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Die Angst vor der zweiten Welle

In Pakistan kämpfen die Hilfskräfte verzweifelt gegen die Folgen der Flutkatastrophe. Derweil rollt laut Experten eine zweite Flutwelle gen Süden – in Richtung einer Millionenstadt.

Noch immer sind zahlreiche Felder in Pakistan überflutet, und bald beginnt der Winter. Hier Shah Jamal, 5. September 2010.
Noch immer sind zahlreiche Felder in Pakistan überflutet, und bald beginnt der Winter. Hier Shah Jamal, 5. September 2010.
Keystone
29. August: Die Fluten ausserhalb von Thatta gehen zurück.
29. August: Die Fluten ausserhalb von Thatta gehen zurück.
Keystone
Leute, die von der Flut betroffen sind, demonstrieren in den Strassen von Nowshera gegen die Regierung.
Leute, die von der Flut betroffen sind, demonstrieren in den Strassen von Nowshera gegen die Regierung.
Keystone
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Der Chef der Meteorologie-Behörde, Qamar-u-Zaman Chaudhry sagte, nach Regenfällen im Norden zu Wochenbeginn rolle eine zweite Flutwelle durch die zentralpakistanische Provinz Punjab und weiter nach Süden. Die Wassermassen liessen den Fluss Chenab anschwellen, so Chaudry, und könnten trotz Schutzmassnahmen die Stadt Multan mit ihren rund 4,5 Millionen Einwohnern treffen. Das wäre die bislang grösste von der Flut betroffene Stadt. Chaudhry sagte am Donnerstag in Islamabad: «Die nächsten zehn Tage werden sehr entscheidend sein.»

Nach Angaben der UNO kosteten die schwersten Überflutungen in der Geschichte Pakistans rund 1200 Menschen das Leben. Das ist weniger, als zunächst befürchtet wurde. Etwa 14 Millionen sind von der Katastrophe betroffen, davon sechs Millionen Kinder. Sechs Millionen Menschen benötigen dringend Überlebenshilfe.

In einem Spendenaufruf hatte die UNO am Mittwoch bei ihren Mitgliedsstaaten 459 Millionen Dollar Soforthilfe angefordert. Die Schweiz reagierte bereits und verdoppelte ihre Pakistan-Hilfszusage für das UNO-Welternährungsprogramm WFP auf 1 Million Franken. Für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz IKRK stockte der Bund die Hilfen um 2 Millionen auf 3 Millionen auf.

Erste Pegel von Flüssen fallen

In den am heftigsten betroffenen Provinzen Sindh und Punjab fielen erstmals die Pegel von mehreren Flüssen und Staudämmen. Allerdings wurden in der Stadt Muzaffargarh erneut 400'000 Menschen vor den anrollenden Fluten evakuiert. Für die kommenden Tage rechnen die Meteorologen nur noch mit vereinzelten Niederschlägen.

Dagegen leiden die Flutopfer unter glühender Hitze; die Gefahr von Krankheiten und Seuchen steigt weiter. Die UNO warnte deswegen am Donnerstag vor einer «zweiten Welle von Toten» und ermahnte die Weltgemeinschaft zu schnellerer Hilfe.

Nach Angaben eines Sprechers des UNO-Nothilfebüros (Ocha) entstanden im Punjab erste Zeltstädte. «Wir schätzen, dass mindestens zwei Millionen Menschen dringend Obdach brauchen, einem Viertel von ihnen haben wir bereits helfen können», sagte der Ocha-Sprecher.

Ganze Ernten vernichtet

Durch die Flutkatastrophe entstehen auch Milliardenschäden für die Landwirtschaft. Die Landwirtschaft macht in Pakistan mehr als ein Fünftel der Wirtschaftsleistung des Landes aus, hier arbeitet fast jeder zweite Beschäftigte.

Die Bauern rechnen nun mit grossen Ernteausfällen bei Weizen, Zucker, Reis und Baumwolle. Bis zu 500'000 Tonnen der Weizenernte seien weggespült worden, teilte die Vereinigung der Landwirte mit. Pakistans Bauern ernteten 2009/10 knapp 24 Millionen Tonnen Weizen. Viele Bauern sind Selbstversorger. Sie haben mit der Flut ihre Lebensgrundlage verloren.

Zardari liess auf sich warten

Präsident Asif Ali Zardari reiste am Donnerstag erstmals in die Flutgebiete. Er besuchte in der Provinz Sindh im Süden ein Flüchtlingslager und einen Staudamm. Zardari war trotz beginnender Katastrophe zwei Wochen lang durch Europa gereist und dafür von seinen Landsleuten heftig kritisiert worden. Und obwohl die Lage täglich dramatischer wurde, kehrte er wie geplant erst am Dienstag zurück.

Im «Wall Street Journal» hatte Zardari sich am Mittwoch gegen die Vorwürfe verteidigt. Persönlich hätte er sicher vom «politischen Symbol» eines Besuchs vor Ort profitiert, schrieb er: «Doch hungrige Menschen können keine Symbole essen. Die Situation verlangte nach Aktion, und ich habe gehandelt und die Welt mobilisiert».

Im Wettlauf mit Islamisten

Im Wettstreit mit radikalislamischen Hilfsorganisationen um die Sympathien der Bevölkerung erhöhten die USA am Donnerstag ihre Hilfe für Pakistan. Es sei ein Helikopterträger entsandt worden, der den Einsatz von 19 Helikoptern erlaube, teilte US-Verteidigungsminister Robert Gates mit.

Bislang hatten die Amerikaner nur sechs Helikopter für die Rettung eingesetzt. Washington und die mit den USA verbündete pakistanische Regierung fürchten, dass die Islamisten noch stärker an Einfluss gewinnen könnten.

SDA/raa

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