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«Ich riskiere mein Leben für diesen Job»

Die atomare Krise entscheidet auch über die Zukunft des japanischen Ministerpräsidenten. Der ungeliebte Naoto Kan will Führungsqualitäten zeigen. Er agiert anders als seine Vorgänger – und hat Erfolg.

MInisterpräsident Naoto Kan zeigt Gefühle. (15. März 2011)
MInisterpräsident Naoto Kan zeigt Gefühle. (15. März 2011)
Keystone
Naoto Kan ist in Tokio auf dem Weg an eine der unzähligen Medienkonferenzen. (15. März 2011)
Naoto Kan ist in Tokio auf dem Weg an eine der unzähligen Medienkonferenzen. (15. März 2011)
Keystone
Naoto Kan verschafft sich mit einem Helikopter einen Überblick über das Ausmass der Katastrophe. (15. März 2011)
Naoto Kan verschafft sich mit einem Helikopter einen Überblick über das Ausmass der Katastrophe. (15. März 2011)
Keystone
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Tatsächlich könnte Ministerpräsident Naoto Kan nun die Chance in der Krise nutzen, um sein Image des zaudernden Regierungschefs abzulegen und Führungsqualitäten zu beweisen. Am Dienstagmorgen kündigte er an, selbst das Krisenmanagement beim Atomkraftwerksbetreiber Tepco zu übernehmen, um der Firma nicht die Möglichkeit zu geben, die Probleme herunterzuspielen. Kans Aktion und die häufigen Mitteilungen seiner Regierung lassen einen grösseren Willen zur Transparenz erkennen als es bisher in Japan der Fall war.

Gleich nach dem Erdbeben und dem Tsunami entsandte der Ministerpräsident Soldaten, um bei Rettungseinsätzen zu helfen. Er öffnete die Türen für ausländische Hilfe, auch für die einstigen Feinde Südkorea und China.

Frühere Regierungen lehnten Hilfe ab

Frühere Regierungen hatten Hilfe bei Katastrophen hingegen stets abgelehnt. Wie etwa nach dem Erdbeben von Kobe 1995, bei dem 6400 Menschen starben. Die Regierung zögerte zudem damit, Truppen zu senden, Hilfslieferungen aus dem Ausland stapelten sich in Lagerhäusern, die Überlebenden mussten hungern.

«Was wir sehen ist ein neuer Stil im japanischen Krisenmanagement», sagt Thomas Berger, Japan-Experte an der Boston University. Er war knapp vor dem Beben 1995 in Japan und sieht einen enormen Unterschied zwischen damals und heute.

Imagekorrektur für Kan

Kans Schicksal wird sich in den nächsten Tagen und Wochen entscheiden. Bringt er die atomare Krise unter Kontrolle und Hilfe zu den Tsunami-Opfern, könnte er als Held gefeiert werden. Scheitert er, dürften seine politischen Feinde versuchen, ihn bei der ersten Möglichkeit stürzen.

Der Ministerpräsident steht ohnehin mit dem Rücken zur Wand. Zuletzt waren seine Umfragewerte unter 20 Prozent gefallen. Gerade am Tag des Erdbebens begann sein Stuhl zu wackeln, als bekannt wurde, dass er illegale Spenden von einem Ausländer erhalten habe. Nur einer in einer ganzen Reihe von Skandalen, in die er in den vergangenen Jahren verwickelt war.

Streitbarer Minister

Dabei war Kan einst ganz oben auf der Liste der Politiker, die sich die Japaner als Ministerpräsidenten wünschten. 1996 hatte er als Gesundheitsminister die Verfehlungen seines eigenen Ministeriums in einem HIV-Skandal öffentlich gemacht, bei dem 2.000 Bluter mit dem Virus angesteckt worden waren. Ein nie da gewesener Schritt in der japanischen Politik.

Kan könnte nun zu seinem alten Ruf als passionierter und ehrlicher Politiker zurückkehren, auch weil die Grenzen zwischen Gut und Schlecht in einer solchen Krise klarer verlaufen, als bei langwierigen Budgetdebatten und umkämpften Wirtschaftsreformen.

Auf den Strassen von Tokio müssen die Menschen jedoch noch von Kans neuer Rolle überzeugt werden. So wie der 62-jährige Fahrer Yoshitaka Nishimura: «Ich würde nicht sagen, dass er Führungsqualitäten zeigt, aber er versucht zumindest, Führungsqualitäten zu zeigen.»

dapd/pbe

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