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Die weibliche Speerspitze gegen Erdogan

Sie sind weiblich, gebildet – und fürchten um ihren westlichen Lebensstil: In der Türkei unterstützen viele junge Frauen die Proteste gegen den konservativ-islamischen Ministerpräsidenten Erdogan.

Westlich orientierte türkische Frauen haben durch eine verstärkte Hinwendung zu konservativ-islamischer Politik viel zu verlieren: Frauen demonstrieren auf dem Taksim-Platz in Istanbul. (8.  Juni 2013)
Westlich orientierte türkische Frauen haben durch eine verstärkte Hinwendung zu konservativ-islamischer Politik viel zu verlieren: Frauen demonstrieren auf dem Taksim-Platz in Istanbul. (8. Juni 2013)
AFP
Frauen machen unter den Demonstranten auf dem Taksim-Platz rund die Hälfte der Teilnehmenden aus. (8. Juni 2013)
Frauen machen unter den Demonstranten auf dem Taksim-Platz rund die Hälfte der Teilnehmenden aus. (8. Juni 2013)
AFP
Sie wurde zur Ikone der Proteste: Eine Frau im roten Kleid, die von einem Polizisten beim Taksim-Platz in Istanbul mit Tränengas besprüht wird. (28. Mai 2013)
Sie wurde zur Ikone der Proteste: Eine Frau im roten Kleid, die von einem Polizisten beim Taksim-Platz in Istanbul mit Tränengas besprüht wird. (28. Mai 2013)
Reuters
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Viele junge Türkinnen aus dem städtischen Milieu sehen ihren säkularen Lebensstil vom Kurs des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bedroht. Sie gehören deshalb zur Speerspitze der anhaltenden Proteste in der Türkei. «Wir sind die Frauen, die Erdogan lieber zu Hause sehen würde», sagt Sevi Algan. Die 37-jährige Schauspielerin stört sich an Erdogans Gebaren, das sie als moralische Selbstherrlichkeit wahrnimmt. «Ja, wir trinken Alkohol und debattieren gerne, aber Erdogan und seine Leute haben doch kein Monopol auf den Islam.»

Es ist diese selbstbewusste Haltung, die Frauen auf den Istanbuler Taksim-Platz, dem Zentrum des Protests, getrieben hat. Studentinnen, Anwältinnen, Lehrerinnen, Angestellte und andere Frauen stellen gut die Hälfte der Protestteilnehmer. Viele von ihnen geben unumwunden zu, dass sie sich vor zwei Wochen noch selbst kaum hätten vorstellen können, gegen die Regierung auf die Strasse zu gehen.

Kein Kampf gegen die islamische Kultur

Doch der seit elf Jahren regierende Erdogan, dessen Frau und zwei Töchter stets das islamische Kopftuch tragen, hat aus Sicht dieser Frauen den Bogen überspannt. Die Eingriffe bei Abtreibungsfragen, die begrenzte Verfügbarkeit der sogenannten «Pille danach» oder auch die Einschränkung des Alkoholverkaufs haben ihre Wut auf Erdogan geschürt. Als die Regierung am 31. Mai den Protest gegen ein Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park mit Gewalt zu beenden suchte, war dies nur noch der Funken im Pulverfass.

«Uns geht nicht darum, Teile unserer islamischen Kultur aufzugeben, sondern darum, unsere geltenden Rechte zu erhalten», sagt die 21-jährige Philosophiestudentin Esra, auf dem Rasen des Gezi-Parks sitzend. Um sie herum werden gratis Essen, Yoga-Kurse und kleine Konzerte angeboten. Feministinnen, Aktivisten für Schwulenrechte und Kapitalismus-kritische Muslima sitzen Seite an Seite und geniessen den verbindenden Moment der Strassenfest-Atmosphäre. «Schau dir die Solidarität auf dem Taksim-Platz an. Das bedeutet es, Muslim zu sein», sagt Sevi, die Schauspielerin.

«Ein historischer Schritt»

Bislang zeigen sich Erdogan und seine AKP-Partei unnachgiebig im Angesicht der Demonstranten, doch die 26-jährige Dicle, eine Bankangestellte, ist voller Hoffnung: «Uns ist klar, dass sich das System nicht über Nacht ändert. Aber das ist ein historischer Schritt in Richtung einer sozialen Revolution.»

Trotz der beeindruckenden Massen, die sich Tag für Tag im Zentrum Istanbuls zum Protest versammeln, stützt sich Erdogan auf eine stabile Machtbasis. Er wurde zuletzt im Jahr 2011 mit beinahe 50 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. «Wir Frauen schlafen hier nachts draussen im Park, und es gab nicht einen Übergriff oder Diebstahl», sagt die 35-jährige Schauspielerin Nurcan. «Weisst du warum das so ist? Weil die anderen 50 Prozent nicht hier sind.»»

(AFP)

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