So feiert Japan den Thronwechsel

Kaiser Naruhito hat den Thron bestiegen und eine neue Ära eingeläutet. Während er offenbar im Amt angekommen ist, wirkt die neue Kaiserin angespannt.

Japans neuer Kaiser: «Ich bete aufrichtig für das Glück der Menschen.» (Video: Tamedia/AFP)
Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Japan hat einen neuen Tenno. In einer stummen Zeremonie präsentierten Höflinge Kronprinz Naruhito am Mittwochmorgen die kaiserlichen Regalien, das Schwert und die Kronjuwelen. Dazu die beiden Siegel, das traditionelle des Kaisers und ein persönliches Siegel des neuen Regenten. Der 59-jährige Naruhito hat damit sein Amt angetreten. Er trug einen schwarzen Frack mit Orden. Die feierliche Übergabe im Matsu-no-Ma-Saal des Palastes dauerte etwa acht Minuten, es wurde kein einziges Wort gesprochen.

Zu den Regalien gehört ein heiliger Spiegel, der im Ise-Schrein aufbewahrt wird, der heiligsten Stätte des Shintoismus. In einem Schrein auf dem Gelände des Palastes in Tokio steht jedoch eine Kopie. Ihr erwies ein persönlicher Höfling des neuen Kaisers am Mittwochmorgen, gleichzeitig mit der Zeremonie im Matsu-no-Ma-Saal, Naruhitos Referenz. Der Spiegel verkörpert die Seele der Sonnengöttin Amaterasu, von der die Kaiserfamilie abstammen soll. Auch das Schwert, das während solcher Rituale immer eingepackt blieb, ist eine Kopie.

Sein Original liegt im Atsuta-Schrein in Nagoya. Nach der Legende soll Jimmu, der sagenumwobene erste von nun 126. Kaisern Nippons, dieses Schwert vom Sturmgott geschenkt erhalten haben. Es gilt deshalb als heilig. Die japanische Nachkriegsverfassung schreibt eine strikte Trennung von Religion und Staat vor; die Regierung meidet deshalb das Wort «heilig», sie spricht von altehrwürdigen Objekten, die mit dem Thron weitergereicht würden.

Der zeremoniellen Übergabe, vom Fernsehen live übertragen, wohnten knapp hundert Leute bei. Nach einem Beschluss der Regierung von Premier Shinzo Abe waren nur Männer zugelassen. Neben dem Podium, auf dem Naruhito die Regalien empfing, stand links Prinz Akishino, sein jüngerer Bruder, der im Frühjahr 2020 offiziell zum Kronprinz geweiht werden wird. Im Rollstuhl rechts sass Prinz Hitachi, der 83-jährige Bruder des bisherigen Kaisers Akihitos.

In einer zweiten Zeremonie eine halbe Stunde später, nun in Begleitung von Masako, der neuen Kaiserin, sprach Naruhito erstmals als Tenno zum Volk. Diesmal waren 266 Gäste dabei, angeführt von Abe. Auch diese Feier dauerte nur zehn Minuten. In seiner kurzen Rede würdigte Naruhito seinen Vater Akihito, der am Dienstag zurückgetreten war. Als «Symbol des Staates und Einheit des Volks» habe er «in seinen dreissig Jahren auf dem Thron stets die Sorgen und das Glück der Menschen geteilt und für den Weltfrieden gebetet.» Dafür zolle er ihm von ganzem Herzen Respekt und Achtung. Er werde über die Wege seines Vaters und früherer Kaiser nachdenken und sich bemühen, sich selbst zu verfeinern, um seiner eigene Rolle gerecht zu werden. Er schwöre, er werde seine Verantwortung im Sinne der Verfassung wahrnehmen. Und bete für das Wohl der Menschen, die Weiterentwicklung der Nation und den Weltfrieden.

Kaiserin Masako litt lange unter den Zwängen des Hofamts

Während Naruhito mit seiner selbstbewusst vorgetragenen Rede offensichtlich im Amt angekommen ist, auf das er ein Leben lang vorbereitet wurde, wirkte seine Ehefrau Masako angespannt. Die einstige Karrierediplomatin mit Harvard-Abschluss, war durch die Zwänge des Hofamts und den Druck, Japan einen männlichen Erben gebären zu müssen, jahrelange schwer mitgenommen und hatte unter Depressionen gelitten.

Naruhito ist nun Kaiser, Masako Kaiserin; die Inthronisierung ist damit freilich noch nicht zu Ende. Am Samstag wird sich das neue Kaiserpaar vom Balkon des Palastes erstmals der Bevölkerung präsentieren. Die weiteren Zeremonien gipfeln im «Sokuinorei» am 22. Oktober. Dazu wird Tokio Regierungsvertreter aus 200 Ländern einladen. Für kurze Zeit wird der neue Kaiser den Takamikura besteigen, einen überdachten Thron mit Vorhängen von enormen Dimensionen. Dieser älteste Thron Japans gilt als der eigentliche Chrysanthementhron. Danach wird das Kaiserpaar in einer Parade durch Tokio gefahren.

Im November folgt das «Daijosai» ein aufwändiges Erntedankfest der Shinto-Religion, das tausend Jahre lang vergessen war, im 19. Jahrhundert jedoch neu erfunden wurde. Nach einem Reinigungsbad wird der neue Kaiser als Shinto-Priester der Sonnengöttin Amaterasu heiligen Reis, Sake und Fisch opfern. Selber wird er auch von diesem Reis essen und sich damit, so der Mythos, symbolisch mit der Sonnengöttin vereinigen. Das mache ihn zum Mittler zwischen ihr und den Japanern, so die Legende.

Für das Daijosai werden eigens Hütten mit Reetdächern gebaut und ein spezieller, geweihter Reis gezogen. Anlässlich von Akihitos Thronbesteigung 1989 kostete die Feier bereits mehr als umgerechnet 10 Millionen Euro. Prinz Akishino, der einzige der kaiserlichen Familie, der zuweilen öffentlich eine kritische Meinung äussert, meinte im Herbst deshalb, es sollte aus der kaiserlichen Schatulle bezahlt werden, nicht von der Regierung.

Es handle sich schliesslich um ein Shinto-Ritual, und die Verfassung trenne Religion und Staat strikt. Damit verärgerte der Prinz das Hofamt, die Regierung versicherte, sie bestreite die Kosten. Das Daijosai hat schon vor 30 Jahren Kontroversen ausgelöst. Damals wollte die Opposition im Parlament wissen, was während des Rituals, das eine ganze Nacht dauert und bei dem eine junge Frau zugegen war, wirklich geschieht. Auskunft erhielt das Parlament keine.

Zum Jahresende wird Naruhito dem kaiserlichen Mausoleum in Hachioji seine Aufwartung machen, dort liegen sein Grossvater Hirohito, der Showa-Kaiser, und sein Urgrossvater Yoshito, der Taisho-Kaiser. Zusammen mit ihren Kaiserinnen. Dieser Besuch wird Japans Übergang zur Reiwa-Ära beschliessen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt