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Letzte Überlebende kehren nach Auschwitz zurück, um zu berichten

Der Antisemitismus nimmt wieder zu. Umso wichtiger sei das Gedenken am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, sagen die Organisatoren.

Florian Hassel, Auschwitz
Der Kanadier Ephroim «Johnny» Jablon ist auf Bitten seines Rabbis aus Montreal nach Auschwitz gereist. Foto: Wojtek Radwanski (AFP)
Der Kanadier Ephroim «Johnny» Jablon ist auf Bitten seines Rabbis aus Montreal nach Auschwitz gereist. Foto: Wojtek Radwanski (AFP)

Jan Rothbaum hat den Tag wie heute vor Augen, an dem er ­seine Familie verlor. Es dauerte nur Minuten, bis die SS an einem ­Oktobertag 1942 Vater Schulem, Mutter Dora und seine Brüder Roman und Joseph aus ihrer Wohnung in Krakau geholt ­hatte. Jan Rothbaum, der sich mit seinen Fäusten auf einen der SS-Männer gestürzt hatte, war blutig und bewusstlos geschlagen, für tot gehalten und liegen gelassen worden. Als er wieder zu sich kam, war seine Familie abtransportiert worden.

Auch Rothbaum selbst wurde von den Deutschen gefasst. Als begabter Schreiner überlebte er ein Jahr im Konzentrationslager Plaszow bei Krakau, Anfang 1944 wurde er nach Auschwitz verlegt. Dort steht Rothbaum, der heute Kanadier ist und Ephroim «Johnny» Jablon heisst, ein Dreiviertel­jahrhundert später im Block 27 und findet seine Familie im «Buch der Namen» jüdischer Mordopfer wieder.

Todesmarsch und Befreiung

Seine gesamte Familie wurde in einem anderen Lager, dem Todes­lager Belzec, vergast. «Es stehen noch viele andere Namen meiner Verwandten in diesem Buch», sagt Jablon leise. «Ich habe sechzehn Tanten und Onkel und über zwanzig Cousins und Cousinen verloren. Niemand ausser mir hat überlebt.»

Dann tritt Jablon hinaus in die kalte Januarsonne und erzählt Schulkindern aus San Diego, wie an dieser Stelle vier junge Mädchen erhängt wurden. Er erzählt vom Gestank im Lager, wie er schwer erkrankt der Überstellung in die Gaskammern des ­Todeslagers Auschwitz-Birkenau nur entging, weil der Arzt die Krankenkarte manipuliert hatte.

Hinter diesem Tor mit der berüchtigten Aufschrift «Arbeit macht frei» trugen sich die Grausamkeiten zu. Foto: AFP
Hinter diesem Tor mit der berüchtigten Aufschrift «Arbeit macht frei» trugen sich die Grausamkeiten zu. Foto: AFP

Und er erzählt vom Todesmarsch, auf dem die SS ihn mit anderen Häftlingen ab Januar 1945 in sechs weitere Konzentrationslager trieb, bis er im Mai 1945 im KZ Gunskirchen in Oberösterreich von US-Truppen befreit wurde.

94 Jahre ist Jablon alt, seit 1948 lebt er im kanadischen Montreal. Zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist er gut 6500 Kilometer angereist, um noch einmal über den Massenmord in Auschwitz zu berichten. Neun andere Überlebende gehen mit Jablon durch das Tor mit der berüchtigten Aufschrift «Arbeit macht frei», bleiben stehen, weinen oder erzählen mit brechender Stimme vom Horror, der für sie plötzlich wieder gegenwärtig ist. An ihrer Seite steht Ronald Lauder, ein amerikanischer Kosmetikmilliardär, Präsident des World Jewish Congress und seit langem engagiert bei der Erhaltung von Auschwitz als Mahnmal und Museum.

Am Montag wird Lauder in Auschwitz neben dem polnischen Präsidenten stehen und vor Delegationen aus 50 Ländern eine Rede halten, in der er nicht nur von der Vergangenheit, sondern von der Gegenwart spricht: von Anschlägen auf Synagogen und jüdische Geschäfte und davon, dass Juden in Paris, Budapest, London oder Berlin wieder Angst haben, mit der Jarmulke auf dem Kopf auf die Strasse zu gehen.

Halle als Warnung

Rund tausend Menschen, die Auschwitz entkamen, sind noch am Leben. Über 200 von ihnen haben Lauder, die Auschwitz-­Gedenkstätte und das deutsche Maximilian Kolbe-Werk nach Au­schwitz und ins nahe Krakau ­gebracht, damit sie vom Morden und Überleben im Holocaust ­erzählen. Das sei, sagt Lauder, «notwendiger denn je».

In Lauders Heimat, den USA, weiss ein Fünftel der jungen Amerikaner unter 35 nicht, was der Holocaust ist; fast die ­Hälfte aller US-Bürger kann keinen ­Namen eines jüdischen Ghettos oder Konzentrationslagers des Holocaust nennen.

Über eine Million Menschen, hauptsächlich Juden, wurden hier während des Zweiten Weltkriegs getötet. Foto: Sean Gallup (Getty Images)
Über eine Million Menschen, hauptsächlich Juden, wurden hier während des Zweiten Weltkriegs getötet. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

In Europa hat Lauder die Zunahme an antisemitischen Verbrechen aufgeschreckt, in Frankreich, aber auch in Deutschland, wo schon 2018 dem Innenministerium zufolge knapp 1800 Vergehen mit mutmasslich anti­semitischem Hintergrund registriert wurden.

Der Anschlag auf die Syna­goge in Halle am 9. Oktober hat Lauder zusätzlich alarmiert. «Der Täter von Halle hat sein anti­semitisches Weltbild aus dem Internet. Es ist höchste Zeit, dass die deutsche Regierung schärfer gegen Nenonazis und das Schüren von Hass im Internet vorgeht. Das Verbot von Combat 18 kann nur der Anfang sein», sagt Lauder.

«Es ist höchste Zeit, dass die deutsche Regierung schärfer gegen Neonazis und den Hass im Internet vorgeht.»

Ronald Lauder, Präsident desJüdischen Weltkongresses

Der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz dürfte, so denken die Organisatoren, das letzte Gedenken sein, bei dem Überlebende in grosser Zahl vom grössten Verbrechen des 20. Jahrhunderts erzählen können. Johnny Jablon hatte sich geschworen, nie wieder nach Polen zu kommen. «Ausser mir war ja niemand mehr da. Ich wollte nicht die Asche meiner Familie sehen.» Doch in Montreal überzeugte ihn sein Rabbi, mit 92 Jahren das jüdische Reiferitual Bar Mitzvah nachzuholen. 2018 kam Jablon das erste Mal nach Krakau zurück und erlebte in der Synagoge die Bar Mitzvah, die Feier der religiösen Mündigkeit im Alter von 13 Jahren, die er fast acht Jahrzehnte zuvor durch den Terror der Deutschen verpasst hatte.

Zum 75. Jahrestag hat Jablon seinen Enkel Daniel mitgebracht, dem er das ehemalige Haus der Familie zeigt und die Reste des jüdischen Krakau, wo bis zum Holocaust knapp 70'000 Juden lebten. Im April will Jablon noch einmal aus Montreal nach Krakau und Auschwitz kommen. Dann soll er Hunderten kanadischer Schulkinder Zeugnis darüber ablegen, was er vor einem Dreivierteljahrhundert in Auschwitz erlebt hat.

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