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Teure Abschottung

Viele Experten waren sich nach Russlands Ankündigung einig: Das Internet eines Landes vom Rest der Welt abzukapseln, könne so einfach nicht funktionieren. Zwar haben russische Anbieter viele im Westen wichtige Webdienste kopiert – es gibt den Google-Klon Yandex, das soziale Netzwerk V-Kontakte, und viele Mails werden per Mail.ru verschickt. Doch das Internet bestehe aus weit mehr als dieser Oberfläche, sagt Christoph Meinel, Professor für Internetsysteme am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Im Hintergrund drehen sich viele kleine Rädchen, die dafür sorgen, dass die Russen (und der Rest der Welt) auf ihren Endgeräten das zu sehen bekommen, was sie wollen. Und aktuell drehen sich sehr viele dieser wichtigen Rädchen noch ausserhalb von Russland.

Da wäre zum einen das Domain Name System (DNS). DNS-Server übersetzen die von Internetnutzern eingetippten Adressen, also etwa www.facebook.com, in eine numerische IP-Adresse. Im Fall Facebook lautet eine solche Adresse zum Beispiel: 185.60.216.35. Ohne diese DNS-Adressbücher wüssten Browser in Russland nicht, wohin sie eine Anfrage schicken müssen, wenn ein Nutzer Facebook.com eintippt. Ein zweites grosses Problem für das russische Autonomiebedürfnis sind Zertifikate. Fast der gesamte Internetverkehr wird heute über https-Verbindungen geschickt. Das «s» steht für «sicher», Inhalte werden verschlüsselt übertragen. Besonders wichtig ist das etwa beim Internetbanking. Die Integrität der Nachrichten wird von Zertifikatsstellen garantiert, die überprüfen, ob dort, wo «Sparkasse» draufsteht, auch Sparkasse drin ist. Eine Internet-Infrastruktur wie DNS oder Zertifikatsstellen nachzubauen, wäre äusserst zeitraubend und teuer. Auch für die russische Wirtschaft, die viele Webservices aus dem Ausland nutzt, wäre ein russischer Internetexit fatal.

Russlands Präsident Putin begründete das «Souveränes Internet»-Gesetz laut Medienberichten mit dem Wunsch nach Cybersicherheit. Doch die sei über die angestrebte Isolierung nicht hinzubekommen, so Georg Carle, Informatikprofessor für Netzarchitekturen und Netzdienste an der TU München. Das habe nicht zuletzt der Fall Stuxnet gezeigt, bei dem ein Virus in eine iranische Urananreicherungsanlage gebracht wurde, ohne dass diese mit dem Internet verbunden war.

Wenn es aber eher darum gehe, den Internetverkehr besser zu überwachen, dann gebe es weitaus günstigere Methoden. Das zeigen seit Jahren die Chinesen mit ihrer grossen Firewall. Theoretisch bleibt das Internet von chinesischen Computern aus erreichbar. Was die Bürger aber tatsächlich sehen dürfen, entscheidet der Staat. Umgehen lässt sich eine derartige Firewall nur mithilfe von spezieller Software, sogenannten Virtual Private Networks (VPN), die den Internetverkehr über Umwege zum gewünschten Ziel leiten. Die Nutzung der meisten VPN ist in Russland jedoch bereits seit November 2017 verboten.

Max Muth

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