste aus einem EU-Austritt wettmachen würde, weiss man auch in London – wiewohl die Brexiteers sich beharrlich weigern, sich einzugestehen, dass Grossbritannien sich von ­seinen europäischen Partnern abkoppelt, deren Werte es im Prinzip noch immer teilt, droht es sich in immer grössere Abhängigkeit von Donald Trump zu begeben. Wie gross diese ist und wie viel Unmut sie auf der Insel auslöst, wird dieser Staatsbesuch illustrieren.

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