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Logische Quittung für Srebrenica

Ein Kommentar von Redaktor Andreas Saurer zur Verurteilung von Ex-General Ratko Mladic zu lebenslanger Haft.

Mehr als 8300 bosnische Muslime wurden im Juli 1995 beim Massaker von Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen er­mordet. Über 22 Jahre später wird Ratko Mladic dafür zur Rechenschaft gezogen: Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verurteilt den 75-Jährigen Ex-Generalstabschef der Armee der bosnischen Serben im letzten Prozess des Jugoslawien-Tribunals zu lebenslanger Haft wegen Völkermordes.

Mladic war der Militärchef des bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic. Dieser war im März 2016 wegen Völkermords zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Beide zusammen sind sie ausserdem militärisch beziehungsweise politisch verantwortlich für Tausende von Toten während der Belagerung von Sarajevo (1992–1995), für Plünderungen, Vergewaltigungen und Vertreibungen.

Zerrissene Familien, als Waisen aufgewachsene Kinder, Krüppel, traumatisierte Über­lebende: Mladics und Karadzics Fluch lastet schwer auf dem kleinen und instabilen Vielvölkerstaat Bosnien-Herzegowina. Srebrenica steht für deren Skrupellosigkeit, aber auch für den Bankrott der internationalen Gemeinschaft, die den Massenmord in der zur UN-Schutzzone erklärten Kleinstadt tatenlos geschehen liess.

Beim Timing der Urteils­eröffnungen hat das Tribunal keine glückliche Hand: Das Verdikt gegen Karadzic wurde ausgerechnet am 17. Jahrestag des Beginns der Nato-Bombenangriffe auf Serbien verkündet, jenes gegen Mladic nun exakt 22 Jahre und einen Tag nach der Paraphierung des Dayton-Friedensabkommens, das den Bosnienkrieg beendete.

Vor fast 27 Jahren begann der Zerfall Jugoslawiens. Es folgten Kriege, Massaker und ethnische Säuberungen. Die Hauptprotagonisten der Kriegszeit waren der bosnische Serbenführer Karadzic, sein General Mladic – und Serbiens Präsident Slobodan Milosevic. Dieser ist 2006 kurz vor Prozessende in seiner Zelle in Den Haag gestorben.

Da waren Karadzic und Mladic noch nicht einmal ans UN-Tribunal überstellt worden. Im serbischen Teufelskreis aus Nationalismus, Nostalgie und Selbstmitleid waren Karadzic und Mladic lange Symbolfiguren einer gedemütigten Nation. Karadzic hatte mehr als 12 Jahre untertauchen können, bevor er 2008 in Belgrad verhaftet wurde, Mladic gelang das – mit tat­kräftiger Mithilfe von Armee und Geheimdienst – gar noch 3 Jahre länger.

Doch heute ist die EU-Beitritt-Perspektive für die serbische Regierung wichtiger als die Zelebrierung des Opfermythos, wenn auch eher aus Pragmatismus denn aus Überzeugung. Die Srebrenica-Pro­zesse sind Geschichte. Doch der Weg von Ex-Jugoslawien nach Europa bleibt lang: Erst zwei von sieben Nachfolgestaaten sind 2017 in der EU angekommen.

Mail: andreas.saurer@bernerzeitung.ch

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