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Die Knochen von 800 Kindern

Eine Historikerin untersuchte die Geschichte eines Heims, in dem bis 1961 unverheiratete Mütter unter der Obhut von katholischen Schwestern standen. Was sie dabei herausfand, beschäftigt nun ganz Irland.

kpn
Hier liegen die Knochen von fast 800 Kindern: Das Stück Land, auf dem in Tuam, Irland, einst das Mutter-Kind-Heim stand.
Hier liegen die Knochen von fast 800 Kindern: Das Stück Land, auf dem in Tuam, Irland, einst das Mutter-Kind-Heim stand.
Reuters
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Es war der hohle Klang, der Barry Sweeneys Neugierde geweckt hatte. Mehrmals waren er und sein Freund Francis Hopkins beim Spielen schon über die Betonplatte auf dem brachen Stück Land gerannt. Jedes Mal entstand dieses dumpfe Klopfen. Eines Tages hoben sie dann die Platte an. «Die Grube war bis oben voll mit Skeletten.»

Das war vor gut 40 Jahren, in Tuam, im Westen von Irland. Sweeney ist heute Anfang 50. Passiert sei nach dem Fund nicht viel, erzählte er der «Daily Mail». «Ein Priester kam und segnete die Knochen.» Danach ruhte die Sache mit den Skeletten.

Bis letzte Woche, da brach die Angelegenheit wieder an die Oberfläche und beschäftigt seither ganz Irland, ja sogar Grossbritannien und die USA. Denn bei besagten Knochen handelt es sich wohl um die sterblichen Überreste von fast 800 Kindern.

Tote Kinder, aber keine Gräber

Dort, wo Sweeney und Hopkins Mitte der 70er den Deckel eines ausgedienten Abwassertanks hoben, stand bis in die 60er-Jahre das St. Mary's Mother and Baby Home. Ein Heim für alleinstehende Mütter und ihre unehelichen Kinder. Geführt wurde es von den Schwestern des katholischen Ordens Bon Secours.

Die örtliche Historikerin Cathrine Corless hat nun herausgefunden, dass zwischen 1925 und 1961 im Heim 796 Kinder im Alter zwischen drei Monaten und neun Jahren starben – die meisten an Unterernährung und verschiedenen Infektionskrankheiten. Corless fand die Einträge im Totenregister der Grafschaft Galway. Nur: Hinweise auf Beerdigungen und Grabstätten dieser Kinder fand sie in keiner Akte. «Wir können davon ausgehen, dass sie alle auf diesem Stück Land liegen», so Corless gegenüber der irischen Nachrichtenseite «The Journal».

Heime für gefallene Frauen

Das St.-Mary's-Heim wurde bis 1961 von den Bon-Secours-Schwestern betrieben. Danach wurde die Einrichtung der Verwaltung von Galway übergeben. Diese schloss das Heim laut «Irish Times» wenig später.

In Irland waren zwischen 1900 und 1996 schätzungsweise zwischen 30'000 und 35'000 sogenannte gefallene Frauen in solchen Heimen untergebracht. Frauen, die als uneheliche Mütter in der erzkatholischen irischen Gesellschaft geächtet waren, oftmals sogar von ihren Familien verstossen wurden.

Die Heime sind in Irland ein heikles Thema. Ehemalige Insassinnen berichteten immer wieder von regelmässigen Misshandlungen durch die Schwestern. Die Vorkommnisse in den Magdalena-Wäschereien zum Beispiel wurden erst in den vergangenen Jahren offiziell untersucht. Dementsprechend hoch gingen die Wogen nach den Enthüllungen von Tuam.

«Die Menschen sind nicht schockiert»

Mehrere irische Parlamentsmitglieder fordern eine sofortige offizielle Untersuchung. Der Fall von Tuam lasse einmal mehr die Frage aufkommen, inwieweit der Staat seine Rolle als schützende Institution vernachlässigt habe, sagt etwa der ortsansässige Parlamentarier Colm Keaveney gegenüber der «Irish Times». Senatorin Lorraine Higgins doppelt nach: «Wir müssen nun wissen, wie viele Kinder in jedem dieser Heime in Irland starben. Wir müssen wissen, wer diese Kinder waren und wo sie begraben wurden.»

In Tuam selber misst man der Angelegenheit offenbar weniger Bedeutung bei. Catherine Corless forschte fast zehn Jahre an der Geschichte des St.-Mary's-Heims, bis sie auf die Hinweise auf die Kinder stiess. Die Einwohner von Tuam hatten stets geglaubt, beim Stück Land mit dem gedeckten Abwassertank handle es sich um einen kleinen Friedhof für anonyme Tote der grossen Hungersnot von 1845.

Seit einem Jahr versucht Corless nun zusammen mit einer Interessengruppe, auf dem Grundstück eine Gedenkstatue zu errichten. Auf einer Plakette sollen zudem die Namen aller 796 begrabenen Kinder stehen. Von der Gemeindeverwaltung erhielten sie 2000 Euro. Die Einwohner spendeten bisher kaum etwas. «Wären es die Gräber von zwei Kindern», so Corless, «alle würden darüber sprechen. Hier haben wir 800 Kinder. Aber die Menschen sind nicht schockiert, ich verstehe es einfach nicht.»

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