Hat Trump den Tod Baghdadis zu sehr ausgeschmückt?

Der US-Verteidigungsminister widerspricht Donald Trumps Schilderung der Tötung des IS-Führers – obwohl er die Operation neben ihm mitverfolgte.

Sie haben nicht das Gleiche gesehen: Verteidigungsminister Mark Esper mit Donald Trump. Foto: Keystone

Sie haben nicht das Gleiche gesehen: Verteidigungsminister Mark Esper mit Donald Trump. Foto: Keystone

Moritz Baumstieger@baumstieger
Paul-Anton Krüger@pkr77

Am Ende blieb nichts als ein Haufen grauer Schutt. Die US-Luftwaffe hat das Gehöft am Rand des nordsyrischen Dorfes Barisha bombardiert, in dem US-Soldaten zuvor Abu Bakr al-Bagh­dadi gestellt hatten, den selbst ernannten Kalifen der Terrormiliz Islamischer Staat. Verschüttet wird wohl auch ein Teil der Wahrheit bleiben über die letzten Minuten im Leben des meistgesuchten Terroristen der Welt und Details über den Hergang der Mission. Zumindest schält sich heraus, dass die bildhaften Schilderungen von US-Präsident Donald Trump sich entweder aus dessen exklusivem Wissen speisen – oder aus der Fantasie des Oberbefehlshabers.

Donald Trump hatte die Qualität der Bildübertragung aus der Provinz Idlib in Nordsyrien gepriesen. «Wie in einem Film» habe er im Situation Room des Weissen Hauses das Vorgehen der Elitesoldaten verfolgen können. «Wimmernd und weinend» sei Baghdadi mit drei Kindern in einen Tunnel geflohen, den ganzen Weg habe er geschrien, berichtete Trump.

«Der Präsident hatte wahrscheinlich die Möglichkeit, mit den Kommandanten zu sprechen, die vor Ort waren.»Mark Esper, US-Verteidigungsminister

«Ich kenne diese Details nicht», sagte indes Verteidigungsminister Mark Esper, der während der entscheidenden Minuten neben Trump sass. «Der Präsident hatte wahrscheinlich die Möglichkeit, mit den Kommandanten zu sprechen, die vor Ort waren», fügte Esper an – als sei es wahrscheinlich, dass der Verteidigungsminister keine Kenntnis vom Inhalt einer solchen Konversation haben würde.

Auch zur Frage, wie die USA Bagh­dadi auf die Spur kamen, gibt es divergierende Angaben. Der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu sprach davon, sein Land und die USA hätten «bei der Neutralisierung Baghdadis zusammengearbeitet». Aus dem irakischen Sicherheitsapparat heisst es konkreter, man habe bereits im Sommer Idlib als Bagh­dadis Aufenthaltsort identifiziert, ein Gebiet, das unter der Kontrolle von Hayat Tahrir al-Sham und Harras al-Din steht, zwei jihadistischen Gruppen, die al-Qaida verbunden sind – und mit dem IS verfeindet.

«Wie in einem Film»: Trump verfolgt das Geschehen im Situation Room des Weissen Hauses mit Verteidigungsminister Mark Esper (3. von rechts) neben sich. Foto: Reuters

Die Amerikaner hätten mit Drohnen und Satelliten den Ort fünf Monate überwacht. Nach US-Angaben konnte Bagh­dadi grob lokalisiert werden, nachdem eine seiner Frauen und einer seiner Kuriere verhaftet worden waren. In anderen Berichten heisst es, ein Schmuggler habe geplaudert, der Angehörige Baghdadis und ihn selbst nach Idlib gebracht haben soll.

Keine Kritik an US-Aktion

Auch die syrischen Kurden, die Trump unlängst fallen liess, wollen die entscheidende Information geliefert haben. Ein ehemaliges hohes IS-Mitglied habe sich ihnen als Quelle angedient, heisst es aus der US-Regierung. Der Strom an Hinweisen sei trotz Trumps Rückzug der US-Truppen von der türkisch-syrischen Grenze nie abgerissen, zitiert die «New York Times» ungenannte US-Regierungsmitarbeiter. Die CIA habe dann Spione in der Gegend platziert, um Baghdadis ­exakten Aufenthaltsort auszukundschaften – aus Angst vor Entdeckung benutzte er keine Handys oder andere elektronische Kommunikationsmittel.

Ein Mann fährt in der Provinz Idlib mit einem Kind an einer vom Krieg gezeichneten Hausfassade vorbei. Foto: Khalil Ashawi (Reuters)

Kritik an der US-Operation und der Art, wie Donald Trump den Tod des Feindes feierte, gab es in der islamischen Welt kaum. Zu verhasst war der selbst ernannte Kalif in vielen Ländern, schon weil die Opfer seines Terrors zum allergrössten Teil Muslime waren. Im Irak, Baghdadis Heimatland, dominierten am Montag die Massenproteste gegen die Regierung die Schlagzeilen, der Tod des Terrorpaten kam erst an zweiter Stelle – stets mit dem Hinweis versehen, dass die entscheidenden Informationen für die US-Operation aus Bagdad kamen.


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