Wird er Corbyns Nachfolger?

Eine Frau aus dem linken Lager sollte eigentlich an die Labour-Spitze. Doch nun steht ein konsequenter «Remainer» zuoberst auf der Liste.

Hinaus aus der zweiten Reihe: Lange gehörte Keir Starmer dem Schattenkabinett von Jeremy Corbyn an, nun könnte er selbst Labour-Chef werden. Foto: Getty Images

Hinaus aus der zweiten Reihe: Lange gehörte Keir Starmer dem Schattenkabinett von Jeremy Corbyn an, nun könnte er selbst Labour-Chef werden. Foto: Getty Images

Cathrin Kahlweit@CathrinKahlweit

Eigentlich hatten seine Anhänger in der eigenen Partei Keir Starmer schon abgeschrieben. Er ist zwar einer der prominentesten Abgeordneten der britischen Labour-Party, Schatten-Brexitminister und Top-Jurist, aber er ist eben auch ein bekennender Remainer, der für den Verbleib Grossbritanniens in der EU eintritt. Und «remain» ist out nach dem Wahlsieg des Konservativen Boris Johnson. Jetzt, da der Brexit zum 31. Januar kommt, gelten all jene, die für den Verbleib in der EU gekämpft hatten, als Verlierer.

Johnson will den Austritt in wenigen Wochen erledigt haben, das Brexit-Ministerium auflösen und dann eine «Taskforce Europe» einsetzen, die zuständig sein soll für die Beziehungen zur EU. In seiner Neujahrsansprache erklärte er zwar, jetzt auf die Remainer zugehen zu wollen. Aber der immer wiederholte Slogan «Get Brexit done», und das Versprechen «fantastischer Zeiten» nach dem Austritt war vor allem eine Botschaft an das eigene Lager, an die Leaver.

Ein umgänglicher, nicht sehr charismatischer Mann

Labour-Mann Keir Starmer hingegen ist bis zuletzt Anhänger eines zweiten Referendums über den Brexit gewesen. Das aber lief auch der Linie der Labour-Parteiführung zuwider. Sein Traum – eine zweite Volksabstimmung über den EU-Austritt noch vor einem etwaigen Vollzug desselben – ist nun, nach dem Kantersieg von Boris Johnson und seiner 80-Sitze-Mehrheit im Unterhaus, Geschichte.

Schon im Wahlkampf war Starmer von der Parteispitze, die einen anderen Kurs als der glühende EU-Fan vertrat, wegen seiner klaren Haltung selten eingesetzt worden. Nur einmal dufte er bei einer Veranstaltung mit aufs Podium, als Parteichef Jeremy Corbyn in London ein kritisches Papier des Tory-geführten Finanzministeriums zu den Kosten des Brexit präsentierte. Da passte Starmer ins Programm. Aber er sass, wie ferngesteuert, nur stumm daneben.

Der 57-Jährige hat trotzdem viele Anhänger in der Partei. Er ist ein freundlicher, umgänglicher, kontrollierter, nicht sehr charismatischer Mann, der weiss, was er tut und weiss, was er will. Aber Starmer ist nicht nur Remainer, sondern auch Londoner. Er gilt damit als Teil jener intellektuellen Hauptstadtblase, der von all jenen, die ihre Mandate am 12. Dezember verloren haben, vorgeworfen wird, den englischen Norden und damit klassische Labour-Anhänger zu lange ignoriert und den Verlust vieler traditionell linker Wahlkreise mit verursacht zu haben.

Dass der Unterhaus-Abgeordnete für den Wahlkreis Holborn und St. Pancras gute Chancen haben könnte, den amtierenden Parteichef Jeremy Corbyn zu beerben, hätte im Dezember kaum jemand vorauszusagen gewagt. Corbyn hat zwar zwei Wahlen in Folge als Parteichef verloren und seinen Rückzug nach erfolgter Urwahl für den Frühling angekündigt. Aber es gilt in der Partei und darüber hinaus als ausgemacht, dass eine Frau aus dem linken Lager, unterstützt vom Corbyn-Fanklub Momentum, am besten aus der Arbeiterklasse und aus dem Norden kommend, die nächste Chefin der grössten sozialistischen Partei Europas werden müsse.

Favoritin der Parteispitze ist Rebecca Long Bailey

Doch das ist jetzt nicht mehr ganz so sicher. Denn am Donnerstag wurde eine Umfrage unter Parteimitgliedern bekannt. Sie wurde vom renommierten Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführt, und das Ergebnis ist überraschend. Danach läge Starmer in einer simulierten Abstimmung über mehrere mögliche Kandidaten mit 61 Prozent der Stimmen vor der erklärten Favoritin der Parteispitze, der Schattenwirtschaftsministerin Rebecca Long Bailey. Sie käme nur auf 39 Prozent Zustimmung. Starmer liegt in allen Regionen und bei allen Altersgruppen vorn.

Tim Bale, Professor an der Queen Mary University und stellvertretender Leiter des Thinktanks «UK in a changing Europe», der die Umfrage betreut hat, stellt fest, dass es nicht so aussehe, als wenn der nächste Parteichef oder die nächste Chefin zwingend aus dem linken Segment der Partei kommen muss. Derzeit steuere Starmer auf einen «ziemlich klaren Sieg» zu, so Bale. Er räumt aber ein, dass bis zum März noch einiges geschehen könne.

Kritiker der Umfrage weisen darauf hin, dass die Parteimitglieder allein dieses Rennen gar nicht entscheiden würden. Denn YouGov habe weder stimmberechtigte Gewerkschaftsmitglieder noch einmalige Unterstützer mit einbezogen. Diese aber dürften bei einer Urwahl in der Labour-Partei gegen einen kleinen Obulus mit abstimmen. Unter anderem mit Hilfe der Voten von einmaligen Unterstützern aus der Momentum-Bewegung hatte Jeremy Corbyn 2015 und 2016 zweimal die sogenannte leadership challenge für sich entschieden.

Mit progressivem Patriotismus auf Wählerfang

Am 7. Januar soll das Rennen offiziell starten. Am Sonntag hat Starmer seine Kandidatur erklärt. «Ich denke, wir hätten klarer Position beziehen müssen, in die eine oder andere Richtung», sagte er der BBC. Long Bailey hat zum Jahresende immerhin in einem Namensartikel im Guardian einen programmatischen Text unter dem Titel veröffentlicht: «Labour kann die Macht zurückgewinnen. Und zwar so.» Darin fordert sie einen «progressiven Patriotismus» und die Zurückgewinnung verloren gegangenen Vertrauens.

Offiziell haben bisher ausserdem die Schattenminister für Äusseres und Finanzen, Emily Thornberry, sowie Clive Lewis, Jess Phillips und Lisa Nandy mitgeteilt, dass sie Corbyn beerben wollen. Der hält sich derweil vornehm zurück. In seiner Neujahrsbotschaft erwähnte Corbyn die Wahlniederlage nicht einmal.

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