Undiplomatisches Räuspern

Markus Somm über Neuestes vom Hofe Trump.

Hat den Draht zum Trump-Establishment nicht gefunden: Sir Kim Darroch, der zurückgetretene Botschafter Grossbritanniens in Washington. Archivbild: Alex Wong (AFP).

Hat den Draht zum Trump-Establishment nicht gefunden: Sir Kim Darroch, der zurückgetretene Botschafter Grossbritanniens in Washington. Archivbild: Alex Wong (AFP).

Markus Somm@sonntagszeitung

Der britische Botschafter in Washington, Sir Kim Darroch, gab diese Woche seinen Rücktritt bekannt, – faktisch dazu genötigt von Donald Trump, dem amerikanischen Präsidenten, der ihn per Twitter als «dummen Kerl» und «aufgeblasenen Narren» abgekanzelt hatte. Gleichzeitig teilte das Weisse Haus mit, dass man mit diesem Botschafter nicht mehr zusammenarbeiten möchte. Ohne das zu sagen, war Darroch damit praktisch zur Persona non grata erklärt worden, was man früher mit sowjetischen Diplomaten zu tun pflegte, die sich als Spione erwiesen hatten. An eine normale Tätigkeit war für Darroch nicht mehr zu denken. Er musste gehen.

Den Zorn des empfindlichsten und gröbsten Präsidenten seit Nero hat sich Darroch zugezogen, weil er in vertraulichen Berichten nach London die Administration Trump unter anderem als «unfähig» und «chaotisch» bezeichnet hatte. Die Berichte waren vor gut einer Woche von einer britischen Zeitung publiziert worden. Seither herrscht sehr dicke Luft über dem Atlantik. Ausgerechnet zu einer Zeit, da Grossbritannien angesichts des nahenden Brexit Freunde wie die USA bräuchte, so befürchten manche in London, hat ein Diplomat getan, was Diplomaten selten tun sollten: undiplomatisch, also ehrlich zu sein.

Die Diplomaten gehören zum Establishment, das ist ihr Problem

Gewiss, man verteidigt Darroch auch: Es müsse möglich sein, dass ein Botschafter seine Einschätzungen ungeschminkt weitergebe, zumal diese Berichte tatsächlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Doch das ist der Haken: Wenn Darroch wenigstens originelle, geheime Einsichten nach London gekabelt hätte. Doch, was er schrieb, erfährt jeder, der eine halbe Stunde CNN schaut oder einen Artikel in der New York Times liest. Was Darroch wiedergibt, ist allen bekannt, warum also einen hochbezahlten Mann in Washington stationieren, der so viel weiss wie jeder Taxifahrer in London? Ohne Frage ist das ein unfairer Vorwurf, sicher hat Darroch auch klügere Dinge getan. Zum Beispiel hat er an 700 gesellschaftlichen Anlässen teilgenommen, man kennt ihn in Washington, aber vielleicht in den falschen Kreisen; zum Trump–Lager, was schwer genug ist, fand er nie Zugang.

Damit verkörpert er ein Dilemma, das viele Diplomaten, auch schweizerische, zunehmend erleben: Je mehr Regierungen an die Macht kommen, die sich als Rebellen gegen das Establishment sehen, ob in Italien, Ungarn oder eben Trump, desto mehr müssen Diplomaten spüren, wie sehr sie selber Teil dieses Establishments sind. Oft verstehen sie deshalb kaum, was so eine Regierung bewegt. Ihre Berichte sind dementsprechend hilflos. Ausserdem sind viele Diplomaten der jüngeren Generation wohl einfach zu politisch geworden: Statt agnostisch die Welt zu betrachten, haben sie sich selber politischen Anliegen verschrieben. So gut wie alle britischen Diplomaten, so behauptete unlängst ein britischer Diplomat, wenn auch anonym, im Telegraph, halten die EU–Mitgliedschaft ihres Landes für eine gute Sache und lehnen den Brexit ab. In der Schweiz dürfte es nicht anders aussehen, und die meisten unserer Diplomaten betrachten die EU sehr viel wohlwollender, als nötig wäre. Viele Diplomaten glauben an internationale Institutionen, an multilaterale Lösungen und sehen den Nationalstaat, ihren Arbeitgeber, als mehr oder weniger überholt an.

Er hat seinem Land keinen Dienst erwiesen

Das alles ist kein Problem, wenn dies mittlerweile nicht die unité de doctrine in den Aussenministerien des Westens wäre. Es fehlt an Pluralismus wie in anderen Lebensbereichen. Man hält nicht mehr aus, wenn Widerspruch aus dem Innern kommt, sondern zieht es vor, unter sich zu bleiben, damit man ja nicht zu hart nachdenken muss. Denn das ist es doch, was den Pluralismus so mühsam macht – man wird immerzu gezwungen, die Qualität der eigenen Argumente zu schärfen, was nicht nötig ist, wenn man die Leute, die es anders sehen, gar nicht mehr hört. Nonkonformisten, Querulanten und Dissidente waren deshalb noch nie beliebt, ob im Mittelalter in den Augen der katholischen Kirche oder heute in China oder leider auch immer öfter im Westen.

Selbstverständlich ist es angezeigt, dass ein Diplomat die Regierung Trump kritisch begleitet, es gibt vieles daran auszusetzen, nicht zuletzt an einem Präsidenten, der Majestätsbeleidigung inoffiziell wieder zu einem Delikt gemacht hat. Dennoch hat Darroch seinem Land kaum einen Dienst erwiesen. Eine schwierige Regierung bietet auch Chancen. Bisher, so mein Eindruck, haben unsere Diplomaten und Politiker, die mit den USA zu tun haben, das besser gemacht. Selten waren die Beziehungen zwischen der Schweiz und Amerika heiterer.



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