Zappelig, aber unbeugsam

Der 22-jährige Joshua Wong ist ein Anführer der Hongkonger Proteste. Seit Jahren stellt er sich gegen Chinas Regierung – beharrlich, öffentlich, mutig.

Der Demokratieaktivist Joshua Wong begann mit 14 Jahren sich zu engagieren – zwischenzeitlich musste er dafür sogar ins Gefängnis. Foto: Reuters

Der Demokratieaktivist Joshua Wong begann mit 14 Jahren sich zu engagieren – zwischenzeitlich musste er dafür sogar ins Gefängnis. Foto: Reuters

Lea Deuber@Lea_Deuber

Es ist an diesem Montag fast alles so wie vor fünf Jahren. Joshua Wong, einer der Anführer der prodemokratischen Proteste im Jahr 2014, steht wieder im Zentrum der Hongkonger Innenstadt und führt die Demonstranten an, dirigiert ihre Sprechchöre: «Hongkong, halte durch!» oder «Komplette Rücknahme des bösen Gesetzes», und, an die Hongkonger Regierungschefin gewandt: «Carrie Lam, tritt zurück!» Wie vor fünf Jahren rückt die Polizei wieder unerbittlich näher.

Die ersten Wochen des Protestes in Hongkong, ausgelöst durch den Entwurf für ein Auslieferungsabkommen mit China, hat der 22-Jährige im Gefängnis verbracht. Zwei Monate musste er wegen Missachtung des Gerichts absitzen. Eigentlich waren drei Monate Gefängnis vorgesehen. Die Haftzeit wurde verkürzt, weil er zum Zeitpunkt seiner Festnahme noch minderjährig war. Es ging immer noch um Vorwürfe aus der Zeit der sogenannten Regenschirmbewegung 2014, als er noch nicht einmal 18 Jahre alt war.

«Jetzt kommt die Zeit des Widerstands»

Vor zwei Wochen wurde Wong wegen guter Führung einen Monat früher aus dem Gefängnis entlassen. Einen Tag, nachdem auf Hongkongs Strassen bis zu zwei Millionen Menschen friedlich auf die Strasse gegangen waren. Viele in der Menge hatten auch Bilder von ihm in die Höhe gehalten. Beobachter deuteten seine vorzeitige Entlassung als einen Versuch der Behörden, die Lage in Hongkong zu entspannen. Funktioniert hat das nicht.

Joshua Wong war erst 14 Jahre alt, als er 2011 der Kommunistischen Partei das erste Mal die Stirn bot. Damals verteilte er Flugblätter gegen das Fach «Moralische und nationale Erziehung», das die Hongkonger Jugend zu Festland-Patrioten machen sollte. Wong sprach davon, dass die Regierung ihnen «das Gehirn waschen» wolle. Nachdem im September 2012 an die 120'000 Menschen seinem Aufruf gefolgt und auf die Strasse gegangen waren, musste die Regierung ihre Pläne zurückziehen. Mit einer Handvoll Klassenkameraden brachte er die Regierung praktisch zu Fall. Zwei Jahre später, 2014, gehörte er zu den führenden Köpfen während der Besetzung der Hongkonger Innenstadt. Hunderttausende kämpften damals um das Recht, ihren eigenen Regierungschef wählen zu dürfen. «Jetzt kommt die Zeit des Widerstands», sagte Wong damals.

Im Fokus des öffentlichen Interesses: Wong und Meidenvertreter an einer Kundgebung. Foto: Keystone

Joshua Wong war nie der einzige Anführer der Bewegung. Auch wirkt er auf den ersten Blick nicht wie einer, den man zu einem Anführer macht. Er ist hager, fast ausgemergelt. Auf seiner Nase sitzt eine grosse, runde Brille, die er ständig mit seinen Fingern nach oben schiebt. Er hat einen nervösen Husten. Wenn er spricht, dann zappelt er meist ein wenig. Und trotzdem hat ihn die Stadt zu ihrem Anführer erkoren. Der Aktivist kündigte bei seiner Freilassung vor zwei Wochen an, sich erst einmal ein wenig Zeit zu nehmen.

Allerdings dauerte es dann noch nicht einmal einen Tag, bis sich Wong wieder den Demonstranten anschloss. Er ist beharrlich, er hat den Mut, sich gegen einen übermächtig wirkenden Gegner zu stellen – das Unmögliche möglich machen, nannte Wong das einmal. Als er nach seiner Freilassung das erste Mal wieder ins Regierungsviertel fuhr, begrüssten ihn die Demonstranten mit Jubel.

Das harte Vorgehen gegen Anführer wie ihn im Jahr 2014 ist der Grund, warum der jüngste Proteste kaum prominente Figuren hervorgebracht hat. Die Demonstranten organisieren sich dezentral, versuchen weniger Angriffsfläche zu bieten. Viele tragen Masken, um nicht erkannt zu werden. Man wolle wie Wasser sein, das zurückgedrängt werden kann, aber immer wieder zurückfliesst, sagen Demonstranten. Doch wie vor fünf Jahren gerät der Widerstand ins Stocken. Die Menschen kehren in ihren Alltag zurück. Einige Aktivisten fordern gewaltsamere Aktionen, wie sie sich am Montag ereigneten – was der Bewegung schadet. Auch deshalb blicken wieder viele auf Wong. Auf den tapferen Jungen, der Unmögliches möglich machen soll.

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