Zum Hauptinhalt springen

Der Bauer im Schach soll ausgetauscht werden

Der Norweger Frode Berg soll aus einem russischen Lager entlassen werden. Damit endet ein Spionagethriller.

Hoffen auf Begnadigung: Frode Berg, hier bei einer Anhörung vor Gericht im Oktober 2018 in Moskau. Foto: Alexander Zemlianichenko (AP)
Hoffen auf Begnadigung: Frode Berg, hier bei einer Anhörung vor Gericht im Oktober 2018 in Moskau. Foto: Alexander Zemlianichenko (AP)

Für die einen ist der norwegische Staatsbürger Frode Berg ein harmloser Rentner. Ein 63-jähriger ehemaliger Grenzsoldat, den die Behörden des eigenen Landes missbrauchten und der naiv in einen Spionagekrimi hineinstolperte. Für die anderen, für die Behörden und die Justiz auf der anderen Seite der norwegisch-russischen Grenze, ist er ein ausgebuffter Spion, einer, der den Auftrag gehabt haben soll, die russische Atom-U-Boot-Flotte auszuspionieren.

Deshalb wurde er im Dezember 2017 in Moskau verhaftet und sitzt bis heute in einer Zelle des Moskauer Lefortowo-Gefängnisses. Verurteilt zu 14 Jahren Lagerhaft. «Das bedeutet lebenslänglich», sagte Bergs russischer Anwalt Ilja Nowikow angesichts Bergs Alter nach dem Urteilsspruch im April zu Reportern.

Bergs Ehefrau, seine Freunde und ein Grossteil der norwegischen Öffentlichkeit sehen in Frode Berg eine Figur, die geopfert wurde im geopolitischen Schachspiel der sich verschlechternden Beziehungen zwischen der Nato und Russland. Für Norwegens Regierung wurde seine Inhaftierung zur Blamage, für die norwegisch-russischen Beziehungen sind sie eine Belastung.

75. Jahrestag der Befreiung

Dabei wollen die beiden Länder am 25. Oktober im Städtchen Kirkenes in der nordöstlichen Finnmark einen Meilenstein der russisch-norwegischen Freundschaft feiern: den 75. Jahrestag der Befreiung der norwegischen Arktisregion Finnmark von den deutschen Truppen durch die Soldaten der Roten Armee. König Harald hat sein Kommen angekündigt, ebenso Ministerpräsidentin Erna Solberg, aus Russland reist Aussenminister Sergei Lawrow an. Bergs Inhaftierung aber liege «wie ein dunkler Schatten» über der Feier, schrieb die Zeitung «Aftenposten».

Da kommen die bislang unbestätigten Nachrichten aus Litauen wie gerufen: Angeblich steht ein Austausch von Spionen unmittelbar bevor. Ein in Litauen einsitzender russischer Agent, meldet der «Baltic News Service» diesen Mittwoch unter Berufung auf litauische Geheimdienstkreise, solle ausgetauscht werden gegen zwei Litauer und einen Norweger in den Händen der Russen. Namen wurden keine genannt, aber es gibt in russischen Gefängnissen nur einen als Spion verurteilten Norweger: Frode Berg.

Der knapp 3000 Einwohner zählende Ort Kirkenes, wo sich am 25. Oktober russische und norwegische Honoratioren die Hand reichen werden, liegt nur ein paar Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Frode Berg war dort zu Hause. Er arbeitete bei den Grenztruppen. In der Vergangenheit waren die Beziehungen zwischen Norwegen und Russland traditionell freundlich. In den 90er-Jahren gingen norwegische und russische Grenzbeamte oft gemeinsam auf Patrouille, veranstalteten gar gemeinsame Skirennen.

Russlands neue Grossmachtrhethorik aber, der aggressive Ausbau seines Militärs und seiner Einflussoperationen und vor allem die Annexion der Krim 2014 haben die Spannungen ansteigen lassen. Im Sommer vergangenen Jahres erst war Norwegen Gastgeber des grossen «Trident Juncture»-Nato-Manövers, an dem 50000 Soldaten aus 31 Nationen teilnahmen. Und in Kirkenes, nur 150 Kilometer Luftlinie entfernt von der russischen Marinebasis Murmansk, versuchen sich die Geheimdienste verstärkt an der Rekrutierung von Mitarbeitern.

Amateurhafte Operation

Frode Berg hat Kontakte zum norwegischen Geheimdienst zugegeben. Geldumschläge habe er überbracht. Dass er im Gegenzug geheime Dokumente nach Norwegen im Gepäck hatte, habe er nicht gewusst, erklärte er vor Gericht. Die mit Berg befreundete Journalistin Trine Harman beschreibt in ihrem Buch «Ein guter Norweger», wie die Geheimdienste Berg manipuliert und ihn im Herbst 2017 zu einer letzten Moskaureise gedrängt haben sollen. Dem Buch zufolge appellierten sie an seinen Patriotismus, er solle «ein guter Norweger» sein.

Am 5. Dezember 2017 wurde Berg in Moskau festgenommen. Die Zeitung «Dagbladet» schrieb hernach von einer «amateurhaften Operation der norwegischen Geheimdienste, bei der alles schiefging», das Blatt «Aftenposten» nannte Bergs Mission und Verhaftung einen «Geheimdienst-Skandal».

Einem möglichen Austausch der Spione muss das litauische Parlament in der nächsten Woche noch zustimmen, am Donnerstag nahm ein entsprechendes Gesetz die erste Hürde. Nikolai Filiptschenko heisst der russische Spion, der im Gegenzug freikommen soll. Er hatte versucht, im Haus und im Palast der ehemaligen litauischen Präsidentin Dalia Grybauskaite versteckte Mikrofone zu platzieren. Der russische Anwalt Ilja Nowikow teilte derweil am Donnerstag mit, Frode Berg habe vor einem Monat schon einen Antrag auf Begnadigung gestellt. Es kommt Bewegung in den Fall.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch