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«Wir sind zu Zombies geworden»

Die Anschläge in Mumbai haben den algerischen Schriftsteller Yasmina Khadra nicht erstaunt. Die Gründe für den Terror sieht er in der Ohnmacht nachkolonialer Gesellschaften – und in der Selbstgefälligkeit des Westens.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie von den Anschlägen in Mumbai gehört haben?Nichts, gar nichts. Ich weiss doch, dass sich die Welt mitten in einer schweren Erschütterung befindet, welche die Menschen überfordert. Auf der einen Seite haben wir den Westen, der nur auf seinen Bauchnabel schaut und gleichzeitig versucht, die Finanzkrise zu meistern, die er durch seine eigene Unfähigkeit und seine unglücklichen Eingriffe heraufbeschworen hat. Auf der anderen Seite, was dem Westen gegenübersteht: Gesellschaften, die völlig auf sich selbst gestellt sind und in ihrer Verzweiflung Hand an sich legen. Das sind getrennte Welten: westliche Kompromisslosigkeit hier, orientalische Gleichgültigkeit da.

Gibt es keine übergeordneten Werte?Die Menschheit hat einen solchen Grad von Dummheit erreicht, dass sie nicht mehr zwischen Gut und Böse zu unterscheiden weiss. Was in Mumbai geschehen ist, überrascht mich nicht. Der Terror ist das logische Ergebnis eines gesellschaftlichen Nervenzusammenbruchs. Der Westen, der sich immer nur für Abweichler interessiert, ist übrigens nicht unschuldig daran, dass Menschen durch einen lauten Knall auf sich aufmerksam machen wollen.

Machen Sie es sich da nicht zu leicht? Wir reden von Indien, einer alten Kulturnation, wo die Gegensätze zwischen Arm und Reich schon lange extrem sind und die Konfrontation nicht bloss mit dem Westen spielt.Die Kultur bietet heute nicht mehr denselben Zusammenhalt wie früher. Der Stoffwechsel mit den alten Werten, die uns zu kulturellen Wesen machten, ist gestört. Wir sind zu Zombies geworden, die nicht mehr wissen, wo sie ihr Heil finden können. Wir sind überzeugt, dass die Jagd nach Profit die einzige Form des Überlebens ist, und fallen zurück in tierische Verhaltensweisen. Kultur? Die Kultur gibt es nicht mehr, nur noch ein Zerrbild davon. Sogar die Philosophen sind aus intellektueller Faulheit in das Spektakel ausgewichen. Die Welt denkt nicht mehr nach, sie setzt sich bloss noch möglichst provokative in Szene.

Gilt das auch für die Religion?Selbstverständlich, es handelt sich um ein allumfassendes Abdriften. Skrupel sind passé, die Grundwerte aus der Mode gekommen. Stereotypen, Kurzschlüsse und oberflächliche Urteile bestimmen unser Denken. Die Menschen versuchen nicht mehr zu begreifen, bevor sie urteilen: Mumbai? Barbaren. Punkt. Keiner versucht, die Wurzel des Übels aufzuspüren. Das ist tragisch.

Was ist denn die Wurzel des Übels?Die rechtskräftige Scheidung zwischen dem Westen und dem Rest der Welt. Der Graben wird immer tiefer: Auf der einen Seite ihr Westler, die ihr überzeugt seid, dass ihr die Aufklärung auf eurer Seite habt, auf der anderen der Orient in der Finsternis.

Wo stehen Sie in diesem Bild?Dazwischen. Die Füsse in der Finsternis, den Kopf im Licht.

Sie verstehen die Anschläge und die Attentäter?Aber ja, und nicht nur das. Ich erinnere mich, wie ich im Winter 2003 bei einer Lesereise durch Spanien mit dem Publikum über die Attentate in New York diskutiert habe. Ich habe den Leuten prophezeit: Dasselbe wird euch auch zustossen. Drei Monate später war es so weit. Meine Frau, die dabei war, hat mich gefragt: Woher wusstest du das? Ich bin kein Hellseher, bloss ein Beobachter. Wenn ein Kleinkind auf einen Treppenabsatz zukrabbelt, dann wissen Sie ganz genau, dass es hinunterfallen wird, wenn Sie nichts dagegen unternehmen. Das ist alles. Der Westen sieht immer nur, was ihm passt.

Gilt das nicht auch umgekehrt?Ja, aber das Gegenüber ist entschuldbar. Diese Gesellschaften sind in der Regel noch ganz benommen von einer langen kolonialen Dunkelheit. Während der ausländischen Besatzungszeit haben sie die alten Massstäbe, die ihre Kraft und Weisheit darstellten, verloren. Das hindert sie daran, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. In dieser Leere setzt eine Fäulnis ein, die das Fundament des Fanatismus bildet. Gleichzeitig sind die nachkolonialen Regime so antisozial, dass man sich fragt, ob sie nicht mit ihren eigenen Völkern verfeindet sind. Sie verhindern das Aufkeimen neuer Gedanken und Initiativen. Die Menschen vegetieren dahin - bis zu dem Tag, da jemand kommt und sagt, ihr seid nicht zur Untätigkeit verdammt, wenn ihr uns folgt.

Und was haben diese Erlöser zu bieten?Gewalt, immer nur Gewalt. Dahinter steht ein Versagen des Verstands. Das ist aber kein Zukunftsprojekt, wenn die Leute nichts einbringen können ausser ihrer Wut. So wird bloss eine sterile Herrschaft legitimiert, die keinen Ausweg bietet.

Was kann der Westen tun, um die Kette der Gewalt zu durchbrechen, die ihn bedroht?Zwei Dinge muss er einstellen: Manipulation und Desinformation. Der Westen neigt dazu, in diesen gefährlichen Ländern Marionetten an die Macht zu katapultieren. Die betroffenen Völker sind aber nicht blöd. Warum hat man zum Beispiel in Afghanistan nicht einfach den König wieder eingesetzt? Das wäre die beste Lösung gewesen. Afghanistan ist eine Nation, die auf Stammesstrukturen aufbaut. Jeder Stamm hat zu seinem Oberhaupt ein Verhältnis wie zu einem König. Anstelle des Königs hat der Westen aber eine Marionette zum Staatschef gemacht. «Dieser Karzai, das ist nicht unser Chef und Bruder, der ist nur da, um den Interessen des Westens zu dienen», sagen die Leute in Kabul.

Und die Desinformation?Schluss mit den Zerrbildern. Islam gleich Terrorismus? Nein. Der Islam ist keine kriegerische Ideologie, sondern eine vierzehn Jahrhunderte alte Religion, die je nach Intelligenz und Intensität des Glaubens praktiziert wird. Die arabische Welt, die muslimische Welt an sich ist keine Bedrohung für den Westen. Ihre Völker haben viel zu viele eigene Probleme, als dass sie sich mit Angriffsstrategien gegen den Westen beschäftigen würden. Heute wird im Westen selbst mit der Angst regiert. Man beschwört eine enorme Bedrohung herauf, die den Verstand der Wähler im entscheidenden Augenblick lähmt, damit sie für einen Beschützer stimmen und nicht für einen weisen Anführer. Hier denke ich auch an Frankreich.

Ist die Wirklichkeit im Westen nicht viel banaler und vielfältiger?Die Schutzmassnahmen gegen mögliche Anschläge haben den Boden für eine Tyrannei bereitet. Wo Sie gehen und stehen, werden Sie überwacht. Man weiss, mit wem Sie wie lange reden. Die Freiheit ist im Namen der Bedrohung abgeschafft – und die Leute sind nicht einmal schockiert darüber. Sie gleichen einer Schafherde, mit der man anstellen kann, was man will.

Sie sind aber sehr pessimistisch.Nicht pessimistisch, sondern alarmistisch. Die Leute müssen aufwachen! Jetzt, sofort!

Wird der Abzug der Amerikaner aus dem Irak die Lage verbessern?Mal sehen, ob sie wirklich abziehen! Wir wissen noch nicht, was bis 2011 geschieht. Wenn man erst einmal im Krieg ist, kann man nur mehr wenig vorhersagen, alles ist kurzfristig. Die Wahl von Barack Obama ist ein kultureller, kein politischer Sieg. Es ist ein Sieg über die Mentalitäten. In Amerika ist es den Intellektuellen gelungen, Einfluss zu nehmen auf das Volk. Das hat aber lange gedauert. Nach und nach hat die Bevölkerung begriffen, dass Schwarze genauso viel Wert sind wie Weisse – und das in einem Land, in dem sie weniger Wert waren als das Vieh!

Sie glauben nicht, dass Obama eine Kulturrevolution herbeiführen kann?So einfach ist das nicht. Das Land hat Vorstellungen, die langsam herangewachsen sind. Aber er wird die Dinge verbessern.

Was ist Ihr politisches Ideal? Die Monarchie?Nein, die Republik. Aber über allem steht das Leben. Es ist das Allerhöchste, höher als jede Religion und jede Ideologie.

Sie sind von Algerien nach Frankreich gezogen. Wie erleben Sie persönlich diese Spannung mit dem Westen?Ich bin als Algerier zutiefst in meinem Land verwurzelt. Von Frankreich bin ich sehr enttäuscht. Hier wird es nie einen Obama geben. Ich dachte immer, dass es zwei Pole gibt auf der Welt: die Kultur in Frankreich, die Ideologie in Amerika. Aber ich habe mich geirrt, heute ist es genau umgekehrt! Ich erinnere mich an den Aufruhr der französischen Intellektuellen, als ein Schwarzer vor ein paar Jahren in den Sommerferien aushilfsweise die wichtigste Nachrichtensendung präsentierte. Nicht zu fassen!

Sprechen wir von Ihrem Land, Algerien, das regelmässig von Anschlägen erschüttert wird – warum?Die Helden des Befreiungskriegs waren nicht auf die Aufgabe vorbereitet, die vor ihnen stand. Ein Land ist kein Bataillon, das auf Kommando gehorcht und funktioniert. Die Städte sind verkommen. Wir haben uns das Land niemals richtig angeeignet. Wir haben es von innen heraus zerstört wie die Termiten. Irgendetwas fehlt uns. Die Leute haben nichts zu tun. Es gibt keine Kinos, keine Theater, keine Arbeit, keine Wohnungen. Sie können nicht einfach eine Frau lieben oder sich ins Café setzen. Kein Wunder, wenn sie durchdrehen! Aber wenn man den jungen Leuten in meinem Land die Chance eröffnet hätte, ihre eigenen Träume auszuleben, hätten sie sich niemals verleiten lassen.

Können Sie etwas zu einer Verbesserung beitragen?Als Leiter des algerischen Kulturzentrums? Nichts, gar nichts!

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