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Land der Verschwundenen, Land der Ex-Terroristen

Nach den Enthüllungen über Todesschwadronen in Nordirland hat die britische Regierung eine Untersuchung angekündigt. Es ist nicht der einzige Fall, der zeigt: Die Troubles sind noch lange nicht aufgearbeitet.

Geteilte Stadt: Eine loyalistische Wandbemalung im Osten von Belfast. (2011)
Geteilte Stadt: Eine loyalistische Wandbemalung im Osten von Belfast. (2011)
Reuters
Auch die katholischen Viertel Belfasts zieren zahlreiche Wandbemalungen. (2013)
Auch die katholischen Viertel Belfasts zieren zahlreiche Wandbemalungen. (2013)
Reuters
Schwarzer Tag in der nordirischen Geschichte: Ein britischer Soldat nimmt in Londonderry einen Demonstranten fest. Am selben Tag starben später 13 Menschen.
Schwarzer Tag in der nordirischen Geschichte: Ein britischer Soldat nimmt in Londonderry einen Demonstranten fest. Am selben Tag starben später 13 Menschen.
Reuters
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Es sind die Worte eines Amerikaners, die Nordirlands vertrackte Situation auf den Punkt bringen. «The past is never dead. It's not even past», schrieb der William Faulkner im Drama «Requiem für eine Nonne». «Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal Vergangenheit.» Das war 1950, gut zwei Jahrzehnte vor dem Ausbruch des Nordirlandkonflikts. Noch heute werden Faulkners Zeilen aber im Zusammenhang mit den Troubles zitiert. Offiziell ist der Konflikt seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 zu Ende. Wer durch Nordirland reist, erkennt jedoch schnell: die Troubles sind nicht Geschichte.

Alleine in Belfast rücken die Bombenexperten der nordirischen Polizei alle paar Tage aus. Wenn Passanten verdächtige Schachteln oder Plastiksäcke entdecken, oder tatsächlich eine Rohrbombe, wie vor etwa zehn Tagen im Norden der Stadt. Die Bevölkerung wiederum ist teilweise noch immer tief gespalten. In Belfast trennen Mauern aus Beton und Wellblech die katholischen von den protestantischen Wohnvierteln (Tagesanzeiger.ch berichtete). In den ländlichen Regionen gehören die Ortschaften meist ganz der einen oder anderen Community an. Union Jack versus irische Tricolor, Fussballrasen versus Hurling-Feld.

Ungeklärte Fälle

Und nun dies: die «BBC»-Sendung «Panorama» enthüllte, dass die britische Armee offenbar durch Todesschwadronen unbewaffnete irische Republikaner erschiessen liess. «BBC»-Reporter John Ware interviewte drei ehemalige Mitglieder der Truppe. Armeeakten zur Einheit wurden laut Ware alle vernichtet. Anschliessend an «Panorama» gaben die nordirische Polizei und das britische Verteidigungsministerium bekannt, Ermittlungen aufzunehmen.

Der Fall der Todesschwadronen und die Reaktionen zeigen: Auch fünfzehn Jahre nach dem Karfreitagsabkommen haben Nordirland und Grossbritannien noch einiges an Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Das zeigen nebst dem Fall der britischen Killer-Einheit gleich mehrere Themen, in den vergangenen Wochen an die Oberfläche gespült wurden:

The Disappeared, die Verschwundenen

Nach derzeitiger Erkenntnis hat die Irisch-Republikanische Armee (IRA) während den Troubles 17 Personen getötet und an geheimen Orten in Nordirland, der Republik Irland oder im Ausland vergraben. Meist handelte es sich bei den Verschwundenen um Männer und Frauen, welche die IRA als Verräter sah. 1999 gab die IRA die Gräber von sechs der Verschwundenen bekannt; vier weitere Leichen wurde 2009 und 2010 entdeckt. Die Organisation Commission for the Location of Victims Remains (Kommission zum Auffinden der Opferüberreste) sucht noch immer nach sieben der Disappeared.

Die politische Dimension des Themas legte die Sendung «The Disappeared» der BBC und des irischen Staatssenders RTE Anfangs November offen: zwei ehemalige Paramilitärs beschuldigten Politiker und Ex-IRA-Mitglied Gerry Adams, mindestens eines der Verschwinden befohlen zu haben. Der Sinn-Féin-Präsident und irische Parlamentarier wehrt sich jedoch vehement gegen die Anschuldigungen. Tatsächlich sperrt sich Adams seit Jahren, seine IRA-Vergangenheit offenzulegen.

Bombenanschlag von Omagh

Am 15. August 1998 starben im nordirischen Omagh 29 Menschen bei einem Bombenanschlag. Hinter dem Attentat wird die Real IRA vermutet. Die republikanische Splittergruppe hatte sich gegen das Karfreitagsabkommen gestellt. Bis heute wurde niemand für das Attentat verurteilt.

2012 händigte eine Interessengemeinschaft von Angehörigen der Omagh-Opfer den Regierungen Grossbritanniens und Irlands Dokumente aus, die besagen, das Attentat hätte verhindert werden können. Demnach sollen die Polizeikorps im Norden und Süden, aber auch FBI und MI5 schon früh Hinweise auf Attentatspläne der Real IRA besessen haben. Die Angehörigen forderten eine neue Untersuchung des Anschlags. Theresa Villiers, Grossbritanniens Ministerin für Nordirland, lehnte eine solche vor zwei Monaten jedoch ab.

Bloody Sunday wurde aufgeklärt

Der Entscheid Villiers sorgte auf beiden Seiten von Nordirlands politischem Spektrum für Kritik. Überraschend kam das Nein zu einer ausführlichen Untersuchung nicht. Die britische Regierung war im Zusammenhang mit der Saville-Untersuchung zum Bloody Sunday heftig angegriffen worden: die Untersuchung hatte 195 Millionen Pfund verschlungen.

Dennoch müsste sich Grossbritannien fragen, ob vor allem eine abschliessende Aufklärung des Omagh Attentats nicht des nordirischen Friedens wegen Sinn machen würde. Lord Savilles Untersuchung des Bloody Sunday von 1972 in Londonderry hatte in der katholischen Community der Stadt für Genugtuung gesorgt. Nach über drei Jahrzehnten bestätigte die Saville-Inquiry endlich die Unschuld der 13 Opfer. Der vorherige Bericht hatte die Lügen der britischen Soldaten in den Vordergrund gestellt, wonach die getöteten Zivilisten Bedrohungen dargestellt hatten.

Flaggen und Paraden

Immerhin gibt es seit einiger Zeit neue Bemühungen, verbleibende Konfliktpunkte aus dem Weg zu räumen. Der US-Diplomat Richard Haass verhandelt seit Mitte September mit den nordirischen Parteien über die Streitpunkte Flaggen und Paraden – und über die Bewältigung von Nordirlands Vergangenheit.

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