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Missachtete Warnungen und Schuldzuweisungen

Schon kurz nach dem Unglück in Genua reagieren italienische Politiker und suchen nach Erklärungen.

Unglaubliche Bilder aus Genua: Mitten in der Stadt bricht die Autobahnbrücke der A10 zusammen.

Eine vierköpfige Familie ist soeben ins Spital von Sampierdarena eingeliefert worden, alle unverletzt, aber unter Schock. Sampierdarena ist ein Stadtteil von Genua, und die «Clinica Villa Scassi» liegt näher am Ort der Katastrophe als jede andere medizinische Einrichtung. In einem Trakt des Spitals betreut ein Psychologenteam jene Anwohner, welche mit ansehen mussten, wie das Polcevera-Viadukt zusammenbrach.

Ein Zeuge erzählt einem Journalisten der Zeitung «Repubblica»: «Um 10.35 Uhr hat ein Blitz in die Basis eines Pfeilers eingeschlagen. Darauf hat der Zement zu bröckeln begonnen, später ist alles eingestürzt, und es war die Apokalypse.»

Vielleicht sei die Geschichte mit dem Blitzeinschlag eine Sinnestäuschung, schreibt «Repubblica», vielleicht sei sie aber auch ein erster Hinweis, um herauszufinden, weshalb die Konstruktion eingestürzt sei, die nach ihrem Erbauer Riccardo Morandi im Volksmund Morandi-Brücke genannt wird.

Video: Die Brücke aus der Luft

Aufnahmen aus der Luft zeigen Ausmass der Zerstörung . (Twitter/Tamedia)

Mit einem natürlichen Ereignis, ob Blitzschlag, Sturm oder strömendem Regen, wird Italien diese demütigende Katastrophe nicht erklären können. Die Anklagen, die Hinweise auf missachtete Warnungen, die politisch motivierten Schuldzuweisungen haben bereits wenige Stunden nach dem Unglück eingesetzt.

«Offensichtliche Zerfallserscheinungen»

Antonio Brancich ist Dozent an der Fakultät für Ingenieurwesen der Universität Genua, seine Spezialität sind Konstruktionen aus Stahlbeton. Am 5. Mai 2016 hat der Professor in einem Fernsehinterview ein paar Sätze gesagt, die aus heutiger Sicht klingen wie eine düstere Weissagung: «Diese Brücke ist aus Sicht der Ingenieurswissenschaft ein Fehler. Früher oder später muss sie ersetzt werden. Wann genau, weiss ich nicht, aber es kommt der Moment, in dem die Unterhaltsarbeiten teurer werden als ein Neubau.» In einem Gespräch mit dem italienischen Internetpublikation Linkiesta bekräftigte Brencich heute, dass die Morandi-Brücke «offensichtliche Zerfallserscheinungen» aufwies.

Infografik: Tamedia, Bildmaterial: Google

Die 1182 Meter lange, vom Ingenieur Riccardo Morandi projektierte Brücke wurde am 4. September 1967 eingeweiht, in Anwesenheit des damaligen Staatspräsidenten Giuseppe Saragat. Im Verlaufe der Jahre waren immer wieder umfangreiche Unterhaltsarbeiten notwendig, von denen der Ersatz der Drahtseile Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre besonders aufwendig war. Auch zum Zeitpunkt der Katastrophe waren an der Brücke Unterhaltsarbeiten im Gange.

Video: Google-Earth-Sicht

Im Jahre 2009 veröffentlichte der Autobahnbetreiber «Autostrade per l’Italia» zusammen mit einem Ingenieurunternehmen einen Bericht, in dem die Möglichkeit erwähnt wurde, die Morandi-Brücke abzureissen und durch eine neue Konstruktion zu ersetzen. Autostrade per l’Italia wies darauf hin, dass sich das Verkehrsvolumen in dreissig Jahren vervierfacht hatte.

Das alles klingt irgendwie unzufrieden und beunruhigend, aber es enthält nichts, was konkret auf eine derartige Katastrophe hindeutet.

Unglück für politische Zwecke missbrauchen

Erste Twitter-Einträge lassen erkennen, wie der politische Schlagabtausch zwischen Regierung und Opposition in den nächsten Tagen und Wochen verlaufen wird. Die Koalitionsparteien Lega und 5 Stelle werden alle die von den Vorgängerregierungen angeblich verschuldeten Versäumnisse und Verfehlungen anprangern.

Sofern deren Exponenten politisch noch aktiv sind, werden sie die Anschuldigungen zurückweisen und den neuen Machthabern im Brustton der Empörung vorwerfen, eine unsägliche Tragödie für niedere politische Zwecke auszuschlachten. «Jahrelang hat man Unterhaltsarbeiten vernachlässigt, weil angeblich das Geld fehlte. Zuerst kommt die Sicherheit der Italiener», schreibt der Lega-Abgeordnete Claudio Borghesi.

Der Sprecher der 5 Stelle im Abgeordnetenhaus, Massimo Baroni, bemerkte in einem Tweet: «Eine unglaubliche Nachricht. Das kann eine Nation wie Italien nicht einfach so hinnehmen. Nein zu den grossen nutzlosen Bauprojekten, wenn man zuerst die bereits existierenden Bauten sichern muss.» Das ist nicht zuletzt eine Anspielung auf die geplante Verbindung per Hochgeschwindigkeitszug zwischen Lyon und Turin, deren Fertigstellung die 5 Stelle besonders heftig kritisiert hatten, als sie noch Oppositionspartei waren.

Luciano Nobili, Abgeordneter der früheren linken Regierungspartei Partito Democratico, antwortete Baroni ebenfalls über das soziale Netzwerk Twitter: «Die Regierenden missbrauchen dieses Unheil, um politische Propaganda zu betreiben. Schakale ohne jede Würde.»

Es deutet wenig darauf hin, dass das Unglück von Genua die Qualität des politischen Personals in Italien zum Positiven verändern wird.

Die Bilder des Unglücks:

Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
Die Arbeiten an einem Ende der Brückenreste mussten eingestellt werden.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Laut der Feuerwehr seien Geräusche zu hören, die sich von jenen der vergangenen Tage unterscheiden.
Laut der Feuerwehr seien Geräusche zu hören, die sich von jenen der vergangenen Tage unterscheiden.
AP/Nicola Marfisi, Keystone
Bei dem darunter liegenden Stadtteil handelt es sich um ein von Industrie und Gewerbe geprägtes Gebiet.
Bei dem darunter liegenden Stadtteil handelt es sich um ein von Industrie und Gewerbe geprägtes Gebiet.
Wikimedia/Bbruno
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