Rätsel um über 300 tote Wahlhelfer

Bei den indonesischen Wahlen starben Hunderte Helfer. Das erstaunt: Kann die Arbeit eines Wahlhelfers derart tödlich sein?

Millionen Freiwillige halfen bei den jüngsten Wahlen in Indonesien mit der Stimmenauszählung.

Millionen Freiwillige halfen bei den jüngsten Wahlen in Indonesien mit der Stimmenauszählung.

Arne Perras@tagesanzeiger

Seit Tagen erregen Meldungen der indonesischen Wahlkommission Aufmerksamkeit, wonach mehr als 300 freiwillige Helfer beim Auszählen der Stimmen an Erschöpfung gestorben sein sollen. Das klingt bizarr, und viele fragen sich: Kann die Arbeit eines Wahlhelfers tatsächlich derart tödlich sein?

Ahmad Shalahuddin Zulfa fragt sich das an diesem Mittwoch auch, er zählt selbst zu jenen pflichtbewussten Indonesiern, die in den Wahllokalen für geringen Lohn gearbeitet haben. Der Mann läuft in seiner Freizeit gerne Marathon, seine beste Zeit bisher: drei Stunden und 35 Minuten. Insofern war er körperlich gut gewappnet für seinen Job, während und nach der Wahl am 17. April.

Die Zahlen zeigen die Dimension dieser Wahl

Man erreicht den 42-Jährigen am Telefon. Er weiss nicht recht, was er anfangen soll mit der Meldung über Hunderte gestorbene Wahlhelfer. «Gut, das Auszählen war dieses Mal besonders anstrengend», sagt Shalahuddin, Manager einer IT-Firma. Denn der Staat hielt in diesem Jahr an einem Tag gleich fünf Abstimmungen gleichzeitig ab: fürs Präsidentenamt sowie für nationale, regionale und lokale Parlamente und Vertretungen. Alle Stimmen wurde von Hand ausgezählt und bei Unstimmigkeiten erneut überprüft. In der Regel arbeiteten sieben Freiwillige plus zwei Sicherheitskräfte pro Wahllokal.

Shalahuddin und sein Team waren darin schon geübt, aber Leute mit weniger Erfahrung haben in der Nacht nach der Wahl bis zu 24 Stunden durchgearbeitet, für ältere Helfer war das Stress. Und doch treibt Shalahuddin die Frage um: «Ist die Zahl der Toten tatsächlich aussergewöhnlich, oder liegt sie im Bereich der normalen Todesrate?» Immerhin ist Indonesien viertgrösster Staat der Welt, 800'000 Wahllokale waren geöffnet, mit etwa 5,7 Millionen Helfern im Einsatz.

Zahl der Toten unter nationalem Durchschnitt

Shalahuddin greift zum Taschenrechner, er nutzt Forschungsberichte, die für Indonesien eine Mortalitätsrate von 5,3 Toten pro 1000 Bewohner pro Jahr ergeben. Rechnet er nun die spezielle Rate für die 336 gemeldeten toten Wahlhelfer aus, bei 5,6 Millionen Mitarbeitern in den Wahllokalen und im Zeitraum von 14 Tagen seit der Abstimmung, so stellt er fest, dass die Zahl der Gestorbenen keineswegs über dem Durchschnitt liegt. Im Gegenteil: Sie liegt deutlich niedriger. Die Berechnungen widersprechen der Vorstellung, dass Strapazen für Wahlhelfer besonders lebensbedrohlich waren. Vielmehr scheint es umgekehrt zu sein: Im Alltag ausserhalb der Wahllokale sterben, statistisch betrachtet, häufiger Menschen als beim Auszählen grosser Stapel Papier.

Aus Sumatra wurde gemeldet, dass ein Wahlhelfer ums Leben kam, als ihn ein Wildschwein auf dem Weg attackierte. Das war Pech im Wald, doch solche Risiken gibt es auch dann, wenn Indonesien gerade keine Megawahl abhält. «336 Tote, das klingt erst einmal bombastisch», sagt Shalahuddin. Aber die Zahl relativiert sich, wenn man die Dimension der Wahl und die Masse der Helfer betrachtet.

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