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«Wir haben zu lange geschwiegen»

50 Jahre nach dem Contergan-Skandal hat der deutsche Hersteller Grünenthal erstmals um Verzeihung gebeten und ein Denkmal enthüllt. Statt diesem wünschen sich viele Betroffene aber mehr Hilfeleistungen.

Geschädigte protestieren gegen die Enthüllung des Denkmals vor dem Hauptsitz des Pharmahersteller Grünenthal in Stolberg. (31. August 2012)
Geschädigte protestieren gegen die Enthüllung des Denkmals vor dem Hauptsitz des Pharmahersteller Grünenthal in Stolberg. (31. August 2012)
Keystone
Das Denkmal wurde aber von einem Betroffenen initiiert: Johannes Igel vor dem Denkmal. (31. August 2012)
Das Denkmal wurde aber von einem Betroffenen initiiert: Johannes Igel vor dem Denkmal. (31. August 2012)
Keystone
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Historische Geste: Mehr als fünf Jahrzehnte nach der Contergan-Tragödie hat der Pharmakonzern Grünenthal erstmals die weltweit 10'000 Opfer des grössten deutschen Medizinskandals um Verzeihung gebeten. «Darüber hinaus bitten wir um Entschuldigung, dass wir 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen, vonMensch zu Mensch, gefunden haben», sagte Grünenthal-Geschäftsführer Harald Stock bei der Enthüllung eines Denkmals in Stolberg bei Aachen. «Stattdessen haben wir geschwiegen. Wir haben zu lange geschwiegen. Das tut mir leid.»

Tausende schwangere Frauen hatten nach der Markteinführung 1957 das als ungefährlich angepriesene Schlafmittel Contergan geschluckt und Kinder mit Fehlbildungen geboren. Allein in Deutschland waren 5000 Menschen betroffen. In der Schweiz sind neun Fälle offiziell registriert – das Medikament war rezeptpflichtig und wurde entsprechend weniger häufig als in Deutschland verkauft. Erst 1961 zog der Stolberger Pharmakonzern Grünenthal das Medikament zurück. Als Folge des Skandals hat Deutschland eines der strengsten Arzneimittelgesetze der Welt. Die rund 2400 noch in Deutschland lebenden Contergan-Opfer sind inzwischen 50 Jahre und älter.

Bislang hatte das Unternehmen von Verantwortung gesprochen und sein Bedauern ausgedrückt. Das Wort «Entschuldigung» war aber bislang nicht gefallen, da nach früherer Argumentation des Unternehmens darin das Wort «Schuld» enthalten ist. Stock sagte bei der bewegenden Veranstaltung, dass Grünenthal bei der Entwicklung von Contergan nach dem damaligen Wissensstand und Kenntnisstandgehandelt habe. «Wir wünschten, es wäre nie geschehen.» In den vergangenen Jahren habe man bemerkt, wie wichtig Gespräche mit den Betroffenen sein.

Anlass der überraschenden Worte war die Enthüllung des ersten Contergan-Denkmals, das an die Opfer des Medizinskandals erinnern soll. Mehrere Verbände waren dem Ereignis trotz Einladung demonstrativ ferngeblieben, da Grünenthal das bronzene Kunstwerkfinanziert hatte. Der Bundesverband Contergan sprach von einer «PR-Massnahme». Die Initiative für das Denkmal kam von dem betroffenen Johannes Igel aus dem Hunsrück, der das Vorhaben per Bürgerantrag in den Stolberger Stadtrat eingebracht hatte.

«Es war an der Zeit»

Igel nannte Contergan «die grösste menschliche Katastrophe in der Nachkriegsgeschichte nach dem Holocaust». Die Entschuldigung sei an der Zeit gewesen. «Jetzt müssten auch Taten folgen», sagte Igel derNachrichtenagentur dapd. Zahlreiche Geschädigte, die häufig verstümmelte Gliedmassen haben, bräuchten dringend finanzielle Unterstützung.

Das Denkmal, das ein Mädchen ohne Arme auf einem Stuhl sitzend neben einem leeren Stuhl zeigt, hat in einem städtischen Kulturzentrum seinen Platz gefunden. Auf einem Schild steht: «Zur Erinnerung an die Toten und Überlebenden der Contergankatastrophe.» Zuvor war auch über den Standort des Denkmals und den Zeitpunkt der Einweihung – 50 Jahre nach dem Skandal – heftig diskutiert worden. Manche hatten sich einen prominenteren Ort gewünscht.

Grünenthals Rolle war bislang umstritten. Betroffene hatten neben einer Entschuldigung immer wieder mehr Hilfsleistungen von dem millionenschweren Konzern gefordert. Gegen einen kritischen ARD-Filmging das Unternehmen gerichtlich vor. Nach der Entschuldigung wurden in dem Saal kritische Rufe laut. Ein Betroffener warf Grünenthal «fahrlässige Tötung» vor.

dapd/mw

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