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Ohne Cognac kein Europa

Jean Monnet zählt zu den Gründervätern der Europäischen Union, ein gewählter Politiker aber war er nie. In seiner Geburtsstadt Cognac im Südwesten Frankreichs ist er bis heute allgegenwärtig.

Der berühmteste Sohn von Cognac: Das Denkmal von König François I., dem Sieger von Marignano, auf der Place François I. im Zentrum von Cognac.
Der berühmteste Sohn von Cognac: Das Denkmal von König François I., dem Sieger von Marignano, auf der Place François I. im Zentrum von Cognac.
Andreas Saurer
«Vater Europas»: Schild am Jean-Monnet-Platz in Cognac.
«Vater Europas»: Schild am Jean-Monnet-Platz in Cognac.
Andreas Saurer
Monnet-Büste in Cognac.
Monnet-Büste in Cognac.
Andreas Saurer
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«Vater Europas» steht auf den Schildern an der «Place Jean Monnet» in Cognac. Im Innenhof des «Salamandre»-Kongresszentrums steht eine Monnet-Büste. Wer in der hundert Kilometer von Bordeaux entfernten Kleinstadt den «Bac» macht, kann dies am Monnet-Lycée tun. Einmal im Jahr wird der Jean-Monnet-Literaturpreis vergeben. Jüngster Preisträger ist der aus Rumänien stammende und seit 1987 in Paris lebende Dramatiker, Schriftsteller und Journalist Matei Visniec.

«Patriotismus ist nicht Nationalismus»: So bringt Michel Adam, Präsident des «Centre d’Etudes Européen Jean Monnet», bei der Preisverleihung das Vermächtnis des grossen Cognaçais auf den Punkt. Das Monnet-Rezept für Europa umschreibt Adam so: «Aus Utopien entwickeln sich die Regeln der Zukunft.» Die Integration von Markt und Politik jenseits von Dominanz und Machtansprüchen, das war der rote Faden in Monnets Leben.

Deutsch-französischer Dialog

Cognac an der Charente, Region Poitou-Charentes im Südwesten Frankreichs. Monnet ist hier eine der kleineren Cognac-Destillerien. Jean Monnet (1888–1979) entstammte dieser Kaufmannsdynastie. Engagement für das ­Familienunternehmen blieb eine Konstante in seinem Leben. Er wurde zum Finanzexperten und -berater mit weltweitem Beziehungsnetz.

Doch zu seiner Berufung wurde Europa. Nach dem ersten Weltkrieg war Jean Monnet Vizegeneralsekretär des Völkerbundes. Im Zweiten Weltkrieg wollte er als politischer Visionär Wins­ton Churchill und Charles de Gaulle von einer «franko-britischen Union» überzeugen. Später setzte er Akzente bei der Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, indem er die ­gemeinsamen Ziele statt Rivalitäten und offene Rechnungen ins Zentrum rückte.

1950 stellte der französische Aussenminister Robert Schuman die Pläne einer westeuropäischen Montanunion vor, Monnet wurde 1952 deren erster Präsident. Der «Schuman-Plan» war de facto ein «Monnet-Plan». 1955 war er Mitbegründer und Vor­sitzender des «Aktionskomitees für die Vereinigten Staaten von Europa».

Ehrenbürger Europas

So wurde Monnet zu einem der einflussreichsten Wirtschafts- und Integrationspolitiker Europas. Er selbst wirkte dabei lieber im Hintergrund. Monnet war ­Berater, Diplomat, Organisator, Experte, Visionär und Funktionär. Ein gewählter Mandatsträger, ein gewählter Politiker aber war er nie. Das Rampenlicht, das Bad in der Menge suchte er nicht. Das erklärt, warum er heute vor sechzig Jahren an jenem regnerischen Tag bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge nicht von Paris nach Rom reiste.

1976, im Alter von 88 Jahren – und drei Jahre vor seinem Tod –, wurde der Architekt und Förderer des europäischen Hauses zum ersten Ehrenbürger Europas ernannt. Diese Auszeichnung haben seither nur gerade der deutsche Langzeitkanzler Helmut Kohl (1998) und der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Delors (2015) erhalten.

Verfärbter Kalkstein

Cognac heute, das sind Gebäude aus weissem Kalkstein mit weissen Fensterbalken, die früh geschlossen werden. Einst waren die Hauswände vom Cognac – beziehungsweise von einem durch verdunstenden Weinbrand entstandenen Pilz – schwarz verfärbt, die sicht- und riechbaren Spuren der Ausdünstungen der zahlreichen kleinen Destillerien hatten sich schwer über die Stadt gelegt.

Bis heute aber gibt der Cognac der Stadt Arbeit, Auskommen und Renommee. Davon zeugen die weitläufigen Rebberge in der Umgebung ebenso wie die paar wenigen Cognac-Riesen: Marktleader Hennessy, eine Tochter des Luxusgüterkonzern LVMH, Rémy Martin, Martell oder Courvoisier. Ihre luxuriösen Konzernsitze sind eine Mischung aus Tempel, Museum und Showroom. Steril und gut bewacht.

Letztes Jahr feierte die Stadt ihr 1000-Jahr-Jubiläum. Neben dem altehrwürdigen Weinbrand ist – seit dem Zweiten Weltkrieg – die Basis der französischen Luftstreitkräfte der Stolz der Stadt. Dort arbeiten rund 1000 Uniformierte. Sie drücken Cognac den modernen Stempel auf. Doch die Gassen im historischen Zentrum verströmen den Charme der vergessenen Provinz, la France profonde, als solche ist sie nicht ­gefeit gegen die Zeichen der neuen Zeit.

Zwar wählt man im Département Charente traditionell links. Ein paar Kilometer flussaufwärts, in Jarnac, wurde 1916 François Mitterrand geboren. Dort ist der einstige französische Staatspräsident auch begraben. Die Mairie von Cognac ist in sozialistischer Hand, doch der Front National ist auch hier auf dem Vormarsch, 16 Prozent erreichte die Partei von Marine Le Pen bei den letzten Kommunalwahlen vor drei Jahren.

Hochzeit in Moskau

Über Monnet weiss in Cognac fast jeder etwas zu erzählen. Viele Anekdoten gehören zum kollektiven Erinnerungsschatz. Zum Beispiel diese: Für seine Hochzeit reiste Monnet im November 1934 – im tiefsten Stalinismus – nach Moskau. Der damals 46-Jährige kam mit der transsibirischen Eisenbahn von China her. Seine Geliebte Silvia de Bondini, eine damals 27-jährige Malerin, war schon verheiratet, noch dazu mit dem zeitweiligen Monnet-Angestellten Francesco Giannini. In Moskau erhielt die aus der Schweiz angereiste junge Frau die sowjetische Staatsbürgerschaft, was ihr erst die Scheidung und unmittelbar danach die Hochzeit mit Monnet ermöglichte. Auch privat ging Monnet unkonventionelle Wege.

Monnet also begegnet man in Cognac auf Schritt und Tritt. «Doch einer ist hier um Lichtjahre berühmter und populärer als Monnet», bringt uns Gérard bei, was in Cognac jedes Kind weiss. Er arbeitet auf der Militärbasis und führt uns durch die Altstadt. Kurz darauf stehen wir vor einem Denkmal: König François I. sitzt hoch zu Ross, wirft mächtig Schatten und schaut ­hinüber zum 4-Stern-Hotel François Premier. An der Place François I. ist eine imperiale Brise zu spüren, hier treffen die Verkehrsachsen und die Fussgängerzone aufeinander.

Die etwas versteckte Place Monnet dagegen ist mit Autos vollgestellt, sie ist ein zweckmässiger Parkplatz. An der Charente steht das Schloss, in dem François 1494 geboren wurde. 32 Jahre ­Regentschaft verschafften seiner Stadt Vorrechte etwa beim Salzhandel, die Verdreifachung der Salzsteuer brachte Wohlstand. Cognac wurde zum Schifffahrtshafen.

Der Sieger von Marignano

François I. war jener französische Monarch, der den Eidgenossen am 13. September 1515 die vernichtende Niederlage bei Mari­gnano zugefügt hatte. Für den jungen König war das wenige ­Monate nach seiner Krönung ein wichtiger Schritt bei der ­Konsolidierung seiner Macht. Er konnte fortan auf das Söldnerpotenzial der Eidgenossenschaft zählen.

Heute sieht der sehr weitläufige Parc François 1er in Cognac ziemlich mitgenommen aus. Ende Dezember 1999, als bei uns Lothar wütete, hatte Orkan Martin nämlich 80 Prozent des imposanten Baumbestandes weggefegt. Doch mit vereinten Kräften arbeiten die Stadt, das französische Forstamt, die EU und Rémy Martin daran, dass er irgendwann sein alte Würde zurückbekommt.

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