Was Erdogan über Özil sagte

Bei der Eröffnung der Ditib-Moschee in Köln sprach der türkische Präsident auch über das umstrittene Foto mit Mesut Özil.

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Erdogan kommt 90 Minuten zu spät. Doch das stört die 500 geladenen, überwiegend männlichen Gäste auf dem Vorplatz der Moschee nicht. Sie sitzen und stehen in der warmen Herbstsonne, unterhalten sich und warten auf den türkischen Präsidenten. Als der dann endlich eintrifft, blickt er in eine Wand aus Smartphones. Nur, was gefilmt und fotografiert wurde, ist schliesslich auch passiert.

Und passiert ist so einiges – vor und während Erdogans dreitägigem Deutschland-Besuch. Die umstrittene Eröffnung der Ditib-Zentralmoschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld ist der Abschluss seines Staatsbesuchs. Am Flughafen hat er zuvor NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) getroffen. Fünf Stunden hält Erdogan sich am Samstag in Nordrhein-Westfalen auf, in dem Bundesland leben 500'000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit.

Gegen 17 Uhr tritt er ans Mikrofon und beginnt er seine Rede mit «Liebe Kölnerinnen und Kölner, der Gruss Gottes, der Segen sei über euch.» Die Zuhörer erleben in den nächsten 30 Minuten einen für seine Verhältnisse zurückhaltenden, moderaten Erdogan. Aber auch einen, der sich Seitenhiebe in Richtung Bundesregierung nicht verkneift. Einen, der nachdrücklich eine bessere Integration der Türken in Deutschland fordert. Die Türkei habe die Integration immer unterstützt und werde das auch weiterhin tun. Gegen Rassismus müsse aber «gemeinsam Haltung» angenommen werden, der Rassismus in Deutschland müsse aufhören, fordert er.

Mesut Özil wurde für das Foto mit Erdogan heftig kritisiert: Er trat aus der deutschen Nationalmannschaft aus. Foto: Keystone

«Ein Mesut Özil, ein Ilkay (Gündogan), die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, werden gesellschaftlich ausgegrenzt, weil sie sich mit uns in England haben fotografieren haben lassen. Ich kann das nicht verstehen», sagt Erdogan über das gemeinsame Foto mit den beiden Fussballspielern, das in Deutschland für Aufregung gesorgt hatte. Die Erdogan-Anhänger auf der nahen Venloer Strasse rufen: «Mesut Özil, Mesut Özil.»

An die Menschen gewandt, «die vor 57 Jahren» – damals wurde das Gastarbeiter-Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnet – nach Deutschland kamen, sagt Erdogan: Es könne schon sein, dass diese damals nach Deutschland gekommen seien, «um nur für ein paar Jahre hier zu arbeiten», bevor man zurückkehre. Faktisch sei das aber anders gekommen. «Jetzt leben viele von euch in zwei Ländern», ruft der türkische Präsident.

In diesem Zusammenhang wirbt Erdogan auch für den Doppelpass. Seit 2014 dürfen in Deutschland geborene Menschen auch zwei Pässe besitzen. Zuletzt gab es in der CDU Diskussionen, das Staatsangehörigkeitsrecht zu verschärfen. «Falls ein Deutscher zu uns kommen würde und ein wenig bei uns leben und danach den Pass beantragen würde, er würde den Pass bekommen», sagt Erdogan – und schiebt hinterher, solange er nicht vorbestraft sei.

Die Rede bleibt in weiten Teilen versöhnlich, Erdogan ruft die Muslime zur Einheit auf, auch wenn sie unterschiedlichen Lehren angehörten. Die Türken würden von zwei Seiten angegriffen. Einerseits gebe es den Terror von Seiten des sogenannten Islamischen Staates, der PKK und der Gülenisten, die nach Ansicht Erdogans für den Putsch in der Türkei verantwortlich sind – und auf der anderen Seite rassistische Gruppierungen, die die Rechte von Muslimen missachten würden.

«Die Justiz der Türkei hat alle Urteile gefällt, die es zu fällen gilt»

Der türkische Präsident verweist darauf, dass seine Regierung – anders als viele westliche Staaten – keinen Unterschied mache zwischen der PKK in der Südosttürkei und der in Syrien ansässigen kurdischen Miliz YPG. Beide seien Terrorgruppen. Dass die YPG im Kampf gegen den IS Waffen geliefert bekam, nimmt Erdogan den USA bis heute übel.

Der Gebetssaal der Ditib-Zentralmoschee in Köln. Quelle: Youtube/Ditib

Dann kommt Erdogan erneut auf die Gülen-Bewegung zu sprechen – und kritisiert die Bundesregierung. Der Wunsch Erdogans, die Gülen-Bewegung auch in Deutschland als Terrororganisation einzustufen und deren Angehörige auszuliefern, scheitere bisher daran, dass es Deutschland an überzeugendem Material fehle, dass den terroristischen Charakter der Organisation belege. «Unsere strategischen Partner sagen dann: ‹Beweise'. Entschuldigung, was für Beweise? Die Justiz der Türkei hat alle Urteile gefällt, die es zu fällen gilt», sagt Erdogan in seiner Rede. Die Bundesregierung hält sich stets bedeckt, wenn es um die Gülen-Bewegung geht und sagt, ihr lägen keine Erkenntnisse vor, dass es sich um eine Terrorgruppe handele.

Kurz bevor Erdogan nach einem Gebet in der Moschee zum Flughafen aufbricht, zieht er in seiner Rede noch eine Bilanz seiner zwei Tage in Deutschland: «Es war ein erfolgreicher Besuch», sagt Erdogan. Er habe mit der Kanzlerin und dem Bundespräsidenten «wichtige Themen ehrlich besprochen» und die deutsch-türkische Freundschaft vertieft«.

Die Verantwortlichen der Stadt Köln, einige deutsche Politiker, türkische Oppositionelle und die Gegendemonstranten werden das wohl anders sehen.

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