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Lagarde macht den Griechen Dampf

So deutlich wurde die IWF-Chefin Christine Lagarde noch nie: Die Griechen sollen «alle ihre Steuern zahlen». Der oberste Banken-Lobbyist warnt unterdessen vor den gewaltigen Folgen eines Euro-Austritts.

Hat mit den Kindern in einem kleinen Dorf in Niger mehr Mitleid als mit den Griechen: Christine Lagarde, hier an der Harvard Kennedy School in Cambridge, Massachusetts. (23. Mai 2012)
Hat mit den Kindern in einem kleinen Dorf in Niger mehr Mitleid als mit den Griechen: Christine Lagarde, hier an der Harvard Kennedy School in Cambridge, Massachusetts. (23. Mai 2012)
Reuters

IWF-Chefin Christine Lagarde liest den Griechen die Leviten. Die Bürger des hochverschuldeten Landes sollten sich gemeinsam selber helfen. «Indem sie alle ihre Steuern bezahlen» , sagte die frühere französische Finanzministerin im Interview mit dem britischen «Guardian».

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) appellierte vor diesem Hintergrund vor allem an Eltern, die Verantwortung für die kommende Generation übernehmen müssten. Bei dem Thema Athen denke sie immer auch an «all die Griechen», die versuchten, Steuerflucht zu begehen, sagte Lagarde.

Lagarde schloss aus, dass der internationale Geldgeber die Bedingungen für die vereinbarten Reformen lockert. Es sei Zeit, dass die Griechen ihren Teil beitragen und ihre Gegenleistung erbringen, sagte sie.

Afrikaner hilfsbedürftiger als Griechen

Auf die Frage, ob sie denn nicht an die Mütter denke, die kein Zugang zu Hebammen hätten, oder an die Patienten, die keine lebenswichtigen Medikamente erhielten, antwortete Lagarde, sie denke eher an Kinder in einem kleinen Dorf in Niger, die sich zu dritt einen Stuhl teilten, «weil ich glaube, dass sie mehr Hilfe brauchen als die Menschen in Athen».

Gleichermassen beschäftige sie auch die Tatsache, dass der griechische Staat seinen Pflichten gegenüber den Bürgern nicht nachkomme. Lagarde wird in dem Interview so deutlich wie noch kein Politiker in den vergangenen zweieinhalb Jahren, seit Griechenland nicht mehr selbst für sein Auskommen sorgen kann und auf internationale Hilfe angewiesen ist.

Auf die Frage, ob sie es als schwieriger empfinde, einem reichen Land harte Bedingungen aufzuerlegen als einem armen, antwortete die IWF-Chefin: «Es ist manchmal schwieriger, der Regierung eines Landes mit niedrigen Einkommen, wo die Menschen von 3000, 4000 oder 5000 Dollar pro Kopf im Jahr leben, zu sagen, bringt euren Haushalt in Ordnung und baut euer Defizit ab. Weil ich weiss, was das für die sozialen Programme und die Unterstützung der Armen bedeutet. Das hat viel grössere Folgen.»

Wut und Enttäuschung

Aus Wut über die tiefen Einschnitte bei Löhnen und Sozialversicherungen sowie über die hohe Arbeitslosigkeit infolge der Rezession unterstützen viele Griechen inzwischen linke und populistische Parteien. Sie versprechen ein Ende des Sparkurses und eine Aufkündigung der Verträge mit den internationalen Geldgebern.

Sollten diese Gruppen die zweite Neuwahl binnen sechs Wochen am 17. Juni gewinnen und mit ihren Ankündigungen Ernst machen, würde dies voraussichtlich ein Ausscheiden des Landes aus der Euro-Zone bedeuten.

Dallara: Austritt kostet mehr als eine Billion Euro

Davor warnt Charles Dallara, der Direktor des Institute of International Finance (IIF), des Verbands führender internationaler Banken. Im Gegensatz zu Christine Lagarde fordert er mehr Nachsicht mit Griechenland. Man müsse eingestehen, dass gewisse Elemente des bisherigen Rettungsplans «nicht so gut ausgestaltet sind», sagte Dallara gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Im Vergleich mit dem Geld, das bisher eingesetzt wurde, könne man mit der «bescheidenen Summe» von 10 Milliarden Euro der schrumpfenden griechischen Wirtschaft helfen.

Die Kosten eines Euro-Austritts Athens hingegen würden sich auf über eine Billion Euro belaufen, schätzt Dallara. Er korrigiert damit eine Schätzung seines Instituts vom Februar dieses Jahres nach oben. Damals hatte das IIF den voraussichtlichen Schaden mit rund einer Billion Euro beziffert.

«Die EZB wäre pleite»

Der Betrag, den die Europäische Zentralbank (EZB) abschreiben müsste, wenn Athen die Eurozone verlässt, wäre laut Dallara etwa doppelt so hoch wie ihr Eigenkapital. «Die EZB wäre pleite», sagt der Bankexperte. «Europa müsste als erstes seine Zentralbank rekapitalisieren.»

Charles Dallara fordert Berlin zum Einlenken beim Thema Eurobonds auf. Statt zu blockieren, solle Berlin ein System anstreben, in dem gemeinschaftliche Eurobonds Anreize für Budgetdisziplin und Strukturreformen darstellen.

dapd/sda/rub

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