Hier werden falsche Banknoten gedruckt

Die Hälfte aller gefälschten Euros stammt aus Mafiadruckereien im Umland von Neapel. Die Gelddrucker betreiben eine «Schule», in der Kandidaten aus ganz Europa das einträgliche Handwerk erlernen.

Zwei Beamte der italienischen Finanzpolizei zeigen eine Druckplatte von Geldfälschern in Neapel. Foto: Ciro Fusco (Keystone)

Zwei Beamte der italienischen Finanzpolizei zeigen eine Druckplatte von Geldfälschern in Neapel. Foto: Ciro Fusco (Keystone)

Hans Brandt@tagesanzeiger

Sie waren in Panik. Einige stopften ­Bündel von 50-Euro-Noten in einen Ofen, um sie zu verbrennen. Andere warfen die Scheine stapelweise in den Müll. Anderswo wurde eine Grube ­ausgehoben, in der das Geld angezündet und vergraben werden sollte. Doch es war einfach zu viel – und die Polizei kam zu schnell. Am 25. September stürmte ein Sonderkommando der rumänischen Polizei eine italienische Schuhfabrik im Industriegebiet der Stadt Oradea an der Grenze zu Ungarn. Die Beamten hoben die grösste Druckerei für Falschgeld aus, die jemals in Rumänien entdeckt wurde.

Etwa 13 Millionen Euro in falschen 50-Euro-Noten stapelten sich in der Fabrik, ­weitere 2,7 Millionen fanden sich auf der städtischen Müllkippe, ein Haufen angekohlter Scheine lag rund um den Ofen herum verstreut. Es war eine professionelle Druckerei mit Maschinen im Wert von gut 100'000 Euro. Sie produzierte Falschgeld von höchster Qua­lität. Wasser­zeichen und Hologramm, Mikrodruck und Sicherheitsstreifen, Papierqualität und Spezialfarbe – bei den Scheinen stimmte beinahe alles. Selbst elektronische Sensoren, etwa in Ticketautomaten, hätten dieses Geld wohl als echt durchgehen lassen.

Schuh- und Geldfabrikant?

Seit der Razzia sitzen eine junge Rumänin und drei Italiener in Untersuchungshaft, darunter befindet sich auch der Schuhfabrikant, der seit 1997 in Oradea eine erfolgreiche ­Fabrik betreibt. Zu seinen Kunden ­sollen bekannte Markenproduzenten gehören. Er hatte der Druckerei einen Teil seiner Hallen zur Verfügung gestellt und sie mitfinanziert – angeblich, um Drucksachen für die Schuhproduktion herzustellen. In seiner Heimatstadt Monte Urano unweit von Ancona waren die Leute schockiert: Wie konnte ein bekannter Unternehmer in eine solche Sache hineingeraten? «Er hat nichts damit zu tun», beteuert sein Anwalt. «Er wurde von seinem Geschäftspartner getäuscht.»

Da ist die Polizei anderer Meinung. Die Fälscher seien «Mitglieder der italienischen Mafia», hiess es in einer Erklärung. Schon im Oktober 2013 habe Rumänien aus Italien Hinweise darauf erhalten, dass in der Druckerei Falschgeld produziert werden könnte. Seitdem sei das Unternehmen observiert worden. Die Ermittler in Rumänien und Italien gehen davon aus, dass die Druckerei im Auftrag der neapolitanischen Mafia, der Camorra, betrieben wurde.

Das wollten die rumänischen Ermittler letzte Woche noch nicht bestätigen. Lediglich, dass es sich um eine «kriminelle Organisation, bestehend aus italienischen und rumänischen Bürgern», handle, bestätigte Alina Mihaela Bica, Leiterin der Polizeieinheit zur Bekämpfung von organisierter Kriminalität und Terrorismus in der Hauptstadt Bukarest. «Mehr können wir nicht sagen, um die weiteren Entwicklungen nicht zu beeinträchtigen», meinte sie. Derzeit untersuchten rumänische Experten zusammen mit Kollegen der europäischen Polizeibehörde Europol und der Europäischen Zentralbank (EZB) den Fall.

Millionen im Lieferwagen

An der Neapel-Connection kann allerdings kaum ein Zweifel bestehen. In Caserta bei Neapel hatte die italienische Finanzpolizei drei Tage vor dem Zugriff in Rumänien einen Lieferwagen angehalten und Kartons entdeckt, die mit beinahe 19 Millionen Euro in gefälschten 50-Euro-Scheinen gefüllt waren. Sie stammten aus der Druckerei in Oradea und sollten nun über Mafiakanäle in Umlauf gebracht werden. Der Fund löste die Panik der Fälscher in Oradea und den Zugriff der rumänischen Polizei aus.

Italienische Experten beschreiben Neapel als «Hauptstadt der Geldfälscher» in Europa. «Mehr als 50 Prozent des Falschgeldes, das in der Eurozone im Umlauf ist, stammt aus der Region Neapel», sagte Gerardo Marinelli, Leiter der Sondereinheit zur Bekämpfung von Geldbetrug bei der Finanzpolizei in Neapel. «Unter Eingeweihten ist die Rede von der ‹Napoli Group›.» Seit Jahren kämpft seine Einheit gegen die Fälscher im Umland der Stadt. Zwischen 2002 und 2011 seien dort 5,5 Millionen gefälschte Banknoten mit einem nominellen Wert von mehr als 400 Millionen Euro beschlagnahmt worden, sagte Marinelli der Zeitung «Corriere della Sera». Und das sind nur die Blüten, die in der Region Neapel sichergestellt wurden.

Nach illegalen Druckereien suchen die Ermittler, indem sie etwa die Einkäufe von Spezialtinten und Spezial­papier überwachen. Oder sie prüfen in einschlägigen Quartieren die Stromrechnungen, denn eine grosse Druckerei braucht viel Energie. Zudem kann das Drucken sehr laut sein; eine Fälscherwerkstatt in der Region Neapel hatte sich in einem Industriepark angesiedelt, in dem ständig Lastwagen ein- und ausfuhren und so den Lärm der Druck­maschinen übertönten.

Im Mai hat die Finanzpolizei in Quarto bei Neapel eine Druckerei ausgehoben, die von der Presse ironisch «Zentralbank der Fälscher» genannt wurde. Monatelang habe man nach dieser Einrichtung gesucht, hiess es. Hinter einer Autowerkstatt versteckt waren Druckmaschinen aufgebaut, die 50-Euro-Noten von ausgezeichneter Qualität produzierten. Dort lagen Scheine im Wert von 8 Millionen Euro fertig gedruckt auf Papierbögen, die nur noch geschnitten werden mussten. Mit versteckten Minikameras, angeschlossen an einen Computer, wurde das Umfeld der Druckerei von innen bewacht.

Das Ganze sah der Fälscherwerkstatt in Rumänien erstaunlich ähnlich – das ist kein Zufall. Die Maschinen wurden aus Italien nach Rumänien verschifft, ebenso die Expertise. «Die ­Fälscher von Neapel sind seit Jahrzehnten absolute Meister», erzählte Marinelli. «Und sie bilden Kollegen in ihrem Fach aus.» Zu «Studienreisen» seien in den letzten Jahren aus ganz Europa ­Verbrecher nach Neapel gekommen, um die Feinheiten der Fälscherkunst zu ­erlernen.

Eine Fälscherwerkstatt sei strukturiert wie ein normales Geschäft. Ein Investor stellt zwischen 100'000 und 200'000 Euro an «Risikokapital» für die Maschinen zur Verfügung; ein von der «Napoli Group» ausgebildeter Drucker kümmert sich um die Produktion; Mitarbeiter vor Ort beschaffen Rohstoffe; ein Vertriebschef bringt die fertig gedruckten Blüten in Umlauf. Für perfektes Falschgeld zahlt ein Abnehmer etwa 80 Prozent des nominellen Wertes: Ein 50-Euro-Schein kostet also 40 Euro.

Am beliebtesten bei Fälschern sind die kleineren Denominationen, ­20-Euro- und 50-Euro-Noten. «Das sind die am weitesten verbreiteten Scheine», ­erklärt Letizia Radoni von der Banca d’Italia, der italienischen Zentralbank. «Die Verbraucher schauen diese Noten am wenigsten genau an, weil sie so vertraut sind.»

Das bestätigt auch die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt, die alle sechs Monate ein Bulletin mit Statistiken über das europaweit beschlagnahmte Falschgeld publiziert. «Im ersten Halbjahr 2014 wurden 331'000 gefälschte Euro-Banknoten aus dem Verkehr gezogen», heisst es in der jüngsten Erklärung von Mitte Juli. Davon seien 46,5 Prozent 20-Euro- und 34,7 Prozent 50-Euro-Scheine gewesen. «Gemessen an der Zahl der echten Banknoten, die im selben Zeitraum in Umlauf waren (mehr als 16 Milliarden), ist der Anteil der Fälschungen nach wie vor sehr gering», hält die Zentralbank fest.

Noch besser sieht es in der Schweiz aus, wo das Bundesamt für Polizei einen jährlichen Falschgeldbericht herausgibt. Der weist für 2013 lediglich 3729 beschlagnahmte Schweizer-Franken-Scheine aus – und alle wurden von Amateuren mit Farbkopierern oder Computerdruckern produziert. Sehr anfällig für Fälscher scheint die Schweizer Währung also nicht zu sein.

Doch Gerardo Marinelli von der italienischen Finanzpolizei betont: «Die Zahl der in Umlauf befindlichen falschen Scheine beträgt das Drei- bis Vierfache der Anzahl, die tatsächlich aus dem Verkehr gezogen wurden.» Das wären mehrere Millionen Euro-Blüten. Das ist zwar immer noch ein verschwindend geringer Anteil der gesamten Menge Papiergeld. Doch die EZB und die Schweizerische Nationalbank (SNB) scheinen beide besorgt zu sein, dass die Fälscher im technologischen Wettlauf aufholen könnten. Beide Banken entwickeln neue Geldscheine. In der Eurozone wurde 2013 ein neuer 5-Euro-Schein eingeführt; ein neuer 10-Euro-Schein folgte Ende September. Sie verfügen über zusätzliche ­Eigenschaften, die sie noch fälschungssicherer machen sollen.

Auch das neue Franken-Papiergeld soll deutlich sicherer sein als das aktuelle – was auch dazu beigetragen hat, dass dessen Einführung wegen technischer Probleme immer wieder verschoben wurde. Der Auftrag, das neue Geld herzustellen, hat die Orell-Füssli-Druckerei inzwischen Millionen gekostet. Die neuen Scheine kommen frühestens 2016, statt 2010, wie ursprünglich geplant. Auch der spektakulärste Fall von Schweizer Falschgeld in letzter Zeit hatte seinen Ursprung bei Orell Füssli: 1800 unfertige 1000-Franken-Scheine wurden 2012 in der Druckerei gestohlen. Ein Teil wurde einer Londoner Wechselstube angeboten, die Verdacht schöpfte. Einer der drei Beschuldigten, die von der Bundesanwaltschaft angeklagt wurden, ist inzwischen geständig.

300'000 Euro im Müll gefunden

Sowohl die SNB als auch die EZB betonen, dass die meisten Blüten selbst von einfachen Konsumenten schnell als Falschgeld identifiziert werden können. Die EZB setzt dabei auf die Stichworte «Fühlen, sehen, kippen»: Jeder soll das Relief der Druckerfarbe fühlen, Wasserzeichen und Sicherheitsfaden sehen und beim Kippen das changierende Hologramm erkennen können.

Genau diese Eigenschaften soll aber das Falschgeld der «Napoli Group» ebenfalls aufweisen. Dennoch haben die fast perfekten 50-Euro-Scheine einigen Schatzsuchern wenig Glück gebracht. Im rumänischen Oradea wissen alle, dass gefälschte Euros im Umlauf sind. Ohnehin hat das Land den Euro noch nicht eingeführt; es gilt noch der rumänische Leu. Da überrascht es nicht, dass Anfang Oktober sogar ein Bratwurstverkäufer Verdacht schöpfte. Als ein etwas verlotterter Mann ihm zur Bezahlung einen 50-Euro-Schein gab, rief er die Polizei.

Der Besitzer des Falschgeldes, ein Obdachloser, führte die Polizisten zu einem Bretterverschlag, in dem er hauste. Etwas betreten zeigte er ihnen, versteckt in einer Ecke, eine Plastiktüte, gefüllt mit Scheinen aus der Druckerei der Fälscher — insgesamt 300'000 Euro. Er hatte den Schatz auf der Müllkippe ausgegraben.

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