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Kandidiert er oder nicht – Biden spannt Wähler auf die Folter

Noch immer hat US-Vizepräsident Biden nicht entschieden, ob er Hillary Clinton im Wahlkampf herausfordert. Ihre Gegner hoffen auf seine Kandidatur. Vielleicht ist es dafür aber schon zu spät.

Steht angeblich kurz vor der Entscheidung: US-Vizepräsident Joe Biden hat zu einer möglichen Präsidentschaftskandidatur noch kein Statement abgegeben. (17. Oktober 2015)
Steht angeblich kurz vor der Entscheidung: US-Vizepräsident Joe Biden hat zu einer möglichen Präsidentschaftskandidatur noch kein Statement abgegeben. (17. Oktober 2015)
Keystone

US-Vizepräsident Joe Biden ist für sein manchmal loses Mundwerk bekannt. Aber diesmal macht der Demokrat Schlagzeilen durch das, was er nicht sagt. Seit Wochen schon lässt der 72-Jährige die Öffentlichkeit auf seine Entscheidung warten, ob er ins Präsidentschaftsrennen einsteigt, ob er versuchen wird, Hillary Clinton die schon fast sicher scheinende Spitzenkandidatur noch zu entreissen.

US-Medien überbieten sich täglich mit Spekulationen über das Ob und Wann. Jetzt heisst es, Bidens Entscheidung stehe unmittelbar bevor. Aber das hat man auch schon früher gehört. Vielleicht wird es ja doch Ende Oktober.

Auch Unterstützer werden ungeduldig

Mittlerweile wirkt das Ganze schon wie ein Possenspiel, das durch seine Länge zu ermüden beginnt. Sogar unter Bidens stärksten Unterstützern macht sich Ungeduld breit. Er selber speiste ihn bestürmende Journalisten kürzlich erneut mit einem «Ich werde mit Euch allen später darüber sprechen» ab. Was immer das heisst.

Allerdings ist Biden alles andere als naiv, auch wenn er manchmal eher tölpelhaft verbal ins Fettnäpfchen tritt - wie etwa 2012, als er schwarze Wähler warnte, dass die Republikaner sie wieder «in Ketten legen» könnten. Der Vize dürfte sehr gut wissen, dass die Uhr immer lauter tickt.

«Keine Frage: Der D-Day ist für ihn da», sagt denn auch die demokratische Analystin Hillary Rosen. D-Day steht für Decision Day, Tag der Entscheidung.

Aber viele meinen, dass die Uhr sogar schon abgelaufen ist, Biden zu lange gewartet oder sich vielleicht auch selber ausgetrickst hat. Jeder nahm es ihm ab, als er im Sommer den Krebstod seines Sohnes Beau als Grund dafür anführte, dass er sich so schwer mit seiner Entscheidung tue.

Er sei noch dabei, den gerade erlittenen Verlust zu bewältigen, sich nicht sicher, ob er in der Lage sei, in einem Wahlkampf alles zu geben. «Ich habe diesen Punkt noch nicht erreicht», sagte er.

Taktische Motive?

Aber je länger er die Öffentlichkeit - und Hillary - auf die Folter spannt, desto stärker kamen Spekulationen auf, dass Biden auch taktische Motive habe. Clintons Wahlkampfauftakt war holperig, der Skandal um die Nutzung ihrer privaten E-Mail-Adresse für dienstliche Kommunikationen während ihrer Zeit als Aussenministerin hat sie hartnäckig verfolgt.

Linksaussen Bernie Sanders entpuppte sich als stärkerer Rivale als gedacht. Da lag der Gedanke nahe, dass Biden abwarten wolle, wie Clinton sich weiter im Wahlkampf macht - um dann vielleicht als Retter der Demokraten in den Ring zu steigen.

Tatsächlich resultierten die im Sommer immer lauter gewordenen Rufe «Run, Biden run» zum grossen Teil auf der eher schwachen Vorstellung, die Hillary bis dahin im Wahlkampf abgegeben hatte. Aber das ist mittlerweile anders geworden.

Nach ihrem glänzenden Auftritt bei der jüngsten ersten TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber hat sie ihre Position als Anwärterin auf die Spitzenkandidatur gefestigt.

Zunehmend traut man ihr auch zu, dass sie eine demnächst anstehende Kongressanhörung meistern wird. Da geht es um den Terrorangriff auf die US-Botschaft im libyschen Bengasi 2012, den Vorwurf von krassen Fehleinschätzungen. Spekulationen gehen dahin, dass auch dieses Hearing bei Bidens Zeitplanung eine Rolle spielen könnte.

Bidens Stern sinkt

Inzwischen heisst es in Medienkommentaren immer häufiger: «Wer braucht Biden eigentlich noch?». Und in einer jüngsten Umfrage in New Hampshire, das frühzeitig Vorwahlen abhält und daher besonderes Gewicht hat, sprachen sich nur 36 Prozent potenzieller demokratischer Wähler für eine Kandidatur Bidens aus. Erhebungen zeigen ihn derzeit US-weit auf Platz drei hinter Clinton und Sanders.

Die frühere First Lady hat inzwischen auch Abermillionen an Spenden für ihren Wahlkampf gesammelt, verfügt über eine gut geschmierte Wahlkampfmaschine und hat sich bereits die Unterstützung wichtiger Organisationen gesichert. Biden hätte arg aufzuholen.

Vor diesem Hintergrund versuchen besonders hartnäckige Anhänger nach besten Kräften, einen Niedergang der Biden-Begeisterung zu stoppen. «Wenn er sich für eine Kandidatur entscheidet, werden wir jeden von Ihnen brauchen», schrieb etwa der frühere Staatssenator von Delaware, Ted Kaufman, der zum engeren Biden-Zirkel gehört. «Und zwar gestern.»

Zögern schadet

Aber das Problem ist nicht nur die wachsende Statur Clintons. Umgekehrt erscheint Biden mit jeden Tag, den er wartet, schwächer. Und bei allem Verständnis für die Trauer um seinen Sohn ist es auch ein Fakt, dass die Amerikaner einen Präsidenten wollen, der stark wirkt, entschlossen, ohne Wankelmut.

Bidens Zögern passt dazu nicht. Und so mehren sich die Anzeichen, dass der Zug für ihn abgefahren ist, wie immer er sich auch entscheidet. Oder wann.

(SDA)

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