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Chinas verwöhnte Einzelkinder

Peking erwägt, die Kinderzahl nicht mehr zu beschränken. Die Chinesinnen aber haben keine Lust mehr zu gebären.

Hebt China bald jegliche Beschränkungen bei der Kinderplanung auf? Ein Kindermodel auf einem Laufsteg. Bild: Keystone
Hebt China bald jegliche Beschränkungen bei der Kinderplanung auf? Ein Kindermodel auf einem Laufsteg. Bild: Keystone

Der Bauch der Frau, in der Volksrepublik China stand er immer im Dienste der Partei: Nach der Machtübernahme 1949 trieb Mao Zedong die Chinesinnen an zum fleissigen Gebären für die Nation. Und als dieser dann die Überbevölkerung drohte, verordnete Deng Xiaoping dem Land die Ein-Kind-Politik. Er liess im ganzen Land eine allmächtige Familienplanungsbürokratie errichten, die über mehr als drei Jahrzehnte hinweg an ihrem Volk eines der grössten und mitunter auch brutalsten sozialen Experimente durchführte. Zwangsabtreibungen, hohe Strafen und der Ausschluss illegal geborener Kinder von Schulen und Sozialleistungen brachten Leid über viele Million Familien.

Und das Ergebnis? Mindestens 30 Millionen junger Männer, die nie eine Frau finden werden. Eine Generation von Einzelkindern, die einerseits sagenhaft verwöhnt sind, und auf die sich andererseits der Druck hoher Erwartungen von Eltern und Grosseltern konzentriert. Eine rapide alternde Gesellschaft ohne ein soziales Netz, also eine schnell anschwellende Zahl von Rentnern, die von ebendiesen Einzelkindern Unterstützung erwarten. Und eine Wirtschaft, der die Arbeitskräfte knapp werden.

Der KP schwant schon seit längerem, dass da etwas ziemlich schiefgelaufen ist. Im Herbst 2015 schon machte sie aus der Ein-Kind-Politik eine Zwei-Kind-Politik. Und wenn stimmt, was die Nachrichtenagentur Bloomberg vor ein paar Tagen vermeldete, dann erwägt die Regierung nun etwas, was chinesische Demografen schon seit vielen Jahren verlangen – die Abschaffung jeglicher Beschränkungen der Kinderzahl.

China ist alt, bevor es reich ist

Die Regierung schätzte im letzten Jahr, dass schon 2030 jeder vierte Chinese älter sein wird als 60 Jahre, 2010 war es gerade mal jeder Achte. 2030 soll es dann 1,45 Milliarden Chinesen geben – hernach soll die Bevölkerungszahl erstmals sinken. Altern tun auch andere Gesellschaften, in Europa oder in Japan zum Beispiel. In diesen Ländern allerdings ist die Wirtschaftsleistung pro Kopf ein Vielfaches von der Chinas, zudem haben sie einen ausgebauten Wohlfahrtsstaat. China aber wird alt, bevor es reich ist. Die KP versucht nun mit aller Macht, die Leute zum Kinderkriegen zu bewegen, in der Stadt Yichang ermahnte sie Parteimitglieder, sie sollten sich als Patrioten «an die Front begeben» – also schnellstmöglich fürs Vaterland ein zweites Kind in die Welt setzen.

Im Moment sieht es allerdings so aus, als hätten die Leute schlicht keine Lust mehr: Im ersten Jahr nach der Lockerung von 2015 schnellte die Zahl der Geburten nach oben, aber schon im letzten Jahr fiel sie wieder um 3,5 Prozent auf 17,2 Millionen Geburten. Den Chinesen geht es nicht anders als den Menschen in Europa: Das Leben in den Städten ist zu teuer, die Arbeit zu anstrengend, mehr als ein Kind glauben sich viele nicht leisten zu können. Bei einer Umfrage des Jobportals Zhilian Zhaopin 2017 sagten 63 Prozent der befragten 40 000 Frauen, sie könnten sich kein zweites Kind vorstellen. «Die Abschaffung der Ein-Kind-Politik wird den Schaden nicht wiedergutmachen können, den sie über mehr als 30 Jahre hinweg angerichtet hat, indem sie eine Bevölkerung geschaffen hat, die zu männlich, zu alt und zu klein ist für ein starkes Wirtschaftswachstum», schreibt Mei Fong, Autorin des Buches «One Child» über Chinas Familienplanungspolitik.

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