Wer wirft den ersten Stein auf die Brandstifter am Amazonas?

Die Welt muss Druck auf Brasilien ausüben, bis das Problem der Brandrodungen gelöst ist. Und noch mehr.

Arthur Rutishauser@rutishau

«Unser Haus brennt. Wortwörtlich», sagte der französische Präsident Emmanuel Macron letzten Donnerstag und schlug vor, das Problem der verheerenden Waldbrände am Amazonas am G-7-Gipfel in Biarritz zu besprechen. Angela Merkels Unterstützung war ihm gewiss. Doch da in Biarritz kein Vertreter des Amazonas-Staates ­zugelassen ist, sprach Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro sofort von «kolonialistischer Denkweise». Zu Recht, denn dass mit dem ­Amazonas-Regenwald die Lunge der Welt brennt, darüber sind sich alle einig – doch wer ist schuld, und wer hat die moralische Autorität, mit dem Finger auf die Brasilianer zu zeigen?

Die Franzosen nicht, die Deutschen nicht und die Schweizer grad auch nicht , denn wir alle verursachen pro Kopf doppelt so viel und im Fall von Deutschland sogar viermal mehr CO2-Ausstoss als die Brasilianer. Ganz zu schweigen von ­Donald Trumps Amerikanern, die siebenmal mehr vom Klimagas ausstossen als Bolsonaros Landsleute. So dringend es ist, effiziente Massnahmen gegen die Waldbrände zu finden, der ­G-7-Gipfel am Wochenende in Biarritz, wo die mächtigsten und wohl­habendsten Staaten ­zusammenkommen, ist dafür kein gutes Forum. Die dort versammelten Staatschefs können zwar darüber diskutieren, wie sie in ihren Ländern Massnahmen ergreifen, damit die Erderwärmung gestoppt werden kann. Aber die moralische Autorität, dem Rest der Welt zu sagen, was zu tun ist, haben sie nicht.

Wir Schweizer auch nicht, denn auch wir verursachen mit unserem Lebensstil einen CO2-Ausstoss, der weit über dem liegt, was ohne Konsequenzen für die Nachwelt zulässig ist. Die CO2-Problematik hat eine soziale Komponente, die dringend auf den Tisch muss. Die meisten Bauern, die im Amazonas Jahr für Jahr den Wald anzünden, sind arm und erhoffen sich vom neu gewonnenen Land ganz einfach ein besseres Leben. Oder anders gesagt: ein bisschen vom Luxus, den wir bereits geniessen. Ganz zuoberst steht der Wunsch nach dem eigenen Auto. Doch wenn eine wachsende Mittelschicht in der Dritten Welt es sich leisten kann, ein Auto zu kaufen, das so funktioniert wie die Fahrzeuge, mit denen wir herumfahren – dann ersticken wir mittelfristig alle in den Abgasen. Und bei der Erderwärmung sprechen wir bald einmal nicht mehr von 2 oder 4 Grad, sondern von viel mehr.

Was sollen wir denn tun? Kurzfristig kann man auf politischer Ebene von Bolsonaro verlangen, dass er das Problem der Brandrodungen ernst nimmt, bevor man mit dem Mercosur ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Längerfristig müssen wir Wege finden, wie wir wirtschaften können, ohne die Welt zu zerstören. Das geht nur mit einer Abkehr vom fossilen Zeitalter. Erst wenn wir das erreicht haben, haben wir wirklich die moralische Autorität, die Brandstifter im Amazonas zu kritisieren.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt