Alter Hass, neu aufgekocht

Eine Woche nach dem letzten Urteil des Kriegsverbrechertribunals schwappt eine neue Woge unversöhn licher Vorwürfe durch die ex-jugoslawische Staatenwelt.

Heute werden die Kriegsverbrecher wieder in Kalendern verehrt.

Heute werden die Kriegsverbrecher wieder in Kalendern verehrt. Bild: Getty Images

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Es herrscht keine vorweihnächtliche Stimmung im ex-jugoslawischen Vielvölkerstaat. Im Gegenteil: Im Hinblick auf die unvergessenen Kriege sind wieder ­einmal Selbstgerechtigkeit und unversöhnliche gegenseitige Anklagen angesagt. Ob in Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina oder Kosovo: Das Verherrlichen der heimischen Kriegsverbrecher mit provokativen Ausfällen gegen die einstigen Kriegsgegner gehört zum Standard. Eine Woche nach dem letzten Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals schwappt eine neue Welle des alten Hasses durch die zerrissene Region.

Am Wochenende weihten bosnisch-serbische Veteranen des Bosnienkriegs (1992–1995) in Visegrad feierlich ein Wandgemälde mit Porträts der wegen Völkermords verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladic und Radovan Karadzic ein. Mit dem Antlitz von Mladic auf den Trikots liefen die Kicker des Amateurclubs FK Kabel im serbischen Novi Sad Ende November aufs Feld. Das Boulevardblatt «Srpski Telegraf» beglückte seine Leser derweil mit einer Poster-Morgengabe für die Wohnstuben: Mit «serbischer Held» war die Aufnahme Mladics untertitelt.

Kriegsverbrecher als Helden

Auch in Kroatien wird der zu 20 Jahren verurteilte Kriegsverbrecher Slobodan Praljak nach seinem Selbstmord im Gerichtssaal von Medien und Politikern als Märtyrer gefeiert, der sich für das Land geopfert habe. Vermehrte Todesdrohungen erhalten hingegen Journalisten und Politiker wie die frühere kroatische Aussenministerin Vesna Pusic, die sich kritisch zu den von der kroatisch-bosnischen Armee (HVO) begangenen Kriegsverbrechen äussern. Er habe gehofft, dass Kroatiens Amtsträger «verantwortlicher» agieren würden, klagt Serge Brammertz, Chefankläger des Tribunals. Stattdessen würden Kriegsverbrecher zu Helden gemacht: «Die Negierung der bewiesenen Fakten verhöhnt die Opfer.»

Kroatien müsse sich «endlich seiner Kriegsvergangenheit stellen», ätzt Serbiens Aussenminister Ivica Dacic. Dabei könnte sich das einstige Sprachrohr von Serbiens verstorbenem Autokraten Slobodan Milosevic getrost an die eigene Nase fassen. Erst am Wochenende kürte seine sozialistische SPS den vom UN-Tribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 18 Jahren Haft verurteilten Nikola Sainovic zu ihrem neuen Vorstandsmitglied. Serbiens früherer Vizepremier habe das Land in Den Haag «würdig verteidigt», begründete Dacic die Blitzkarriere des resozialisierten Kriegsverbrechers.

«Tag der Krieger»

Zum festen Inventar der grössten Regierungspartei SNS zählt seit seiner Entlassung Ex-Major Veselin Sljivancanin, der wegen seiner Mitverantwortung für das Massaker von Ovcara zu 10 Jahren Haft verurteilt worden war. «Was wollen Sie, sollen wir ihn ­etwa fesseln oder totschlagen?», reagierte kürzlich Staats- und Parteichef Aleksandar Vucic unwirsch auf die Frage, was der Kriegsverbrecher denn bei einer Fabrikeröffnung in seinem Gefolge zu suchen habe.

Die Einführung eines «Tags der Krieger» schlägt derweil Verteidigungsminister Aleksandar Vulin vor, der unlängst den vom ­Tribunal verurteilten Vladimir Lazerevic zum Dozenten der Militärakademie beförderte: Serbien könne «stolz» auf seine Kriegsvergangenheit sein.

Keine Versöhnung

Der Geist des Kriegsjahrzehnts der 90er-Jahre sei zurückgekehrt, konstatiert resigniert der Schriftsteller Filip David. Die Nationalisten, die in Bosnien, Kroatien und Serbien an der Macht seien, «werden uns nie versöhnen, weil sie das im Grunde nicht wollen», fürchtet derweil der ­Belgrader Kolumnist Veselin ­Simonovic. «Selbst wenn sie die ­Namen ihrer Parteien ändern, aus ihren Tschetnik-, Ustascha- oder Mujahedin-Uniformen schlüpfen und sich zu Europa bekennen, tun sie das nur, um sich an der Macht zu halten.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.12.2017, 08:00 Uhr

Wegen ihrer Kriegsverbrechen wurden einst 5 Millionen Dollar auf die Köpfe von Ratko Mladic und Radovan Karadzic ausgesetzt. (Bild: Keystone)

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