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Bundesrepublik feiert 60. Geburtstag

Eine Erfolgsgeschichte: 60 Jahre Bundesrepublik und 60 Jahre Grundgesetz. Morgen feiert Deutschland – ohne Pomp. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut hat das vereinte Deutschland fest im Griff. Trost spendet der Fussball.

Enden soll der Jubeltag um zehn Uhr abends, wenn die Berliner Staatskapelle Beethovens 9. Symphonie gespielt hat. Doch schon um zehn Uhr morgens werden so profunde Analytiker des Zeitgeschehens wie der «Wetten, dass..?»-Moderator Thomas Gottschalk oder seine TV-Kollegin Sandra Maischberger am Brandenburger Tor mit allerlei Prominenten – Wolf Biermann, Dieter Bohlen oder Kaiser Beckenbauer – über 60 Jahre Bundesrepublik und 60 Jahre Grundgesetz plaudern. Honorarfrei, wie betont wird. Udo Jürgens soll singen, auch Otto Waalkes und vielleicht noch Udo Lindenberg. Bei den Speisen und Getränken will man sich übrigens zurückhalten: Bier und Boulette statt Kaviar und Champagner – das, so heisst es, gebiete die aktuelle Wirtschaftskrise.Fussball statt UniformDie Deutschen feiern also, ihr Land, ihre Verfassung, sich selbst. Warum auch nicht? Kaum zu bestreiten doch, dass die vergangenen sechs Jahrzehnte für sie zu einer Erfolgsgeschichte wurden, dass sich alle grossen Parteien vorbehaltsloszum Grundgesetz bekennen und die Helden der Nation, wenn es sie denn gibt, Fussballstiefel tragen statt, wie früher üblich, Uniform. Wer heute durch Deutschland reist, mag manches gut und manches nicht so gut begründete Mosern, Meckern und Maulen hören – prinzipielle Kritik an diesem Staat und seiner Verfassung dagegen kaum. Das stand, als die westalliierten Militärgouverneure 1948 die Regierungschefs der deutschen Bundesländer um die Ausarbeitung einer Verfassung für einen westdeutschen Teilstaat ersuchten, so gewiss nicht zu erwarten. Gerade mal drei Jahre waren vergangen, seit die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit, Adolf Hitler in Berlin Selbstmord begangen und die Grossdeutsche Wehrmacht kapituliert hatte. Die Überlebenden, die durch die Ruinen ihrer zerstörten Städte irrten, wollten nur noch etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf und schweigen. Schon tobte, gerade in Deutschland, der Kalte Krieg, und kaum jemand mochte glauben, dass es gelingen werde, innerhalb von zwei Jahrzehnten einen demokratischen Rechtsstaat aufzubauen. Schutz des BürgersDas dürften auch nur wenige der 65 Mitglieder des «Parlamentarischen Rats» geglaubt haben, die vom September 1948 an in der Bonner Pädagogischen Akademie das Grundgesetz entwarfen. Weil viele dieser 65 Frauen und Männer im Hitler-Reich verfolgt, schikaniert und ins KZ gesperrt worden waren, wollten sie die Verfassung als Kanon der Abwehrrechte des Bürgers gegen die Übermacht des Staates sehen. Plebiszite sollte es nicht geben, dafür ein starkes Parlament und als oberste Instanz ein Bundesverfassungsgericht. Demokratie und Freiheit waren eben auch vor der politischen Unreife eines Volkes zu schützen, dem man nach der «Jawoll»-Brüllerei der Nazi-Zeit tief misstraute.68er-BewegungTatsächlich zeigte sich rasch, dass Bürokratie und Justiz den liberalen Geist des Grundgesetzes nur höchst zögerlich akzeptierten. Jahrzehntelang wurden Nazi-Verbrechen von der Justiz schleppend oder gar nicht verfolgt. Die Opfer speiste man mit lächerlichen Entschädigungen ab. Kommunisten hingegen durften auf Verständnis nicht hoffen: Noch Ende der 50er-Jahre verurteilten norddeutsche Landrichter ein Ehepaar zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung, weil es Ferienaufenthalte westdeutscher Kinder in der DDR organisiert hatte. Es wird denn auch das ewige Verdienst der 68er-Bewegung bleiben, dass sie konsequent nach der Geschichte der Hitler-Verbrechen fragte und damit den Europäern ein wenig Angst vor diesen Deutschen nahm. Erst als mit Willy Brandt ein Deutscher Bundeskanzler wurde, der aktiv gegen die Nazis gekämpft hatte, als er in Warschau auf die Knie fiel und für sein Land um Verzeihung bat, war das Dritte Reich endgültig besiegt.Begründeter VerdachtStinknormal geht es heute in diesem 1990 neu-vereinigten Deutschland zu. Was nicht heissen soll, dass nun Friede, Freude, Eierkuchen angesagt sind. Es waren ja nicht allein die Gesetze, die den Deutschen zu ihrer politischen Stabilität verhalfen, sondern vor allem die Sicherheiten eines Sozialstaats, den ausgerechnet Gerhard Schröders rotgrüne Koalition schwer beschädigte. Nicht wenige Deutsche müssen wieder Angst haben: vor Arbeitslosigkeit, Krankheit, Altersarmut. Damit nicht genug: Längst stehen die Volksvertreter im begründeten Verdacht, sich erfolgreich von den Anliegen des Volkes emanzipiert zu haben. Immer geringer wird das Interesse an politisch relevanten Informationen, den Parteien laufen Wähler und Mitglieder in Scharen davon. Der Triumph der Ökonomie über die Politik und die Erkenntnis, dass der Staat ständig an Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten verloren hat, sodass es keine Rolle mehr spielt, wer da gerade regiert, verleiten zu Abstinenz, Verdrossenheit und Resignation. 60 Jahre Grundgesetz, 60 Jahre Bundesrepublik? Dafür interessieren sich pflichtschuldig die politische Klasse und die angeschlossenen Medien. Der Rest der Nation hofft auf gutes Wetter. Was Wunder also, dass die Veranstalter des Festes am Brandenburger Tor um die Resonanz bei den Bürgern fürchten: Morgen entscheidet sich nämlich auch, wer 2009 deutscher Fussballmeister wird.

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