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Grandhotel oder Turnhalle

In der japanischen Krisenregion leben rund 135'000 Menschen in fast 2'500 Notunterkünften. Ihre Lebensumstände unterscheiden sich gravierend.

Einwohnerinnen und Einwohner von Futuba dürfen ihre verlassenen Häuser in Einweg-Overalls für zwei Stunden besuchen: Die Flüchtlinge steigen in Tamura in Busse. (26. Mai 2011)
Einwohnerinnen und Einwohner von Futuba dürfen ihre verlassenen Häuser in Einweg-Overalls für zwei Stunden besuchen: Die Flüchtlinge steigen in Tamura in Busse. (26. Mai 2011)
Keystone
Enge Verhältnisse: Eine Sporthalle in der Präfektur Fukushima wurde zur Notunterkunft umfunktioniert.
Enge Verhältnisse: Eine Sporthalle in der Präfektur Fukushima wurde zur Notunterkunft umfunktioniert.
Keystone
Das Grand Prince schloss im März seine Tore. Ende Juni wird das Hotel jedoch abgerissen.
Das Grand Prince schloss im März seine Tore. Ende Juni wird das Hotel jedoch abgerissen.
Keystone
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Sie haben das gleiche Schicksal, die Familien in der Schulturnhalle bei Tokio und die in den Notunterkünften nahe des Katastrophengebietes. Alle haben sie bei der Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe am 11. März ihr Heim, ihre Freunde und ihre Arbeit verloren. Doch die Lebensumstände, unter denen sie sich jetzt wieder zu berappeln versuchen, unterscheiden sich gravierend.

In der Schule in Kisai, eineinhalb Fahrtstunden nördlich von Tokio, behandeln Masseure die knirschenden Gelenke. Ein Pendelbus fährt mehrmals täglich zu öffentlichen Badehäusern. Ehrenamtliche Helfer basteln mit Senioren. Häufig sorgt Besuch für Unterhaltung, von Profisportlern bis zu Militärkapellen.

Ein paar hundert Kilometer nördlich in Natori ist das Gemeindezentrum bis in den letzten Winkel vollgestopft mit Menschen - sie lagern unter den Treppen, in den Fluren, vor der grossen Fensterfront. In einer anderen Notunterkunft in Ishinomaki sind manche dazu übergegangen, im Auto zu schlafen und die Fenster mit Pappe zu verdunkeln, um wenigstens ein bisschen Privatsphäre zu haben.

Überangebot an Instantnudeln

Die Regierung beteuert, sie benachteilige niemanden, habe es aber schwerer, Hilfsbedürftige in weiterer Entfernung von Grossstädten zu erreichen. «Das ist eine Frage der Logistik», erklärt ein Beamter des Gesundheitsministeriums. «Manche Notunterkünfte liegen in Gegenden, in denen Strassen blockiert sind.»

Seit der Katastrophe mit 27'000 Toten oder Vermissten sind Zehntausende obdachlos. Rund 135'000 Menschen leben in fast 2'500 Notunterkünften in Schulen, Sporthallen und Gemeindezentren an der Nordostküste. Die Regierung beeilt sich, Notquartiere zu bauen und Wohnungen im öffentlichen Wohnungsbau bereitzustellen, doch das dürfte fünf Monate dauern. Die Anwohner des havarierten Atomkraftwerks Fukushima können nicht vor sechs bis neun Monaten damit rechnen, heimzukehren.

Trotz der unterschiedlichen Umstände sind die Japaner noch besser dran als Katastrophenopfer in Entwicklungsländern, die manchmal jahrelang in Zelten wohnen und sich von Reis und Bohnen ernähren müssen. Manche Glücklichen kamen vorerst sogar im feinen Grand Prince Hotel Akasaka nahe des Kaiserpalasts in Tokio unter, das einmal bis zu 150'000 Yen (rund 1270 Euro) die Nacht kostete und gerade geschlossen wurde. Viele allerdings müssen mit kargen Räumlichkeiten vorlieb nehmen, mit harten Böden, zu wenig Decken und zu viel Instantnudeln.

«Es gibt keine Privatsphäre»

«Es gibt keine Privatsphäre in diesen grossen Sporthallen», klagt Akemi Osumi, die mit ihren drei Kindern in Kisai untergebracht ist. «Wir leben mit hundert weiteren Menschen im selben Raum, ohne Trennwände. Ich frage mich, wie lange alle das aushalten.» Dennoch gibt es dank grosszügiger Spenden vieles in der Schulturnhalle: Kartons voller Kleidungsstücke, Bücher und Spielzeug stehen bereit, 400 Paar neue Schuhe, Dutzende Kühlschränke warten auf neue Besitzer. 6000 Flaschen grünen Tee gibt es, 2,5 Tonnen Reis und 2,4 Millionen Pollenfiltermasken. Mahlzeiten und Gebäck werden geliefert. Alle paar Tage kommt ein Prominenter, um die 1.400 Überlebenden aus Futiuba aufzumuntern. Sogar Kaiser Akihito war da. «Es ist zu gut, wir werden fast schon verwöhnt», sagt Osumi. «Wir brauchen nicht einmal etwas zu sagen und bekommen schon zu essen.»

Die 380 Menschen im Gemeindezentrum in Natori 320 Kilometer weiter leben wesentlich spartanischer. Viele Familien haben ihr Plätzchen mit Stühlen oder Pappkarton abgegrenzt. Tagsüber gehen die jungen Leute zur Arbeit oder suchen in den Trümmern ihres Heims nach Brauchbarem, die Älteren liegen in Decken gehüllt und ruhen. Es gibt einen einzigen Fernseher mit ein paar Bürostühlen davor.

Im nahen Ishinomaki ist die Studentin Mika Kadowaki mit 17 anderen Menschen zusammen in einem Klassenzimmer einquartiert. Auf dem Fliesenboden liegen Decken gegen die Kälte. Erst vor ein paar Tagen wurden Duschen installiert. Um 22.00 Uhr geht das Licht aus, es herrscht Nachtruhe. «Es ist nicht schlecht in meinem Klassenzimmer, die Leute hier sind wie eine Familie geworden», sagt sie. Trotzdem: «Der Stress setzt manchen zu, und sie streiten mit anderen. Das zieht alle runter.» Fünf Mal ist sie seit dem Beben schon zwischen Notunterkünften und Freunden umgezogen. Bald ist es wieder so weit: Mit Schuljahresbeginn wird der Lehrbetrieb wieder aufgenommen, und die 600 Einquartierten müssen raus. In die nächste Notunterkunft.

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Bildhinweis: TOK107, TOK105, TOK104, TOK106, XSP105, XSP106

dapd/rl/rt

Ryan Nakashima und Jay Alabaster/ dapd/jak

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