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Die Schüsse hallen nach

Nach dem Attentat auf Christchurch wurde Jacinda Ardern zur Symbolfigur der Versöhnung. Jetzt fürchtet die neuseeländische Premierministerin um ihre Wiederwahl.

Thomas Hahn, Christchurch
In den Tagen nach dem Attentat schlossen sich in Neuseeland die Reihen, Premierministerin Jacinda Ardern (Mitte) fand die richtigen Worte. Foto: Kai Schwoerer (Getty)
In den Tagen nach dem Attentat schlossen sich in Neuseeland die Reihen, Premierministerin Jacinda Ardern (Mitte) fand die richtigen Worte. Foto: Kai Schwoerer (Getty)

Sie hat den Sitz im Gemeinderat von Fendalton-Waimiri-Harewood dann nicht bekommen. Aber Zahra Hussaini hatte Freude am Kommunalwahlkampf von Christchurch. Sie hat viel positives Feedback bekommen. Und nicht gewählt zu werden, kann passieren, wenn man sich als junge Kandidatin auf die Demokratie einlässt. Ausserdem: In Halswell-Hornby-Riccarton hat Gamal Fouda, der Imam der Al-Noor-Moschee, seinen Sitz gewonnen. Ein Muslim also macht seit Oktober mit in der Politik von Christchurch, das findet sie wichtig. Das ­spiegelt den Zeitgeist Neuseelands, so wie sie, Zahra Hussaini (28), Tochter einer afghanischen Flüchtlingsfamilie, ihn empfindet. «Ich habe ein starkes ­Gefühl, hierher zu gehören», sagt sie. «Gerade nach den Attacken.»

Neuseelands Vielfaltsgesellschaft wirkt friedlich und erschöpft am Ende dieses verwirrenden Jahres. Die Erinnerung ist noch frisch an jenen 15. März in Christchurch, als ein rechtsradikaler Terrorist in der Al-Noor-Moschee und am Islam-Zentrum von Linwood ins­gesamt 51 Menschen erschoss, 49 verletzte und das Selbstverständnis der Einwanderernation erschütterte. ­Gerade deshalb brauchen ein paar Leute jetzt etwas Abstand. Premierministerin ­Jacinda Ardern hat sich für ein paar Tage zurückgezogen. Im Rathaus von Christchurch sind nicht einmal die Pressesprecher zu sprechen, weil alle in den Festtagsferien sind. Es ist nicht besonders viel los in den Ladenzeilen der City, die nach dem verheerenden Erdbeben von 2011 neu entstanden sind. Auch ­Zahra Hussaini sagt, dass sie eine ­Pause brauche von der Lokalpolitik, damit sie sich um ihr Studium der Umwelt­wissenschaften kümmern kann.

Das Bild, auf dem die neuseeländische Premierministerin eine muslimische Frau ­umarmt, erleuchtete den Burj Khalifa in Dubai, das höchste Gebäude der Welt.

Trotzdem sitzt sie jetzt in einem Café an der Riccarton Road nicht weit von der Al-Noor-Moschee, um über Neuseeland, ihre Religion und die Folgen des ­Anschlags zu sprechen. Sie ist eine ­zierliche Person mit Kraft, sanft und entschlossen, und sie hat Lust darauf, sich einzubringen mit ihrem Glauben, ihrem Kiwi-Stolz, ihrer Toleranz. Sie will zeigen, dass dieser Anschlag das Land nicht zerrissen hat. Sie ist Mitglied des Rasol-O-Allah-Zentrums in ­Bishopdale, von den Anschlägen hörte sie damals aus den Nachrichten. «Ich konnte mir so etwas hier nicht vorstellen.» In den Tagen danach erlebte sie, wie sich Neuseelands Reihen schlossen, wie eine Woge der Solidarität die muslimische Gemeinde erfasste. Wie Jacinda Ardern die richtigen Worte und Gesten fand.

«Das war ein Wendepunkt», sagt Zahra Hussaini, «die Menschen sind seither offener für unsere Unterschiede.» Sie erinnert sich, wie sie kurz nach den ­Morden mit einer Freundin beim Kaffee sass. Sie trug ihr Kopftuch, wie immer. Eine Frau starrte sie an. «Ich schaute zu ihr hinüber und sagte: Hallo. Sie kam zu mir und sagte: Es tut mir leid, ich weiss nicht, was ich sagen soll. Und dann habe ich sie in den Arm genommen.»

Aber wie geht es weiter mit dem ­Bekenntnis zum Vielvölkerstaat? Wie tief wurzelt es wirklich? Das fragen sich viele. Denn natürlich gibt es auch in Neuseeland soziale Netzwerke mit ­anonymen Fremdenfeinden, kurzsichtige Interessen, innenpolitische Ränke. Mit ihrer mitfühlenden Art hat es Jacinda Ardern von der sozialdemokratischen Labour-Partei zu einer gefeierten Symbolfigur der Versöhnung gebracht. Sie sagte nicht nur: «They are us», sie sind wir. Sie zeigte es auch. Sie war bei den Trauernden. Sie bekannte sich zu ihnen, indem sie ein Kopftuch trug. Das Bild, auf dem sie eine muslimische Frau ­umarmt, erleuchtete den Burj Khalifa in Dubai, das höchste Gebäude der Welt. Den Hass des Täters liess sie in Anonymität versacken: «Wir in Neuseeland ­geben ihm nichts, nicht einmal seinen Namen.» Und sie setzte schnell ein ­Verbot von Schnellfeuerwaffen durch.

Kritik an Auftritt mit Kopftuch

Aber die Innenpolitik ist erbarmungslos. Im September 2020 sind Wahlen. Obwohl ihre Koalition mit Labour, Grünen und New Zealand First ein mutiges Klimaschutzgesetz verabschiedet hat, nach dem Neuseeland bis 2050 treibhausgasfrei sein soll – ihre Wiederwahl ist ungewiss. Viele Neuseeländer sind ungeduldig wegen sozialer Ungleichheit und Wohnungsmangel. Oppositionsführer Simon Bridges von der konservativen National-Partei hat sie «Teilzeit-Premierministerin» genannt, weil sie so viel unterwegs sei.

Bevor die Rückkaufperiode für Schnellfeuerwaffen am 20. Dezember auslief, beklagte die Waffenlobby, das Gesetz sei zu eilig durchgepeitscht worden. Es gab Kritik an der Königlichen Ermittlungskommission zu der Terrorattacke, weil diese zu wenig transparent sei. Und manche Frauen fanden auch Arderns Kopftuch falsch, weil es für die Unterdrückung von Frauen stehe.

Zahra Hussaini lächelt. «Kritik gibt es immer, auch wenn du die beste Person der Welt bist.» Sie ist selbst Labour-­Mitglied und Ardern-Anhängerin. «Nach dem Anschlag fragten sich viele: Kann ich mein Kopftuch noch öffentlich tragen, oder werde ich dann erschossen?» Ardern habe ihnen Vertrauen gegeben. Und dass es auch in Neuseeland Diskriminierung gibt, muss ihr niemand ­erzählen. «Diskriminierung ist unvermeidlich, besonders als Frau.» Wieder lächelt sie nachsichtig. Ihr wurde schon ein Job verwehrt, weil sie ihr Kopftuch nicht ablegen wollte. Sie wurde im Supermarkt angefeindet. Im Wahlkampf übersprühten Unbekannte Plakate mit ihrem Gesicht. Einzelfälle. Sie weiss, was sie an dem Land hat, in das sie vor 16 Jahren mit ihren Eltern kam. Aus ­Afghanistan kam kürzlich die Nachricht, dass Taliban einen Verwandten um­gebracht hätten. «Ich kann von Glück reden, dass ich hier aufgewachsen bin.»

Akzeptanz ist für ihn eine Kraftquelle für die Nation: Gamal Fouda ist der Imam der Al-Noor-Moschee, die ein Terrorist angriff. Foto: dpa
Akzeptanz ist für ihn eine Kraftquelle für die Nation: Gamal Fouda ist der Imam der Al-Noor-Moschee, die ein Terrorist angriff. Foto: dpa

Aber auch Neuseelands Frieden ist keine Garantie, das ist eine weitere ­Lehre des Anschlags, und deshalb sagt Imam Gamal Fouda: «Wir wollen Teil des Heilungsprozesses sein.» Das Freitagsgebet ist gerade zu Ende gegangen. Vor der Al-Noor-Moschee erinnern ­Blumen und bunte Steine an die ­gemeinsame Trauer, auf einem Plakat steht: «Allah segne unser Land.» In der Moschee ist es, als hätte es nie einen ­Anschlag gegeben. Und Misstrauen scheint auch nicht zurückgeblieben zu sein. Ein Gemeindemitglied hat den fremden Reporter umstandslos ins ­Gebäude geführt. Gläubige grüssen. Händeschütteln. «Alles okay?» Und ­Gamal Fouda nimmt sich sofort Zeit.

«Wir wollen das moderne ­Neuseeland und die moderne Muslim-Gemeinde in die Welt tragen.» Fouda spricht von Akzeptanz als Kraftquelle für die Nation, von Stärke durch Friedenserziehung. «Wir nutzen unsere Unterschiede, um unsere Nation stark zu machen.» Liebe statt Hass – das ist seine Botschaft. Deshalb hat er sich in den Gemeinderat wählen lassen, in dem er mit so weltlichen Dingen wie Verkehrsführung und Parkplätzen befasst ist. «Das gehört zum Brückenbauen dazu. Versuchen, Teil der Lösung zu sein.» Er wirkt voller ­Energie, wenn er davon erzählt.

Der Prozess wird eine Prüfung

Er senkt den Blick, wenn die Sprache auf den 15. März kommt. «Ich war in ­diesem Gebäude, als es passiert ist, von der ersten bis zur letzten Kugel.» Die ­Erinnerung ist noch frisch, und der nächste Juni wird sie neu aufwirbeln: Dann beginnt der Prozess gegen den ­Täter. Das beschäftigt Gamal Fouda. Es wird eine Prüfung, ihm zu begegnen, vor allem für die Familien seiner Opfer. Liebe statt Hass? Das sagt sich manchmal so leicht, aber Fouda will niemanden an falsche Gefühle verlieren. «Die Liebe dieses Landes fliesst in unserem Blut», sagt er, «ich werde nicht ­zulassen, dass uns jemand trennt.»

«Es ist eine harte Zeit für ihn», sagt Zahra Hussaini. Dieser Kugelhagel, dieses monströse Verbrechen – «das ist nichts, an das man nicht denken kann». Die Schönheit Neuseelands, die eleganten neuen Geschäfte von Christchurch, das üppige Grün des Hagley Park, die Wiesen, die Berge drumherum – all das muss immer wieder vor den Augen ­verschwimmen, wenn man an jenem Tag den Terror erlebt hat.

Zum Trauma der Flucht kommt das Trauma, im ­vermeintlichen Paradies schon wieder eine Gefahr erlebt zu haben.

Zahra Hussaini wühlt es auf, wenn fremde Leute sagen, über das Geschehene müsse man halt hinwegkommen. «Ja, machen wir ja auch, aber Traurigkeit braucht auch seine Zeit.» Zahra Hussaini kennt junge Leute, die nicht mehr zum Tatort kommen wollen. «Sie sagen, sobald ich in die Nähe komme, fühle ich diesen Tag.» Da helfen auch die neuen Überwachungskameras und Sicherheitsschlösser nichts, die nach dem Anschlag installiert wurden.

Und sie selbst weiss manchmal auch nicht so genau, was sie tun soll, wenn sie betroffene Familien sieht. Hingehen? Etwas sagen? Trösten? «Ich möchte die Wunden nicht wieder aufreissen.» Und in Bishopdale ist ihr aufgefallen, dass deutlich weniger Leute als vor dem ­Anschlag ins Islam-Zentrum kommen. Sie ahnt, woran das liegt. Zum Trauma der Flucht kommt das Trauma, im ­vermeintlichen Paradies schon wieder eine Gefahr erlebt zu haben. Die ­Schüsse von Christchurch hallen nach in vielen Seelen. Neuseelands Frieden hat noch viele Ängste zu heilen.

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