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Aus der Trauer wächst die Wut

Der Tod des Arztes, der vor dem Coronavirus gewarnt hatte, hat eine digitale Revolte ausgelöst. Die Zensur kommt nicht mehr nach. Denn viele Chinesen sehen in Li Wenliang einen Märtyrer.

Der Warner von Wuhan ist tot: Blumen für Li Wenliang. Foto: Reuters
Der Warner von Wuhan ist tot: Blumen für Li Wenliang. Foto: Reuters

Am Donnerstagabend gab es die ersten Gerüchte, dass der Augenarzt Li Wenliang aus Wuhan gestorben sei. Er hatte im Dezember Kollegen vor einer Häufung von Infektionen gewarnt, als die Regierung in Peking zwar schon von der neuen Lungenkrankheit wusste, den Ausbruch aber noch zu vertuschen versuchte.

Li Wenliang war von den lokalen Behörden zum Schweigen gezwungen worden, er musste sogar ein entsprechendes Papier unterschreiben. Kurz danach steckte er sich bei einer Patientin an, die er wegen einer Augenkrankheit behandelte. Erst bekam er Husten, am nächsten Tag Fieber. Dann musste er ins Spital. Nun ist er gestorben.

Die Informationen über seinen Tod waren zunächst widersprüchlich. Die staatliche «Global Times» meldete kurz vor elf Uhr seinen Tod, es herrsche «landesweite Trauer». Um ein Uhr nachts korrigierte das Blatt den Bericht und behauptete, Li befände sich noch in der Notfall­behandlung. Kurz vor vier Uhr früh folgte die Nachricht des Spitals, Li sei um 2.58 Uhr gestorben. Laut anderen Medienbe­richten war er da bereits seit Stunden tot, die Behörden hatten aber aus Angst vor den Re­aktionen der Bevölkerung interveniert. Er sei weiter an einer Herz-Lungen-Maschine angeschlossen geblieben. «Sie haben dich nicht leben lassen, sie haben dich nicht sterben lassen», schrieb ein Nutzer im Netz.Millionen Menschen verfolgten das Zögern der Behörden, den Tod des jungen Arztes zuzu­geben, das Hin und Her und die unterschiedlichen Meldungen in den Staatsmedien über die sozialen Netzwerke.

5000 Menschen in Lebensgefahr

Der Hashtag mit der Forderung nach Pressefreiheit wurde massenhaft geteilt. Das sei ein Grundrecht, das ihnen die chinesische Verfassung zusichere, schrieben viele Internetnutzer. Populär war auch der Hashtag, in dem die Nutzer verlangten, die Regierung in Wuhan müsse sich bei der Familie von Li entschuldigen. Der 34-Jährige hinterlässt eine schwangere Frau und einen fünfjährigen Sohn. Seine Eltern hatten sich beide mit dem Virus infiziert, sollen sich von der Krankheit aber erholt haben.

Eine digitale Revolte diesen Ausmasses hat es in China seit Jahren nicht mehr gegeben. Viele Menschen sehen in Li einen Helden und Märtyrer. Sein Schicksal symbolisiert für viele die ­tragische Folge der zögerlichen Reaktion der Behörden in der Gesundheitskrise, die mindestens 638 Menschen das Leben ge­kostet hat. Mehr als 31 500 Personen sind infiziert, fast 5000 sollen in Lebensgefahr sein.

Zudem gilt die Ausbreitung des Virus weiterhin als nicht gestoppt. Immer noch befindet sich ein Grossteil des öffentlichen ­Lebens in einer Zwangspause. Unternehmen, Schulen und Universitäten haben geschlossen. Neben der abgeschotteten Region Hubei haben auch weitere Städte Quarantäne verhängt.

«Wir wissen, sie lügen»

Für Peking ist der Tod des Arztes eine politische Katastrophe. Das Zentralkomitee verkündete am Freitagmorgen, ein Ermittlungsteam werde «die Fragen des Volkes» zu den Vorfällen untersuchen. Das Staatsfern­sehen versuchte, die Wogen zu glätten, und lobte den Arzt als «einfachen Held» und «ausgezeichneten Repräsentanten» des medizinischen Berufsstandes. Seine «Professionalität» und seine «medizinische Ethik» hätten ihn veranlasst, in den Anfängen der Epidemie die Öffentlichkeit zu warnen – eine Warnung, welche genau diese Staatsmedien als Gerücht abgetan hatten.

Bilder von Nachrichtensendungen, in denen die Sprecher im Januar über die Festnahme von acht Ärzten berichtet hatten, werden nun vielfach im Netz geteilt. «Wir wissen, sie lügen. Sie wissen, sie lügen», schrieben die Menschen darunter. Sie teilten bald darauf die zensierte Hymne des Protests in Hongkong: «Do You Hear the People Sing». Und sie veröffentlichten Kerzen, Karikaturen von Li mit einer stilisierten Schutzmaske aus Stacheldraht und einem Engel, der den Mann davonträgt, bevor ihm seine Flügel von einer Hand mit einem Ring mit KP-Symbolik abgeschnitten werden.

Sicher dürfte die Regierung den Protest langfristig unter Kontrolle bringen. Überwachung und politische Kontrolle geben Peking die Macht, mit Widerständen wie diesen umzugehen. Doch der Ausbruch des Coronavirus und die andauernde Un­fähigkeit, die Lage in den Griff zu bekommen, hat grosse Teile der Bevölkerung verunsichert.

Gestern verschärfte die Re­gierung die Vorgaben für die sozialen Medien. Zensoren löschten Kommentare. Die Masse an Nachrichten machte es aber unmöglich, das Thema komplett verschwinden zu lassen. Ein Zitat von Li Wenliang wurde dabei besonders häufig geteilt: Eine gesunde Gesellschaft sollte nicht nur eine Stimme kennen.

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