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Plötzlich klafft da eine Lücke

Nach der Brückenkatastrophe in Genua wird klar: Das eingestürzte Viadukt muss komplett abgerissen werden.

Unglaubliche Bilder aus Genua: Mitten in der Stadt bricht die Autobahnbrücke der A10 zusammen.

Auch in der Nacht sind immer noch Sirenen zu hören. Stetig rollt neues Rettungsgerät an. Helfer von Militär, Feuerwehr, Polizei und der italienischen Bundespolizei versuchen, sich mit Raupen und Kränen einen Weg durch die Trümmer zu bahnen, die in das ausgetrocknete Flussbett unterhalb der Brücke gestürzt sind. Erschöpfte Suchhunde werden so schnell es geht durch neue abgelöst. Auch mit spezieller Lasertechnik versuchen die Helfer, noch Überlebende zu finden. Bis zum frühen Morgen lag die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer laut italienischer Nachrichtenagentur Ansa bei 35. Unter den Opfern seien auch drei Minderjährige im Alter von 8, 12 und 13 Jahren. 16 Menschen wurden verletzt, zwölf davon schwer.

In der Nähe der Brücke wurden nach dem Einsturz vorsichtshalber Gebäude geräumt. Mehr als 400 Menschen seien obdachlos, erklärte der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Edoardo Rixi. Ihm zufolge wird der Einsturz weitreichende Konsequenzen haben, da die Brücke komplett abgerissen werden müsse. Das werde «schwerwiegende Auswirkungen» auf den Verkehr haben und so Probleme für Bürger und Unternehmen bringen.

Ein Anwohner berichtet, er habe gesehen, wie die Brücke auf ein kleines, gelbes Haus gestürzt sei. Das habe danach ausgesehen, wie eine Banane, die jemand zerstampft habe, sagt er. Zum Glück sei niemand zuhause gewesen. In der Gegend sind gerade noch Ferien. Ein anderer, der den Abend nach dem Unglück bei einer Tüte Chips und einem Glas Wein in der Bar Eridania verbringt, hat sich seine Meinung über die Ursache der Tragödie bereits gebildet. «Das Ding war nicht mehr zu warten, das war einfach nur noch abzureissen», sagt er.

Augenzeugen der Katastrophe

«Oh Gott, oh Gott, oh Gott»: Es sind Rufe voller Bestürzung und Fassungslosigkeit. Panik liegt in der Stimme von Davide Di Giorgio, der Augenzeuge einer Katastrophe wird. «Ich fühle mich schlecht, ich fühle mich schlecht», sagt er weiter, hörbar mitgenommen. Di Giorgio sieht gerade, wie ein Stück der Morandi-Brücke der Autobahn A10 in Genua in sich zusammenkracht. Er hat diese Szene mit seinem Handy gefilmt. Sein auf Facebook gepostetes Video macht schnell die Runde in den Medien. Es zeigt eine 30-sekündige Sequenz eines Unglücks, das Italien erschüttert. Schon kurz nach den ersten Berichten und Bildern aus der norditalienischen Stadt sprach Italiens Verkehrsminister Danilo Toninelli von einer «gewaltigen Tragödie».

Schwerstes Brückenunglück in Europa seit über 15 Jahren: Gegen 11.30 Uhr brach die Morandi-Brücke zusammen. Trümmer und Autos stürzten aufs Gewerbegebiet und in den Fluss Polcevera. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)
Schwerstes Brückenunglück in Europa seit über 15 Jahren: Gegen 11.30 Uhr brach die Morandi-Brücke zusammen. Trümmer und Autos stürzten aufs Gewerbegebiet und in den Fluss Polcevera. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Die vierspurige Autobahnbrücke im Westen von Genua war am Dienstag gegen Mittag auf einer Länge von rund 200 Metern eingestürzt und hatte dabei 30 bis 35 Autos sowie mindestens drei Lastwagen mit in die Tiefe gerissen. Über allfällige Schweizer Opfer lagen dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten keine Informationen vor.

Elf Überlebende geborgen

Luftaufnahmen des Unglücksorts zeigen, wie eine riesige Lücke zwischen den zwei Brückenteilen klafft. Betontrümmer liegen auf den Bahngleisen. Beim Brückeneinsturz kamen auch Gebäude zu Schaden. Bei dem unter der Autobahnbrücke liegenden Stadtteil von Genua handelt es sich um ein Gebiet mit Industrie- und Gewerbebetrieben. Mehr als 300 Rettungskräfte waren im Einsatz. In der Nähe der Brücke wurden vorsichtshalber Gebäude evakuiert. In den tonnenschweren Trümmern suchten die Helfer von Feuerwehr und Sanität bis in die Nacht hinein nach weiteren Opfern – in der Hoffnung, Überlebende zu finden. Elf Überlebende seien bisher geborgen worden, sagte Genuas Bürgermeister Marco Bucci am Dienstagabend.

Die Bilder des Unglücks:

Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Laut der Feuerwehr seien Geräusche zu hören, die sich von jenen der vergangenen Tage unterscheiden.
Laut der Feuerwehr seien Geräusche zu hören, die sich von jenen der vergangenen Tage unterscheiden.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Bei dem darunter liegenden Stadtteil handelt es sich um ein von Industrie und Gewerbe geprägtes Gebiet.
Bei dem darunter liegenden Stadtteil handelt es sich um ein von Industrie und Gewerbe geprägtes Gebiet.
Wikimedia/Bbruno
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Auf Bildern des Unglücksorts sind auch von Trümmern zerquetschte Fahrzeuge zu sehen. Mehrere Autos landeten zudem im Fluss Polcevera, den die Autobahnbrücke überquert. Ein Foto zeigt einen einsamen Lastwagen auf der Brücke, wenige Meter vor dem Abgrund. An dieser Stelle geht es rund 40 Meter in die Tiefe. Dem Lastwagenfahrer, der gerade noch rechtzeitig abbremsen konnte, geht es den Umständen entsprechend gut. Aber er steht unter Schock, wie sein Arbeitgeber erzählte. Augenzeugen berichteten von «apokalyptischen Szenen». «Das ist die Hölle», sagte ein Feuerwehrmann, der an den Bergungs- und Räumungsarbeiten beteiligt war.

Sintflutartiger Regen

An der eingestürzten Brücke waren zum Zeitpunkt der Tragödie Bauarbeiten im Gange. Wie die Betreibergesellschaft Autostrade per l’Italia verlauten liess, war gerade am Fundament der Brücke gearbeitet worden.

Die Betreiberin will von einer Einsturzgefahr nichts gewusst haben. Die Behörden vermuten «strukturelle Schwächen am Bau» als Auslöser des Brückeneinsturzes. Das Unglück ereignete sich bei sintflutartigem Regen. In Medienberichten hiess es, dass durch die Wassermassen Teile des Fundaments aufgeweicht oder weggeschwemmt worden sein könnten.

Experten haben schon lange vor einer Einsturzgefahr gewarnt. «Diese Brücke ist ein Fehler und muss ersetzt werden», sagte beispielsweise vor zwei Jahren Antonio Brencich, Dozent an der Fakultät für Ingenieurwesen der Universität Genua. Innenminister Matteo Salvini machte am Dienstagabend die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich. Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen, «alles bezahlen, teuer bezahlen», erklärte er.

Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella nannte das Unglück «erschreckend und absurd». Genua und ganz Italien seien von einer Katastrophe getroffen worden. «Italiener haben das Recht auf moderne und effiziente Infrastruktur, die sie sicher durch ihren Alltag bringt», sagte er. Regierungschef Conte sagte, die «gesamte Infrastruktur» Italiens müsse überprüft werden. «Wir dürfen nicht zulassen, dass sich eine solche Tragödie wiederholt.»

Bauingenieur Stephan Etter vom Schweizer Ingenieurbüro Bänziger und Partner will nicht spekulieren, weshalb die Morandi-Brücke ingestürzt ist. Meistens fallen bei einem Einsturz mehrere ungünstige Gegebenheiten zusammen. Stürzt eine ältere Stahlbetonbrücke ein, liegt es nahe, dass auch Korrosionsschäden im Spiel waren. Die Bewehrung, aber auch Spannkabel sind im Prinzip durch den Beton vor Rost geschützt. Dieser Schutz kann verloren gehen, wenn beispielsweise Chlorid in den Beton eindringt. Hier ist das Problem vor allem das Streusalz, in Küstennähe kommt es aber auch aus der Luft. «Je näher am Meer, umso mehr Korrosionsschäden haben die Stahlbetonbauwerke.» Das sei augenfällig, sagt Etter. Dass die lange Hitze beim Einsturz eine Rolle gespielt hätte, ist a priori eher unwahrscheinlich.

Unvorstellbar ist hierzulande für die meisten Autofahrer, dass zum Beispiel die stark frequentierte Hardbrücke in Zürich einstürzt, die ebenfalls über eine Stadt führt. «Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Stahlbetonbrücke einstürzt, ist extrem klein. Aber wenn man in Genua die Gefahr erkannt hätte, wären ja Massnahmen ergriffen worden», entgegnet Ingenieur Etter. Die wenigen Brückeneinstürze erfolgen bei Stahlbetonbrücken meistens während des Baus, wenn das Lehrgerüst entfernt wird. «Das ist der erste Belastungstest, dann trägt die Brücke ihr Eigengewicht.» Ein Lehrgerüst ist eine Hilfskonstruktion, die früher beim Mauern von Bögen und Gewölben verwendet wurde und heute im Betonbrückenbau die Schalung trägt. Auch Einstürze von Lehrgerüsten werden fälschlicherweise oft als Brückeneinstürze eingestuft.

«Es ist nach wie vor auchin Italien sehr unwahrscheinlich, dass eine Brücke einstürzt.»

Stephan Etter, Bauingenieur

Ist es also denkbar, dass auch in der Schweiz eine Brücke so plötzlich einstürzt? «Das ist im Prinzip möglich, aber unwahrscheinlich. Dass Fehler bei der Projektierung oder bei der Ausführung passieren, ist trotz aller Sorgfalt und Kontrollen nicht unmöglich. Auch können Gefahren oder Schäden unerkannt bleiben. Es ist aber nach wie vor auch in Italien sehr unwahrscheinlich, dass eine Brücke einstürzt», sagt Stephan Etter, der der Geschäftsleitung von Bänziger und Partner angehört. Das Ingenieurbüro hat in den letzten 50 Jahren über 500 Brücken geplant, projektiert und in der Ausführung mitgestaltet, darunter so markante Bauwerke wie die Sunnibergbrücke bei Klosters. «Aber je sorgfältiger man baut und die Bauwerke kontrolliert und unterhält, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert.»

Die Pflichten der Bauherren

Für den Unterhalt der Brücken zuständig sind die Bauherren, und das sind in der Schweiz mehrheitlich das Bundesamt für Strassen, die SBB sowie die Kantone und Gemeinden. Zu jedem Bauwerk gibt es einen Unterhalts- und Überwachungsplan. So werden alle Bauwerke regelmässig inspiziert. Lastwagen mit Hebebühne und speziellen Geräten ermöglichen es, die Brücken von unten zu betrachten. Oft werden sie auch vermessen, um Unregelmässigkeiten bei den Durchbiegungen oder Senkungen zu erkennen. Werden Korrosionsschäden befürchtet, nimmt man etwa Proben des Betons, zum Beispiel um den Salzgehalt darin zu bestimmen. Auch die Schutzhüllen der Spannkabel können überprüft werden. «Es gibt vieles, das laufend gemacht wird», sagt Etter.

Video: Die Brücke aus der Luft

Aufnahmen aus der Luft zeigen das Ausmass der Zerstörung . (Twitter/Tamedia)

Der Einsturz der Morandi-Brücke in Genua ist das schwerste Brückenunglück in Europa seit mehr als 15 Jahren. Die Schrägseilbrücke von Ingenieur Riccardo Morandi (1902–1989) hatte eine Gesamtlänge von 1182 Metern. Sie war 1967 fertiggestellt worden und bildet den Beginn der A10 von Genua nach Ventimiglia entlang der italienischen Riviera bis zur französischen Grenze. Nach dem Unglück musste die A10 in beide Richtungen auf unbestimmte Zeit gesperrt werden. Nicht unmittelbar betroffen waren Reisende, die zum Fährhafen von Genua fahren wollten.

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