Kaiserin mit Anpassungsschwierigkeiten

Masako, die neue Kaiserin Japans, litt lange an Depressionen, weil ihr das Hofleben nicht entsprach.

Masako, die neue Kaiserin Japans, kehrt nach der zeremoniellen Übergabe des Throns am 1. Mai im Auto zum Kaiserpalast zurück. Foto: Chika Ohshima (Keystone)

Masako, die neue Kaiserin Japans, kehrt nach der zeremoniellen Übergabe des Throns am 1. Mai im Auto zum Kaiserpalast zurück. Foto: Chika Ohshima (Keystone)

Christian Zürcher@suertscher

Sie hatten lange Mühe mit ihr, die Japaner, mit der Kronprinzessin Masako. Erstens, weil sie mit ihren 161 Zentimetern grösser ist als ihr Mann Naruhito – das schickt sich nicht in Japan. Zweitens, weil sie als Bürgerliche gilt – das mögen Traditionalisten nicht. Drittens, weil sie keinen Sohn gebar – in Japan dürfen nur Männer auf den Thron. Und viertens, weil sie ob all dem Druck an Depressionen zu leiden begann. In einem Land, in dem es nicht schicklich ist, Schwäche zu zeigen, heisst das offiziell: Anpassungsschwierigkeiten.

Doch seit gestern ist sie nun auch hoch offiziell: Kaiserin. Das bisherige Kaiserpaar dankte ab, nun besteigen die Jungen den Thron. Wobei jung so eine Sache ist: Kaiser Naruhito ist 59, Masako 55.

Die beiden haben sich 1986 in Spanien kennen gelernt. Er fand sie sofort toll, sie erzählte einer Kollegin nach einem zweiten Treffen, dass dieser Kronprinz «nicht gerade ihr Typ» sei. Kaiser Naruhito gilt als besonnen, warm und scheu. Doch bei Masako war er auch hartnäckig. Dreimal machte er einen Heiratsantrag, erst den dritten nahm sie 1993 an. Sie wollte ihre Karriere als Diplomatin nicht aufgeben und hatte Respekt vor der Aufgabe und dem Hofleben. Sie bekräftigte das 2018 bei einem seltenen Interview: «Wenn ich über die kommenden Tage nachdenke, fühle ich mich unsicher, wie hilfreich ich sein kann.»

«Eine Gefangene auf dem Thron»

Masako spricht fünf Sprachen, ihr Vater gehörte zu den einflussreichsten Diplomaten des Landes, und so war die Welt ihr zuhause. Sie ging in Moskau in den Kindergarten, in New York, Boston und Tokio zur Schule, machte den Universitätsabschluss in Harvard und arbeitete für das japanische Aussenministerium. War die Freiheit lange ihre Begleiterin, lebte sie ab dem Entscheid, Kronprinzessin zu werden, in einem royalen Käfig. Masako soll gehofft haben, ihr Land als Kronprinzessin international vertreten zu können. Doch das Hofprozedere sieht das nicht vor, es ist einengend, anders kann man das nicht sagen.

Japanische Royals leben ohne Kreditkarte, Mobiltelefon oder Führerausweis. Kämmerlinge bestimmen den Tagesablauf und machten aus der modernen, dynamischen Masako eine angepasste Frau. Der australische Journalist Ben Hills schrieb gar ein Buch über sie: «Princess Masako – a Prisoner of the Chrysanthemum Throne» – eine Gefangene auf dem Thron. Das Aussenministerium wollte die Veröffentlichung verhindern und sprach von Mängeln und Fehlern im Buch.

Trotzdem bat Ehemann Naruhito, man möge Masako mehr Handlungsspielraum einräumen. Und wie wurde der Thronfolger dafür gerügt, auch die Mutter kritisierte ihn, ausgerechnet sie, selbst eine Nichtadlige und ebenfalls lange von Depressionen respektive Anpassungsproblemen geplagt.

Als Masako 2001 endlich ein Kind gebar, wurde der Ärger nicht weniger – es war ein Mädchen. Seit aber 2006 eine Schwägerin einen Buben und damit einen kommenden Kaiser geboren hat, ist der Druck ein bisschen von Masako abgefallen, sie absolviert nun wieder mehr offizielle Termine und Empfänge. Ärzte aber warnten sogleich, Masako bleibe nach wie vor «empfänglich für Erschöpfung». Schönes schlimmes Hofleben.

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