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Dutzende Tote in Kabul bei schwersten Anschlägen seit Jahren

Die Taliban haben sich zu mehreren Attentaten am Wochenende bekannt. Sie wirken trotz des Todes ihres Anführers keineswegs geschwächt.

Die Zahl der Opfer steigt: Verletzte Menschen werden in einem Spital von Kabul behandelt. (7. August 2015)
Die Zahl der Opfer steigt: Verletzte Menschen werden in einem Spital von Kabul behandelt. (7. August 2015)
Wakil Kohsas, AFP

Bei der schwersten Anschlagswelle seit Jahren sind in Afghanistan mindestens 70 Menschen getötet und Hunderte verletzt worden. Die Anschlagswelle dämpfte Hoffnungen, die Taliban wären durch den Führungsstreit nach dem Tod ihres langjährigen Anführers Mullah Mohammad Omar geschwächt.

Die radikal-islamischen Taliban bekannten sich zu den Selbstmordanschlägen am Freitagabend in Kabul auf einen Stützpunkt von US-Elitetruppen in der Nähe des Flughafens und eine Polizeiakademie, nicht aber zu einer früher gezündeten Lastwagenbombe.

Bei dem Angriff auf das US-Camp Integrity kamen nach Militärangaben vom Samstag ein ausländischer Soldat und acht afghanische Angestellte ums Leben. Die Explosion am Tor des Camps war so stark, dass sie Büros im Inneren des Komplexes einstürzen liess.

Dabei wurden etliche Menschen verletzt. Helikopter flogen die Verwundeten in Militärspitäler. Der ersten kräftigen Detonation seien weitere gefolgt, anschliessend sei es zu einem Stunden andauernden Gefecht gekommen, sagte ein Angehöriger der Elitetruppen, der beim Einsturz seines Büros verletzt wurde. Camp Integrity wird von der US-Sicherheitsfirma Academi betrieben, die früher unter dem Namen Blackwater bekannt war.

Anschlag auf Polizeischüler

Vor dem Angriff auf Camp Integrity war eine Polizeiakademie der NATO-geführten Ausbildungsmission Resolute Support (RS) Ziel eines Selbstmordanschlags. Nach Angaben aus Polizeikreisen wurden dabei 26 Menschen getötet und 28 verletzt.

Der Selbstmordattentäter habe eine Polizeiuniform getragen und seinen Sprengstoff unter Polizeischülern gezündet, die gerade von einer Pause zurückgekommen seien, erklärten die Sicherheitskräfte. Bei der Explosion der Lastwagen-Bombe im Zentrum der Hauptstadt wurden mindestens 15 Menschen getötet.

Einen weiteren Anschlag gab es am Samstag in der nördlichen Provinz Kundus. Dort wurden 22 Angehörige einer regierungstreuen Miliz getötet. Auch zu diesem Angriff bekannten sich die Taliban.

Experte: Taliban nicht geschwächt

In deren Führung herrscht Streit, seit Mullah Achtar Mansur kürzlich als Nachfolger von Mullah Omar ausgerufen wurde. Während es zunächst so aussah, als seien die Taliban zu einem Friedensprozess bereit, haben sie inzwischen die Fortsetzung ihres Aufstands angekündigt.

Die Anschlagswelle solle womöglich eine Botschaft an die Extremisten im ganzen Land und die Regierung senden, sagte der Experte Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network. «Die Frage ist: Wer sendet die Botschaft?»

Vielleicht wollten auch Gegner Mansurs in den eigenen Reihen mit den Gewalttaten die Hoffnung auf einen Friedensprozess zunichte machen. «Einige Leute haben gehofft, dass der Tod Mullah Omars die Taliban schwächen wird», sagte Ruttig. «Ich glaube, das war ein bisschen sehr optimistisch.»

Mit Feuer gegen Feuer

Im Konflikt in Afghanistan sind seit Jahresanfang nach UNO-Angaben fast 5000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Die meisten ausländischen Soldaten waren mit dem Ende des Kampfeinsatzes der NATO-Truppe Isaf 2014 vom Hindukusch abgezogen.

Die afghanischen Sicherheitskräfte müssen deshalb erstmals einer Sommeroffensive der Taliban praktisch allein die Stirn bieten. Dabei setzen sie verstärkt auf örtliche, kaum kontrollierbare Milizen.

Für Beobachter gleicht das dem verzweifelten Versuch, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Frühere afghanische Regierungen hatten versucht, die Milizen zu entwaffnen. Der Taktikwechsel macht auch klar, dass die Bemühungen, schlagkräftige Sicherheitskräfte unter zentraler Steuerung aufzubauen, bislang nicht ausgereicht haben.

AFP/chk

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