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Das singende Gesicht des Protests

Vor neun Jahren gewann Ruslana den Eurovision Song Contest, heute schmettert sie für die ukrainische Opposition die Nationalhymne. Die Sängerin ist weit mehr als ein Maskottchen.

Drohte damit, sich selbst anzuzünden: Die ukrainische Sängerin Ruslana in Kiew.
Drohte damit, sich selbst anzuzünden: Die ukrainische Sängerin Ruslana in Kiew.
AFP

Wenn die Nacht hereinbricht über den Unabhängigkeitsplatz in Kiew, dann klettert Ruslana auf die Bühne der Demonstranten. Dann legt sie die Hand aufs Herz und schmettert die Nationalhymne. Das kleine Energiebündel, das vor neun Jahren mit «Wild Dances» den Eurovision Song Contest gewann, gibt den durchgefrorenen Regierungsgegnern allnächtlich neuen Mut und neuen Schwung. Noch bis in die frühen Morgenstunden steht sie auf der Bühne. «Ich wünsche euch allen gute Laune für den Tag», ruft sie mit ansteckendem Temperament.

Was der Bewegung fehlt, die Präsident Wiktor Janukowitsch wegen seiner Abkehr vom EU-Kurs aus dem Amt jagen will, ist ein charismatischer politischer Führer. Zwar ist Box-Champion Vitali Klitschko im Westen populär, in der Bevölkerung der Ukraine aber fehlt ihm die breite Zuneigung. Ruslana ist zwar keine Politikerin. Doch als singendendes Maskottchen trägt sie viel dazu bei, den Elan der Demonstranten am Leben zu halten.

Schutz und medizinische Versorgung

Als die Bereitschaftspolizei Ende November mit Gewalt gegen Studenten vorging, setzte sie sich dafür ein, dass die Demonstranten Schutz und medizinische Versorgung in einer nahen Kirche bekommen. Am 5. Dezember drohte Ruslana gar, sich selbst anzuzünden, wenn es «keinen Wandel» gebe. Das war wohl etwas melodramatisch, doch ist ihr unermüdlicher Einsatz weit mehr als eine Pose.

Schon 2004, in dem Jahr, als sie den Eurovision Song Contest in Istanbul gewann, stieg Ruslana auf die Bühnen der Orangen Revolution. Schon damals wurde sie zum Symbol der Protestbewegung. Als der europäische Gesangswettbewerb dank ihres Siegs 2005 nach Kiew kam, bescherte das dem Land so viel westliche Aufmerksamkeit und Besucher wie nie zuvor. Es war die Zeit des Optimismus – bis sich die politischen Anführer der Revolution, Wiktor Juschtschenko und Julija Timoschenko, heillos verkrachten und der Aufbruch stecken blieb.

Aber Resignation ist Ruslanas Sache nicht. In dieser Nacht sitzt sie erschöpft im provisorischen Pressezentrum der Demonstranten, die Augen halb geschlossen. Wie steht sie die harten Nächte durch? «Es ist möglich! Ich bin ein Soldat», sagt sie, und lacht heiser. «Ich denke nicht an mich. Das Problem ist unsere Zukunft.»

Klitschko ist ein dicker Freund

Präsident Janukowitsch ist in ihren Augen längst eine «politische Leiche». Und doch sieht Ruslana noch einen weiten Weg bis zum Erfolg einer neuen Revolution. «Wir haben nicht den einen Anführer – das ist unser Problem. Aber er wird bestimmt bald geboren», fügte sie ironisch hinzu. Klitschko bezeichnet sie als «dicken Freund». Aber politisch vereinnahmen lässt sie sich von niemandem. «Wir unterstützen den Maidan», sagt sie. Maidan wird in Kiew der Unabhängigkeitsplatz im Zentrum der Hauptstadt genannt.

Wann immer Ruslana dort auf die Bühne steigt, stimmen die Demonstranten mit ein: «Für die Freiheit werden wir unsere Körper und Seelen niederlegen», heisst es im Text der Nationalhymne. Feuerzeuge und Handys blitzen auf und werden über den Köpfen geschwenkt wie bei einem Rockkonzert.

(AFP)

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