Er fand Mussolini zu gutmütig

Der italienische Mafioso Marcello Dell’Utri hat seltsame Ansichten und mächtige Freunde. Jetzt ist er aus der Haft entlassen worden.

Er gibt gern den ergrauten Ehrenmann. Doch die Vorwürfe gegen ihn sprechen eine andere Sprache: Marcello Dell'Utri. Foto: Getty Images

Er gibt gern den ergrauten Ehrenmann. Doch die Vorwürfe gegen ihn sprechen eine andere Sprache: Marcello Dell'Utri. Foto: Getty Images

Sandro Benini@BeniniSandro

Ein distinguierter, grauhaariger Herr hat soeben seine Freiheit wiedererlangt. Er tritt in eine kalte Mailänder Nacht hinaus und sagt widerwillig ein paar Worte in die Kameras. «Ich grüsse herzlich alle meine Kollegen, die im Gefängnis geblieben sind.» Das Auto, das ihn abholen soll, ist noch nicht da, so bleibt etwas Zeit für weitere hastige Journalistenfragen.

Hat er seinem einstigen Vertrauten Silvio Berlusconi etwas zu sagen, steht er noch mit ihm in Kontakt? Keine Antwort. Stattdessen redet der ehemalige Häftling über die Freiheit, die darin bestehe, ins Kino und ins Restaurant zu gehen, wann man wolle. Und was denkt er über die Mafia? Ein dahingeworfenes «fa schifo», sie ist widerlich. Dann steigt er ins Auto und fährt davon.

Der 78-jährige Marcello Dell’Utri ist eine zwielichtige Figur. Wann immer jemand behauptet, Silvio Berlusconi verdanke seine politische Karriere und seinen immensen Reichtum der sizilianischen Mafia, dann fällt der Name Dell’Utri. Der Jurist aus Palermo war Berlusconis Freund und Sekretär, er war Manager in seinem Firmenimperium und Mitbegründer der politischen Bewegung Forza Italia, deren einziger Zweck darin bestand, dem Mailänder Bau- und Medienunternehmer an die Macht zu verhelfen.

Mit der Geschichte nahm er es nie so ganz genau. Will will er sein Studium abschliessen, das er im Gefängnis angefangen hat.

Später wird Dell’Utri auch Abgeordneter, Senator und EU-Parlamentarier. Mit seinem streng gezogenen Seitenscheitel, der Buchhalterbrille und den erlesenen Anzügen wirkt er stets wie die personifizierte Seriosität.

Zumindest ist das der Eindruck, den er erwecken will. Doch er ist falsch. Denn nach zwanzigjährigem prozessualem Hin und Her durch sämtliche Instanzen wird Dell’Utri 2014 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, von denen ihm die Justiz später zwei erlässt. Die Richter befinden ihn schuldig, als Mitglied der sizilianischen Cosa Nostra der Mittelsmann zu Berlusconi gewesen zu sein. Jahrzehntelang ist Dell’Utri Drahtzieher eines der düstersten Vorgänge der jüngeren italienischen Geschichte, der Komplizenschaft zwischen Politik und organisierter Kriminalität.

Und dann sind da noch seine skurrilen Episoden und Aussprüche. Einmal behauptet er, Mussolini habe den Krieg nur verloren, weil er zu gutmütig gewesen sei. Die Geschichtsbücher müsse man umschreiben. Ein andermal will er von den Söhnen eines Partisanen geheime Tagebücher des italienischen Diktators erhalten haben. Sie stellen sich als gefälscht heraus. Nach seiner Freilassung wolle er nun das Geschichtsstudium beenden, das er im Gefängnis begonnen habe, sagt Dell’Utri. Daneben werden ihn zwei Prozesse beschäftigen, die noch immer gegen ihn hängig sind.

Er sieht sich als Opfer der Justiz

In einem geht es um geheime Absprachen zwischen Staat und Mafia. Im anderen ist er angeklagt, an der Plünderung der ehrwürdigen Biblioteca dei Girolamini in Neapel beteiligt gewesen zu sein. Daraus sind 2012 zahlreiche antike Bände von unschätzbarem Wert verschwunden. Gut ein Dutzend soll der Bibliotheksdirektor Marcello Dell’Utri verkauft haben.

Auch wenn er und Berlusconi sich bis heute als Opfer einer politisierten Justiz sehen – würde Dell’Utri öffentlich sagen, was er weiss, gäbe es ein Erdbeben in Italien.

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