Spionagedrama in Salisbury

Ausgerechnet eine pittoreske englische Kleinstadt ist zum Schauplatz eines mysteriösen Anschlags geworden.

An allen möglichen Orten im Städtchen wurden Spuren von Nervengas nachgewiesen: Die Experten kommen ganz aus der Nähe. Foto: Neil Hall (EPA, Keystone)

An allen möglichen Orten im Städtchen wurden Spuren von Nervengas nachgewiesen: Die Experten kommen ganz aus der Nähe. Foto: Neil Hall (EPA, Keystone)

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Ein paar Kilometer vor der Stadtgrenze taucht plötzlich ein Armeekonvoi auf. Polizisten auf Motorrädern begleiten Schwertransporter, auf denen Streifen- und Rettungswagen aus Salisbury abgeschleppt werden. Sie sind in Planen gehüllt. Es besteht akuter Verdacht auf Verseuchung. Experten der britischen Streitkräfte sollen die Fahrzeuge nun im nahen Forschungszentrum Porton Down untersuchen. Das Nervengas, mit dem eine Woche zuvor der russische Ex-Spion Sergei Skripal und seine Tochter Julia im Zentrum von Salisbury attackiert wurden, hat Behörden und Bevölkerung in dieser sonst so friedlichen ­Gegend rund 100 Kilometer südwestlich von London gleichermassen verunsichert. Die ganze Stadt fragt sich, was für ein Unheil da über sie hereingebrochen ist – und wie ernst man es nehmen muss.

Ein Stück weiter die Strasse hinunter, beim örtlichen Friedhof, sind gleich drei Einsatzwagen der Polizei parkiert. Hier sind Skripals Frau und dessen letztes Jahr in Russland gestorbener Sohn bestattet. Ein Nachbar ist aus seinem Haus, auf der anderen Seite der Strasse, getreten, um eine Zigarette zu rauchen. «So eine Unruhe haben wir hier noch nie gehabt», sagt er. «Ausgegraben haben sie bisher noch nichts. Aber wer weiss, was als Nächstes kommt?»

Das ist eine Frage, die sich viele Bewohner Salisburys stellen. Der mysteriöse Anschlag auf Skripal und seine Tochter zieht immer weitere Kreise, seit bekannt geworden ist, dass eine «ungewöhnliche» Art von Nervengas als Waffe benutzt wurde – und dass Spuren dieses Gases an allen möglichen Plätzen in Salisbury gefunden worden sind.

Die oberste Gesundheitsbeamtin der Regierung erklärte am Wochenende überraschend: Wer sich vor gut einer Woche wie Vater und Tochter Skripal im Restaurant Zizzi oder im Mühlen-Pub aufgehalten habe, solle die dort getragenen Kleider waschen und sonstige mitgebrachte Gegenstände gründlich abtupfen. Das sei natürlich nur «eine vorbeugende Massnahme». Für die 500 Personen, die man im Blick habe, sei das Gesundheitsrisiko zwar «gering». Falls sich aber doch Nervengasreste irgendwo erhalten hätten, sei es zweifellos besser, Hautkontakt mit selbst winzigen Spuren davon zu vermeiden.

«Was soll man davon halten?», fragt eine Gruppe junger Leute an der Bar des King’s Head Inn – direkt gegenüber dem Mühlen-Pub. Sie sind der Ansicht, man könne «niemandem trauen» bei dieser Geschichte. Dass bei Zizzi und im Mühlen-Pub Spuren des Nervengases entdeckt wurden, hatte erst die BBC und nicht die Regierung enthüllt. «Wie viel Schaden hat dieses Nervengas wirklich angerichtet? Und was sind die Langzeitfolgen, wenn man damit in Berührung gekommen ist?», fragen sich nun die jungen Leute an der Bar.

Es brodelt in der Stadt

John Glen, der konservative Unterhausabgeordnete für Salisbury, wehrt sich gegen solches Misstrauen. Er sei, hat Glen erklärt, «absolut überzeugt» davon, dass die Bewohner der Stadt «sicher» seien. Allerdings weiss auch Glen, dass es in Salisbury brodelt: «Das Ganze ist beunruhigend. Es ist verwirrend. Ich streite ja nicht ab, dass dies sehr ungewöhnliche Zeiten für Salisbury sind.» Immerhin sind, wie Glen einräumt, «sieben Geschäfte und ein paar andere Lokalitäten» geschlossen worden, während die Nachforschungen anhalten.

Vom Mühlen-Pub, das gemäss Experten noch mehrere Wochen geschlossen bleiben könnte, führt ein kleiner Durchgang entlang eines Baches zu einem begrünten Gelände zwischen den Supermärkten des Zentrums. Hier, auf einer Parkbank, sind die Skripals gefunden worden, starr und bewusstlos. Auch hier ist weiträumig abgesperrt worden. Kleine Grüppchen von Ausflüglern kommen her, um einen Blick auf die Parkbank zu erheischen. Viele Einheimische jedoch gehen, in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Normalität, einfach wie jeden Tag ihren Einkäufen nach. Dass ihre Stadt plötzlich Schauplatz eines Spionagedramas von nationalem und internationalem Interesse geworden ist, kommt vielen noch immer unfassbar vor.

«Wir hatten ja keine Ahnung, dass dieser Sergei Skripal hier mitten unter uns wohnte», erklären die jungen ­Männer im King’s Head Inn. Skripal, ein Oberst des russischen Militär-Geheimdienstes, der für London spionierte und 2010 im Zuge eines Austauschs von Spionen nach England kam und sich in Salisbury ansiedelte, war vor Ort tatsächlich keine Berühmtheit. Nur einige seiner Nachbarn in der Christie Miller Road, in einem kleinbürgerlichen Neubaugebiet im Nordwesten der Stadt, wussten, mit wem sie es zu tun hatten.

Auch hier, nahe dem Wohnhaus von Skripal, flattern mittlerweile Absperrbänder im Wind. Hier soll sich der Kriminalbeamte Nick Bailey, der nun wie die Skripals in einem Krankenhaus im Süden der Stadt liegt, mit Nervengas verseucht haben. Er war offenbar der erste Polizist in Skripals Haus, nachdem der Russe beim Mühlbach im Stadtzentrum gefunden worden war – was noch mehr Fragen aufwirft zum Tathergang in diesem mysteriösen Fall.

Nicht nur Folklore

Nachfühlen kann man den Bürgern Salisburys die Verblüffung darüber. Dem Städtchen, das so stolz ist auf seine alten Fachwerkbauten, Stadttore und Kirchen. Stonehenge ist nicht weit. Aber eben auch Porton Down, das Forschungszentrum für Chemie- und Biowaffen der Armee.

In der hübschen Brasserie der Stadt, bei Cote, soll Sergei Skripal auch in den letzten Jahren einmal im Monat seinen Verbindungsmann beim britischen ­Geheimdienst zu Vieraugengesprächen getroffen haben – zwischen Fachvorträgen, die er über moderne Waffensysteme gehalten hatte. Salisbury hat offenbar zwei Seiten. Als vorige Woche Nervengasalarm ausgelöst wurde, hatten es die Experten von Porton Down in ihren Schutzanzügen und mit ihren rollenden Laboratorien zumindest nicht weit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2018, 22:59 Uhr

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Theresa May hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin ultimativ aufgefordert, zur Nervengas-Attacke auf den Ex-Spion Sergei Skripal und seine Tochter in der englischen Stadt Salisbury Stellung zu nehmen. Die britische Premierministerin erklärte am Montagabend im Unterhaus, Moskau sei «mit grösster Wahrscheinlichkeit verantwortlich» für den Anschlag auf die Skripals. Der Kreml müsse London bis heute Abend wissen lassen, ob es sich um «eine direkte Aktion des russischen Staates» gehandelt habe oder ob Moskau «die Kontrolle verloren» habe über seine Nervengas-Bestände. So man keine Antwort von Putin auf diese Frage erhalte, werde man bereits morgen neue Strafmassnahmen beschliessen.

Bei dem in Salisbury benutzten Nervengas handelt es sich laut May um «ein militärspezifisches Nervengas von einem Typus, der in Russland entwickelt wurde». Das hätten die britischen Geheimdienste festgestellt. Mays Erklärung kam nach einer Sondersitzung des Sicherheitsausschusses der Regierung am Montag, bei der Topminister von den Chefs der Geheimdienste über die neuesten Erkenntnisse informiert wurden.

Skripal und seine Tochter waren am vorletzten Sonntag im Zentrum von Salisbury ohnmächtig aufgefunden worden. Seither wurden mehrere Plätze in der Stadt für die Öffentlichkeit gesperrt, 21 Personen ärztlich behandelt und 500 Pub- und Restaurantgäste aufgefordert, Kleider und mitgeführtes Eigentum zu dekontaminieren. 250 Polizisten und 180 Angehörige der Streitkräfte sind zurzeit mit dem Fall beschäftigt. Die Opfer des Anschlags liegen noch immer «in kritischem Zustand» im Krankenhaus.

Russlands Aussenminister nannte Mays Erklärung «eine Zirkusshow». Die russische Botschaft in London hatte bereits vor ihrem Auftritt vor «ernsten Langzeitfolgen» für die bilateralen Beziehungen» gewarnt. (P.N.)

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