Schlagabtausch auf offener Bühne

Nato-Gipfel: Donald Trump hat in Brüssel Angela Merkel provoziert, indem er Deutschland einen «Gefangenen Russlands» nannte. Es war ein kalkulierter Angriff.

Nach der Attacke: Angela Merkel und Donald Trump an der Eröffnungszeremonie. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Nach der Attacke: Angela Merkel und Donald Trump an der Eröffnungszeremonie. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

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Donald Trump wartete gar nicht, bis der Nato-Gipfel begann. Es war beim Frühstück im kleinen Kreis, als der US-Präsident zum Frontalangriff auf Deutschland und Angela Merkel ausholte. Es sei sehr traurig, dass Deutschland einen «massiven Öl- und Gasdeal» mit Russland mache: «Wir sollen sie vor Russland beschützen, aber sie zahlen Milliarden und Milliarden an Russland», klagte Trump. Deutschland werde völlig von Russland kontrolliert, es sei ein «Gefangener Russlands».

Es sollte wohl spontan wirken, aber es war eine inszenierte Show in der Brüsseler US-Botschaft, ganz nach dem Gusto Trumps. Im Fokus der Tirade steht das Projekt Nord Stream 2 von Gazprom, über die der russische Staatskonzern künftig noch mehr Gas direkt nach Deutschland liefern will.

Trump gegenüber sass beim Frühstück Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der mit dem grössten Beitragszahler der Allianz wohl den Gipfelablauf besprechen wollte. Normalerweise dürfen bei solchen Gelegenheiten Kameraleute kurz ihre Bilder machen, ohne Ton versteht sich. Danach werden die Medien hinausgeschickt, und man redet hinter verschlossenen Türen weiter.

In seiner Botschaft hingegen konnte Donald Trump die Spielregeln bestimmen, und er hatte durchaus eine Message, vor allem für das Publikum zu Hause. Jedenfalls verbreitete der US-Präsident einen zweieinhalbminütigen Ausschnitt seiner Tirade noch während des Frühstücks über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Mit einem Eklat war gerechnet worden, aber nicht mit einem Affront gegen einen Verbündeten auf offener Bühne. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wirkte jedenfalls einigermassen konsterniert und versuchte mässigend auf den US-Präsidenten einzureden. Die Fassung fand er erst später, angesprochen auf das konfrontative Frühstück: «Ich hatte exzellenten Orangensaft und etwas Toast und etwas Fruchtsalat», berichtete Stoltenberg. Es sei ein gutes Frühstück gewesen, «bezahlt von den Vereinigten Staaten».

Merkel reagiert deutlich

Schärfer reagierte bei der Ankunft im neuen Nato-Hauptquartier am Brüsseler Stadtrand die deutsche Bundeskanzlerin. Zumindest für ihre Verhältnisse wurde Angela Merkel deutlich. Sie verwies darauf, dass ein Teil Deutschlands während des Kalten Krieges von der Sowjetunion kontrolliert wurde: «Ich bin sehr froh, dass wir heute in Freiheit vereint sind und dass wir un­sere eigenständige Politik machen können.» Es war Merkels Art, zu sagen, dass sie sich Einmischungen à la Donald Trump nicht gefallen lässt.

Allerdings hat der US-Präsident das Thema seiner Tirade nicht zufällig ausgesucht. Es ist sozusagen die Achillessehne der Bundeskanzlerin. Schliesslich gibt es auch in Europa zahlreiche Kritiker von Nord Stream 2. Die EU-Kommission möchte die Pipeline verhindern, weil sie dem Ziel der Energieunabhängigkeit zuwiderläuft. Die Osteuropäer lobbyieren dagegen, weil sie um die Stabilität der benachbarten Ukraine fürchten. Diese kassiert bisher Transitgebühren für russisches Gas. Die neue Pipeline soll künftig durch die Ostsee und um die Ukraine herumführen.

Donald Trump hat da also durchaus einen Punkt. Es ist die Ironie der Geschichte, dass er dabei ein Prestigeprojekt von Wladimir Putin kritisiert, den er nächsten Montag in Helsinki treffen will und für den er anders als für seine Verbündete Merkel bisher keine bösen Worte gefunden hat. Aber Trump dürfte es vor allem darum gegangen sein, einen Keil zwischen die Euro­päer zu treiben. Und so selbstlos ist der US-Präsident nicht: Die Amerikaner möchten schon länger mehr von ihrem Flüssiggas in Europa verkaufen.

Doch Trump reichte es, beim Frühstück seine Botschaft platziert zu haben. Später bei einem bilateralen Treffen mit Merkel soll es vergleichsweise harmonisch zugegangen sein. «Wir haben ein hervorragendes Verhältnis», sagte der US-Präsident im Anschluss. Beim eigentlichen Gipfel insistierte Trump dann zwar, die Nato-Mitglieder müssten das 2-Prozent-Ziel bei den Verteidigungsausgaben «sofort» erreichen. Am Ende stimmte er der vorbereiteten Schlusserklärung doch zu, in der die Nato-Staaten ihre Absicht bekräftigen, auf die Vorgabe bis 2024 «hinzuarbeiten».

Bekräftigt wird auch Kritik an der russischen Annexion der Krim und die Absicht, im Hinblick auf die Spannungen mit Russland die Kommandostrukturen in Europa zu modernisieren. Gut möglich, dass Trump das wieder zur Disposition stellt, wenn er nächsten Montag in Helsinki Wladimir Putin trifft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 22:29 Uhr

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