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«Wir sind Freiheitskämpfer»

Nur einen Tag nachdem der türkische Ministerpräsident Erdogan Gespräche mit den Demonstranten ankündigte, liess er hart durchgreifen. Demonstranten sind entsetzt über den Taksim-Einsatz der Polizei.

Nach ihm entschieden sich zahlreiche weitere Demonstranten für die neue Form des stummen Protests: Erdem Gunduz alias Duranadam (der bewegungslose Mann) während seiner Performance auf dem Taksim-Platz. (17. Juni 2013)
Nach ihm entschieden sich zahlreiche weitere Demonstranten für die neue Form des stummen Protests: Erdem Gunduz alias Duranadam (der bewegungslose Mann) während seiner Performance auf dem Taksim-Platz. (17. Juni 2013)
Reuters
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Ein Bulldozer der Polizei räumt eine Barrikade der Demonstranten ab.
Ein Bulldozer der Polizei räumt eine Barrikade der Demonstranten ab.
Keystone
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Galgenhumor ist alles, was Yulmiz geblieben ist. Als der 23-jährige Istanbuler am Dienstagmorgen in seinem Zelt im Gezi-Park im Zentrum der türkischen Metropole aufwacht, hört er den Lärm anrückender Polizei-Einheiten und die Motoren der schweren Wasserwerfer. Die Behörden haben die Sicherheitskräfte auf den Platz geschickt, der seit elf Tagen in der Hand von Demonstranten wie Yulmiz war. Gerade eben noch habe die Regierung Gespräche angeboten und jetzt das, sagt er. Aber er fügt hinzu: «Ich habe keine Angst vor ihren Wasserwerfern. Es wird meine erste Dusche seit drei Tagen sein.»

Fassungslos sehen die Park-Besetzer zu, wie die Polizei über den Taksim immer weiter vorrückt. Ein paar Demonstranten bewerfen die Polizisten mit Molotow-Cocktails und Steinen und schiessen Leuchtmunition. Sie werden von der Übermacht in die Seitenstrassen abgedrängt. Der Gezi-Park selbst, das Zentrum des Aufstandes gegen die Politik von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, wird von der Polizei nicht gestürmt. Noch nicht.

Gezi-Park: Vorstoss und Rückzug

Am Mittag tauchen Polizisten in Kampfmontur dann vor dem Eingang zum Park auf, einige dringen kurz auf das Gelände vor, doch dann ziehen sich die Sicherheitskräfte wieder zurück. Am 31. Mai war die Polizei hier mit brutaler Härte gegen eine kleine Gruppe friedlicher Aktivisten vorgegangen, die eine Bebauung des Parks verhindern wollten.

Die Attacke löste eine Solidaritätswelle für die Demonstranten aus, die sich seitdem zur grössten Protestwelle entwickelt hat, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten gesehen hat. Vier Menschen wurden bisher getötet, fast 5000 verletzt. Die Demonstranten prangern nicht nur die Urbanisierungspläne der Erdogan-Regierung an, sondern auch den ihrer Meinung nach immer autoritärer werdenden Kurs des Ministerpräsidenten.

Jetzt geht bei den Demonstranten die Angst um, dass die Erstürmung des Parks unmittelbar bevorstehen könnte. Immer wieder liefern sich Polizei und Demonstranten am Rand des Parks Auseinandersetzungen. Reifen werden angezündet, Wasserwerfer und Tränengas eingesetzt. «Wir wollen Freiheit, wir sind Freiheitskämpfer», sagt der 24-jährige Student Burak Arat. Dann verschwindet er in den Rauchschwaden auf dem Taksim-Platz.

Parteitag steht an

Die Räumung des Taksim-Platzes kommt vor für das Wochenende geplante Grosskundgebungen der Regierungspartei AKP in Istanbul und Ankara, mit denen der Wahlkampf für die Kommunalwahlen im kommenden Frühjahr eingeläutet werden soll. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will bei den Veranstaltungen zeigen, dass er und seine AKP, die bei Parlamentswahlen vor fast zwei Jahren fast 50 Prozent der Stimmen gewann, immer noch die Mehrheit hinter sich haben – auch wenn seit fast zwei Wochen jeden Tag Tausende gegen ihn auf die Strasse gehen.

(AFP)

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