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Indien zeigt mit dem Finger auf Pakistan

Indiens Regierung vermutet die Drahtzieher der Attentate in Pakistan. Das war schon oft so. 2002 standen beide Nationen deshalb nahe am Krieg.

Kommandos seilen sich in Mumbai aufs Dach eines besetzten Gebäudes ab.
Kommandos seilen sich in Mumbai aufs Dach eines besetzten Gebäudes ab.
Keystone

Es sind nicht mehr nur vage Andeutungen, nicht mehr nur diplomatisch verhüllte Mutmassungen. Indien zeigt plötzlich mit deutlicher Gestik auf Pakistan. Und das ist ein Grund zu grosser Sorge im Spannungsfeld der verfeindeten Atomstaaten.

Der indische Premierminister forderte am Freitag seinen Amtskollegen in Islamabad auf, dass er den Chef des militärischen Geheimdienstes nach Delhi entsende. Der soll dort seinen Beitrag leisten bei der Untersuchung der Anschläge von Mumbai, bei der Identifizierung jener urbanen Guerillakommandos, die am Mittwoch über die Handelsmetropole hergefallen sind und am Freitagabend, mehr als 48 Stunden später, noch immer Geiseln in ihrer Gewalt hatten.

Opferzahl dürfte noch steigen

Nach Angaben der Polizei sollen mehr als 150 Menschen getötet worden sein bei den Überfällen. Doch zum Zeitpunkt der Bekanntmachung suchten Spezialeinheiten noch immer die Zimmer der angegriffenen Hotels ab. Im Taj Mahal Palace haben sie in einem einzigen Zimmer 20 Opfer gefunden. Die Zahl der Opfer dürfte am Ende weitaus höher liegen, als bisher angenommen worden ist.

Die Inder sind der festen Überzeugung, dass die Operation in Pakistan geplant worden ist. Die Terroristen sollen in Karachi abgelegt haben, in einem Fischerboot, bevor sie vor Mumbai auf Gummiboote umstiegen, an den Küsten der Halbinsel anlegten, sich auf die Stadt verteilten, Maschinenpistolen und Granaten im Gepäck.

Viele Hinweise sind der Öffentlichkeit bisher nicht bekannt. Nur so viel: Einer der verhafteten Terroristen, so berichtete es die indische Presse, soll aus dem pakistanischen Punjab stammen. Drei weitere sollen der Extremistengruppe Lashkare Taiba angehören, jener Organisation also, die der pakistanische Geheimdienst in den 80er-Jahren mithilfe Osama Bin Ladens als Kampftruppe für den Konflikt in Kashmir aufgebaut hatte. Doch offenbar reichen die ersten Erkenntnisse der Ermittler in Mumbai schon aus für einen klaren Fingerzeig.

Regierung in Delhi unter Druck

Nun kann es natürlich sein, dass die indische Regierung mit der Anschuldigung nur von sich ablenken möchte. Sie steht unter Druck. Bald finden in Indien Parlamentswahlen statt, und die Gegner, die Hindu-Nationalisten, werfen ihr vor, sie sei zu weich in ihrem Kampf gegen den Terrorismus, sie mache sich damit zur Komplizin des Bösen, sie habe zugeschaut, wie in den vergangenen Jahren einheimische Terrorgruppen gewachsen seien. Kann es also sein, dass die indische Regierung nur Propaganda betreibt, wenn sie nach Pakistan zeigt?

Es wäre ein billiges Manöver. Und ein gefährliches obendrein. Vor sieben Jahren standen die beiden Atommächte schon einmal am Rande eines Krieges, nachdem fünf Extremisten mit Schnellfeuerwaffen und Granaten einen Anschlag auf das indische Parlament in Delhi verübt hatten. Es gibt Parallelen zu den Angriffen von Mumbai, das Muster ist ein ähnliches. Und schon damals vermuteten die Inder, dass es sich um pakistanische Islamisten gehandelt habe. In der Folge massierten beide Länder ihre Truppen entlang den Grenzen. Erst nach monatelangem Säbelrasseln entspannte sich die Lage wieder.

Das Misstrauen zwischen Delhi und Islamabad aber blieb. Es bezog sich aus indischer Sicht stets auf den notorischen Inter-Services Intelligence (ISI), den Geheimdienst Islamabads. Und darin nur auf einzelne «faule Elemente», die sich vielleicht der Kontrolle der Staats- und Armeespitze entziehen. Der pakistanische Premier jedenfalls entsprach am Freitag der Bitte seines Kollegen und wird den Chefspion seines Landes nach Delhi schicken – zur gemeinsamen Untersuchung eines gemeinsamen Feindes. Das hat es bis dahin noch nie gegeben.

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