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Sitzen bis zur Selbstkasteiung

Heute wird wieder gesessen, um der Krise endlich beizukommen. Dabei stellen sich die Europolitiker auf einen zähen Verhandlungsmarathon ein. Ein Blick zurück auf die längsten Verhandlungsnächte.

Die Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht wurde zum zweitägigen Ringen: Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher (l.) und Bundesfinanzminster Theo Waigel (r.) unterzeichnen am 7. Februar 1992 den Vertrag zur Wirtschafts- und Währungsunion der Europäischen Gemeinschaft.
Die Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht wurde zum zweitägigen Ringen: Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher (l.) und Bundesfinanzminster Theo Waigel (r.) unterzeichnen am 7. Februar 1992 den Vertrag zur Wirtschafts- und Währungsunion der Europäischen Gemeinschaft.
Keystone
Frankreich zettelte einen Streit um den zukünftigen Präsidenten der EZB an. Deshalb wurde das Treffen der europäischen Regierungschefs im Mai 1998 zum längsten Mittagessen in der Geschichte der EU: Der damalige britische Premierminister Tony Blair und sein damaliger Amtskollgegen aus Italien, Romano Prodi, der französische Präsident Jacques Chirac, der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und der portugiesische Premierminister Antonio Guterres. (erste Reihe von l. nach r.)
Frankreich zettelte einen Streit um den zukünftigen Präsidenten der EZB an. Deshalb wurde das Treffen der europäischen Regierungschefs im Mai 1998 zum längsten Mittagessen in der Geschichte der EU: Der damalige britische Premierminister Tony Blair und sein damaliger Amtskollgegen aus Italien, Romano Prodi, der französische Präsident Jacques Chirac, der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und der portugiesische Premierminister Antonio Guterres. (erste Reihe von l. nach r.)
AFP
Im Oktober wurde bis um vier Uhr morgens an den Konditionen für die Griechen-Rettung gefeilscht: Der britische Premierminister David Cameron und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im EU-Hauptsitz in Brüssel. (26. Oktober 2011)
Im Oktober wurde bis um vier Uhr morgens an den Konditionen für die Griechen-Rettung gefeilscht: Der britische Premierminister David Cameron und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im EU-Hauptsitz in Brüssel. (26. Oktober 2011)
AFP
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Zähe Verhandlungsmarathons sind in Brüssel beileibe kein Einzelfall, zumal in Krisenzeiten. An strapaziöse Überstunden haben sich die europäischen Staats- und Regierungschefs längst gewöhnt. Beim heutigen EU-Gipfel müssen sie wohl auch auf den entspannten Genuss des Halbfinales der Fussball-EM zwischen Deutschland und Italien verzichten. Es wäre nicht die erste Selbstkasteiung.

Bereits die «Geburtsstunde der EU» setzte in dieser Hinsicht Massstäbe. Die Absegnung des Vertrags von Maastricht geriet 1992 zum zweitägigen Ringen um das Wesen und Werden der Europäischen Union. Damals kreisste der Berg und gebar: ein 320-seitiges Papiermonstrum, inklusive 17 Protokollen und 33 Erklärungen. Delegationsmitglieder erinnern sich mit Grauen an die schwer zu durchdringende Bleiwüste.

Beschwerdenflut nach Sitzung

Für Unmut bei den Beteiligten sorgte im Mai 1998 auch das «längste Mittagessen in der Geschichte der EU». Damals zettelte Frankreich einen Streit um den künftigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank an, der erst nach zehn Stunden beigelegt wurde. Über die schlechte Vorbereitung des Treffens hagelte es später Beschwerden.

Eine weitere denkwürdige Episode trug sich im Februar 1999 in Berlin zu. Nach einwöchigen Vorverhandlungen ihrer Fachminister rangen die EU-Spitzen bis sechs Uhr morgens um die künftige Finanzplanung der Union und das Agrarbudget. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder versuchte noch, die Partner in nächtlichen Einzelgesprächen - dem sogenannten Beichtstuhlverfahren - auf Deutschlands Sparkurs einzuschwören. Sein Reformwunsch scheiterte aber am Widerstand Frankreichs.

«Manchmal sogar aggressiv»

Legendär ist auch der fünftägige Gipfelpoker von Nizza. Dort ging es im Dezember 2000 um neue Abstimmungsverfahren, Stimmengewichtung, Parlamentssitze nach der EU-Osterweiterung - und «manchmal sogar aggressiv» zu, wie ein Teilnehmer nach den Verhandlungen einräumte. Am Ende geriet der erhoffte grosse Wurf zum Minimalkompromiss.

Zehn Jahre später beschlossen die EU-Finanzminister in einer weiteren Nachtsitzung einen 750 Milliarden Euro schweren Euro-Rettungsfonds unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Erst am frühen Morgen jenes 10. Mai 2010 stieg weisser Rauch auf. Anschliessend traten die Minister völlig übermüdet vor die Presse, bevor sie ins Bett fielen.

Wer allerdings hoffte, dies sei die letzte Nachtschicht gewesen, der wurde im Oktober vergangenen Jahres eines Besseren belehrt. Bis vier Uhr morgens feilschten Kanzlerin Angela Merkel und ihre europäischen Kollegen im Brüsseler Ratsgebäude über die Konditionen der Griechenland-Rettung. Das Gezerre endete mit einem 50-prozentigen Schuldenschnitt für Athen. Am Donnerstag dürfte Griechenlands Schicksal zwar eher am Rande gestreift werden. Mit einem endgültigen Gipfelergebnis vor Mitternacht ist aber auch dieses Mal kaum zu rechnen.

dapd/wid

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