Dompteur in Zeiten des Wahnsinns

Er hat das britische Unterhaus zu einem Teil der Popkultur gemacht, in Erinnerung bleiben wird John Bercow aber als Stimme der Vernunft.

Das Unterhaus steht ihm gut: John Bercow in Vorbereitung auf einen seiner letzten Tage in Westminster. (AP/Keystone/Stefan Rousseau) I

Das Unterhaus steht ihm gut: John Bercow in Vorbereitung auf einen seiner letzten Tage in Westminster. (AP/Keystone/Stefan Rousseau) I

Vor seinem letzten Arbeitstag als Sprecher des britischen Unterhauses war John Bercow am Donnerstagmorgen im Fitnessstudio, berichtet die «Daily Mail». Mit dem Westminsterpalast im Rücken machte er ein Selfie mit einer Passantin, winkte den Paparazzi zu und zog sich dann hinter die 170 Jahre alten Mauern zurück.

Dort thronte er ein letztes Mal auf seinem grünen Sessel: der Mann, der die britischen Parlamentsdebatten der vergangenen Jahre zu einem Teil der Popkultur gemacht hat, der selbst zum Meme wurde und nun zum Abschied die herzlichsten Lebewohls aus allen Parteien erhielt.

Was machte Bercows Amtszeit so besonders?

Der Brexit. Bercow war Parlamentssprecher seit 2009, aber erst seit die Briten 2016 für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben, rückte das Unterhaus verstärkt in den internationalen Fokus: als Ort des rhetorischen Schlagabtauschs und als Bollwerk der Demokratie. Als solches hat Bercow es verstanden und verteidigt: Einmal, als er Theresa May mit Verweis auf Präzedenzfälle aus dem Jahr 1604 verweigerte, ihren Brexit-Deal erneut zur Abstimmung vorzulegen, ein anderes Mal, als er gegen die von Boris Johnson verfügte fünfwöchige Parlamentspause kämpfte – und sich nach einem Supreme-Court-Urteil als Sieger fühlen durfte. «Der Brexit wurde zu Mr Bercows Sternstunde», schreibt der «Guardian» zum Abschied.

Video: Schluss mit den «Ooorder!»-Rufen

John Bercow, legendärer Sprecher des britischen Unterhauses, tritt zurück. (Video: Tamedia/Aline Bavier)

Was hält Bercow selbst vom Brexit?

Der Sprecher des Unterhauses hat per Definition unparteiisch zu sein – und so übte Bercow sein Amt aus. Er ist Tory, trat bereits 1979 und als Fan von Premierministerin Margaret Thatcher in die Partei ein, entwickelte sich aber über die Jahre vom Konservativen zum Sozialliberalen. Das nehmen sie ihm bei den Tories übel: Bercow ist in seiner Partei nicht besonders beliebt, gewählt wurde er 2009 auch mit den Stimmen der Labour-Abgeordneten, die ihren Konkurrenten damit eins auswischen wollten, wie es heisst.

Was Bercows private Einstellung betrifft: Er hat für den Verbleib Grossbritanniens in der Union gestimmt. «Ich dachte, es ist besser, in der EU zu bleiben», sagte Bercow 2017 vor Studenten.

Was hält er von Autorität?

Das machtvolle Amt des Speakers bereitete Bercow grosse Freude, seine «Order»-Rufe gingen ihm bisweilen nicht ohne ein Schmunzeln über die Lippen. In einem Spiegel-Interview zitiert er seine Mutter, die gesagt habe: «Du wirst nie mehr einen Job haben, den du so sehr geniesst.» Was andere Autoritäten angeht, gibt sich Bercow gerne breitbeinig: 2015 düpierte er den chinesischen Staatschef Xi Jinping bei dessen England-Besuch, als er in seiner Anwesenheit Aung San Suu Kyi als «Champion der Demokratie» lobte und Xi nahelegte, «eine moralische Inspiration für die Welt» zu sein.

2017 verhinderte er einen Auftritt von US-Präsident Donald Trump im Unterhaus mit der Begründung: dort sei kein Platz für Sexismus und Rassismus.

Was ist sein Vermächtnis?

Die Abschiedsreden, die Abgeordnete aller Parteien am Mittwoch hielten, waren durchweg liebevoll. «Ich habe viele Speaker erlebt, aber Sie waren der beste», sagte etwa der Labour-Politiker Ronnie Campbell, der seit 1987 im Unterhaus sitzt. Andere hoben hervor, dass Bercow mehr als jeder andere in seiner Position für die Rechte der LGBTQI*-Community getan habe. (Bereits vor seiner Zeit als Speaker hatte er gegen die Parteilinie und für das Adoptionsrecht von gleichgeschlechtlichen und unehelichen Paaren gestimmt. Danach trat er aus Protest als Minister im Schattenkabinett von Iain Duncan Smith zurück.)

Wieder andere Abgeordnete, wie der 79-jährige Kenneth Clark, Alterpräsident des House of Commons, lobten den unermüdlichen Einsatz Bercows für die Rechte auch vermeintlich unbedeutender Abgeordneter. Premierminister Boris Johnson drückte das in einer ironisch-liebenswürdigen Rede für Bercow so aus: «Sie sorgten sich so intensiv um die Belange der Hinterbänkler, dass Sie mehr als jeder andere Mensch seit Stephen Hawking dafür getan haben, die Zeit auszudehnen.»

Bercow hatte unter anderem die wöchentliche Befragung des Premierministers verlängert, um mehr Abgeordneten die Teilnahme zu ermöglichen. Im Übrigen ist es auch auf Bercow zurückzuführen, dass im britischen Parlament keine weissen Perücken mehr getragen werden.

Was bleibt? Bercows feine Ironie, einerseits. Als ein Tory ihn für einen Anti-Brexit-Aufkleber auf seinem Wagen kritisierte, entgegnete Bercow: Es handle sich um den Wagen seiner Frau. Dann fragte er den Kollegen, ob dieser etwa behaupten wolle, die Ehefrau sei der Besitz des Mannes.

Andererseits: In politisch wirren Zeiten, in denen Reality-TV-Darsteller Präsidenten werden und grosse Wirtschaftsnationen lieber alleine zurechtkommen als im Verbund mit anderen, wirkte Bercow wohltuend vernünftig. Man konnte in seinen krächzenden «Order, order»-Rufen daher stets mehr sehen als die Zurechtweisung einzelner Abgeordneter. Sie waren auch: Ordnungsrufe in einer aus der Ordnung geratenen Welt.

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